THROBBING GRISTLE – TG Time Capsule (CD/ LP)

Sie sind zurück! Industrial Records Ltd. – Ein britisches Label, das einem ganzen Genre einen Namen gab und immer wieder als Referenz in der müßigen Debatte um Weitreiche und Grenzen des Industrial-Begriffes im Spiegel aktueller Entwicklungen herangezogen wird. Inwieweit das berechtigt ist, bleibt fraglich. Geht es nach Throbbing Gristle, den Köpfen hinter Industrial Records, so endete das ganze Unterfangen bereits 1981, als man verkündete: “The Mission is terminated“.

Throbbing Gristle an dieser Stelle ausführlicher vorzustellen, wäre wie Eulen nach Athen zu tragen. Wer sich zur Geschichte dieses so maßgeblichen Projektes tiefergehend informieren möchte, dem sei Simon Fords gelungene Monographie “Wreckers of Civilisation: The Story of Coum Transmissions & Throbbing Gristle“ ans Herz gelegt. Nach einer Reunion-Phase in der zweiten Hälfte des letzten Jahrzehnts nebst neuer Veröffentlichungen wie des Albums “Part Two: The Endless Not“ oder des Fan-Spielzeugs “Gristelism“ wurde das Projekt durch den Abtritt von Genesis Breyer P-Orridge wieder vorerst ad acta gelegt. Die Verbliebenen, namentlich Chris Carter, Cosey Fanni Tutti und Peter “Sleazy“ Christopherson machten unter dem Namen X-TG weiter. Letztes Jahr verstarb Sleazy, was laut Carter eine erneute Reunion ausschließt.

Dennoch, Industrial Records sind zurück und treten als Verwalter ihres eigenen Erbes auf. Nachdem die Verträge mit anderen Plattenfirmen ausgelaufen waren, entschied man sich alle Alben in Eigenproduktion neu aufzulegen. Der Vertrieb wird über Rough Trade abgewickelt. Seit November dieses Jahres sind sie nun als CD in der so genannten “TG Time Capsule“-Reihe wieder erhältlich. Selbstverständlich hat man die alten Cover beibehalten, sie aber durch eine einheitliche Rahmengestaltung der Digipacks äußerlich vereinheitlicht. Neben den ursprünglichen Beilagen sind noch Ausschnitte aus Reviews, Konzertberichten oder wirren Zeitungsartikeln wie auch zusätzliche Promo-Fotos beigefügt worden, die hin und wieder zum Schmunzeln einladen.

Aber nicht nur visuell hat man sich Mühe gegeben. Chris Carter selbst hat in jahrelanger Kleinarbeit die ursprünglichen Master-Tapes digital nachbereitet und mit großer Treue zu den Erstauflagen die Soundqualität hörbar verbessert, ohne dass der Charme des Originals durch übertriebene Nachbearbeitung verloren gegangen wäre. Das ist leider keine Selbstverständlichkeit und hier lobend zu erwähnen. Unkenrufe, man würde das neu erwachte Interesse an TG jetzt möglichst schnell in bare Münze umwandeln wollen, sind angesichts des getriebenen Aufwandes übrigens fehl am Platz. Denn jeder „TG Time Capsule“ ist eine zweite CD mit ebenfalls klanglich aufpolierten Live-Aufnahmen und Single-Versionen beigelegt. Die Auswahl dieser Bonus-CDs ist stimmig und alles andere als ein lieblos zusammengeschustertes Verkaufsargument. Für Vinyl-Puristen gibt es parallel von jeder Veröffentlichung eine auf 2000 Einheiten limitierte Auflage. Wer es komplett ohne schnöden physikalischen Ballast mag und auf elektrische Signale steht, der kann die Alben als günstigen Digital-Release erwerben.

Bis jetzt sind folgende Alben erhältlich: “The Second Annual Report of Throbbing Gristle”, “D.O.A. The Third & Final Report of Throbbing Gristle”, “Throbbing Gristle’s Heathen Earth”, “Throbbing Gristle Bring You… 20 Jazz Funk Greats”, “Throbbing Gristle’s Greatest Hits”. “Part Two: The Endless Not“ wie auch die Begleitveröffentlichung zur “Desertshore“-Installation sollen ebenfalls neu aufgelegt werden. Weiteres ist dazu noch nicht bekannt. Die Preise sind moderat und so kann ich eine vorbehaltlose Kaufempfehlung an all jene aussprechen, die sich mit der Entstehung der Industrial Music, den musikalischen Spätausläufern der Counterculture aber auch der direkten kulturellen Reaktion auf die anbrechende Thatcher-Ära beschäftigen möchten. So viel zu möglichst wortschwallenden Zielgruppenbeschreibung. Anders: jeder der mit TG mal etwas am Hut hatte oder jemals haben möchte, hat jetzt die ideale Gelegenheit Lücken im Plattenregal zu füllen, die “Hamburger Lady“ in exzellentem Sound zu goutieren und kennenzulernen. Bleibt zu hoffen, dass Ähnliches in absehbarer Zeit mit dem Nachlass von Sleazy geschieht und mindestens der gesamte Coil-Katalog wieder zu erschwinglichen Preisen verfügbar gemacht wird.

(AnP)