EDDIE VEDDER – Ukulele Songs/ Water On The Road (CD/ DVD)

„Ukulele? Ist das nicht das komische Ding, das sich anhört wie eine wachstumsgestörte Gitarre?“ Vorangehende Frage stellte eine kritische Freundin, nachdem ich ihr von Eddie Vedders jüngstem Wechsel des Saiteninstruments samt CD- und DVD-Release erzählte. Ihr Misstrauen ist nicht unbegründet: Wer denkt bei Erwähnung des possierlichen kleinen Viersaiters nicht zuallererst an südliche Urlaubsländer mit Livemusikbeschallung in Cafés, deren Musikern man ein paar Euro zusteckt in der Hoffnung, sie stellten die Darbietung heimatlicher Klänge für die Dauer eines Bierchens ein?

Eddie Vedders “Ukulele Songs“ allerdings könnten eigens dafür geschrieben sein, mit dererlei unsinnigen Vorurteilen aufzuräumen. Aller Zweifel an einem Rockmusiker, der vermeintlich langsam altersmilde wird, um sich dem verschrobenen Folk hinzugeben, verflüchtigt sich wie nachhallendes Feedback schon nach den ersten Sekunden, die man den Klängen von Vedders aktuellem Solo-Album lauscht – zusammen mit dem Gerücht, PEARL JAMs Sänger sei der am wenigsten talentierte Musiker seiner 90er Jahre-„Grunge“-Band. Alles falsch: Was Eddie aus der Ukulele rausholt an Akkorden und Gezupftem, klingt weder nach BUENA VISTA SOCIAL CLUB noch nach Alterssentimentalität. Alle sechzehn Songs werden so erfrischend dargeboten, dass mancher verstaubte Gitarren-Folkie daneben alt aussehen wird. Die Sammlung stellt eine Mischung aus neuem Material, PEARL JAM-Songs (“Can´t Keep”) und Coverversionen (“More Than You Know”, “Sleepless Nights”, “Once In A While”, “Tonight You Belong To Me”, “Dream A Little Dream”) dar. Besonderes Highlight für alle CAT POWER-Fans ist natürlich “Tonight You Belong To Me“, auf dem Chan Marshall ihren Auftritt als Backgroundsängerin hat. Durch das rein akustische, reduzierte Arrangement – allenfalls ist neben des Sängers neuem Lieblingsinstrument mal ein Cello zu hören (“Longing To Belong“) – kommt nun noch besser als auf dem ebenfalls wunderbaren Soundtrack zu “Into The Wild“ Vedders rasplig-samtene Gänsehautstimme zur Geltung, die sofort wohlige Zartbitter-Assoziationen weckt. Wer wird da gleich die Nase rümpfen? So viel Schmacht muss immerhin erlaubt sein, zumindest, wenn es so authentisch rübergebracht wird! Das Cover verkündet schöpferische Ernsthaftigkeit. Eine Steinskulptur sitzt tippend an einer Schreibmaschine: Künstlerisches Schaffen als ein in introspektiver Abgeschiedenheit stattfindender Prozess. Die Rückseite präsentiert denn auch einen der Kamera halb abgewandten, reifen Musiker im Jackett, der, wie man sich beim Hören der CD überzeugen kann, sich und seine Stimme gefunden hat. Bestätigung bei Hörern aller Altersklassen hat er als Sänger von PEARL JAM ohnehin längst erworben, jetzt kann er sich gelassen als Solokünstler den Projekten zuwenden, die ihn neben seinem „Hauptberuf“ interessieren.

Die fast zeitgleich erscheinende DVD “Water On The Road“ bestätigt den beim Hören des Albums gewonnenen Eindruck. Ein entspannter Eddie Vedder präsentiert leger und gutgelaunt dem Publikum im Washingtoner Warner Theater seine melancholischen Kompositionen, ebenfalls auf der Ukulele. In die Live-Performance eingefügt sind Aufnahmen, die den weltabgewandten Charakter der Kompositionen unterstreichen – Vedder beim Surfen, in der freien Natur – into the wild forever eben. Die 24 live performten Songs ziehen den Zuschauer satte anderthalb Stunden in ihren Bann. Wer allerdings von einer Konzert-DVD mehr erwartet als eine gefilmte Stage-Performance (etwa Interviewmaterial und Behind-the-scenes-footage aus dem Backstage-Bereich), der wird enttäuscht werden. Der Künstler hält sich bedeckt und lässt (wie gewohnt) die Musik für sich sprechen. Die ist aber auch aussagekräftig genug.

Es sieht so aus, als habe Eddie Vedder das Geschick gehabt, sich auf der Basis des frühen kommerziellen Erfolgs als Sänger einer der beliebtesten Rockbands unserer Zeit in aller Ruhe weiterzuentwickeln (statt sich, wie ein nicht unbekannter Kollege, den Kopf mit der Schrotflinte wegzuschießen). Wovon sowohl “Ukulele Songs“ als auch “Water On The Road“ zeugen, ist die große Halbwertzeit der Vedderschen Musik, die jeden in grauer Vorzeit (leider) untergegangenen Grunge-Mythos spielend zu überdauern vermag.

(M.Reitzenstein)