HERZ JÜHNING Interview

… oder Aktion der Befreiung

HERZ JÜHNING heißt der neue Stern am Industrial Angst Pop-Himmel und förmlich über Nacht begann dieser zu stahlen. Wie aus dem Nichts erschien 2007 die erste Single “Faces” des Ein-Mann-Projektes beim Traditions-Label Galakthorrö und war trotz einer (für heutige Zeiten) hohen Limitierung von 520 Stück sofort ausverkauft. Nicht anders erging es der Vinyl-Version des Debüt-Albums “Miasma”, welches im Fahrwasser des Labels bzw. der Referenzen zu HAUS ARAFNA und NOVEMBER NÖVELET großer Aufmerksamkeit beschieden war. An dieser Stelle nun das erste Interview mit dem Künstler:


? Für Deinen Projektnamen hast Du den Vornamen mit Herz vertauscht und Deinen Nachnahmen belassen – was willst Du damit ausdrücken?

Der Name HERZ JÜHNING entstand währen meiner Zusammenarbeit mit Galakthorrö, als ich an der “Faces”-Single arbeitete. Roland  von Galakthorrö brachte mich auf die hervorragende Idee. Das “Herz” spiegelt die Emotionalität meiner Musik wieder. Dort wo man mit Logik nicht mehr weiter kommt, und der gesunde Menschenverstand keine Lösung findet, werden Emotionen, egal welcher Art, als Wegweiser genutzt. Es heißt auch, ich bin mit meinem Herz dabei, bei der Sache, ich kämpfe für meine Ideen und deren Umsetzung. Und schließlich will ich andere daran teilhaben lassen. “Jühning” ist halt der Nachname. Das macht mich authentisch, kein Phantom unter Phantomen. Es macht greifbar und personalisiert.

? Was war für Dich der ausschlaggebende Punkt, vom Konsumenten zum Musiker zu wechseln und welche musikalische Sozialisation ging dieser Entwicklung voraus?

Gute Frage. Ich wollte verändern, den Zeigefinger heben. Und ich war der Annahme, die Möglichkeiten zu besitzen. Die Kunstform des Industrials oder der Intensivelektronik wirkte schon immer faszinierend auf mich. Die Sozialisation ist auch immer eine Interaktion, also eine Reaktion auf Erlebtes und Erlittenes, ohne aber autobiographisch zu werden. Als ich die ersten Demobänder an Galakthorrö schickte war ich voller Zweifel, den Ansprüchen zu genügen, kannte mich mit den Gegebenheiten im Kontakt mit dem Label nicht aus. Umso erstaunter war ich, als es mit der “Faces” dann klappte. Der ungezwungene, familiäre Umgang mit dem Label, gab mir die letzte Bestätigung, meines Tuns. Nun kann ich mich ausleben und das Label steht voll hinter mir. Ein guten Gefühl, wo bekommt man  denn heutzutage noch derart großes Vertrauen geschenkt?!

? Was für viele Musiker bzw. Künstler in der Szene ein Traum ist, hast Du sofort geschafft: Ein Label-Deal mit Galakthorrö! Wie kam es dazu?

Wie bereits in obiger Frage gesagt, habe ich meine Gedanken und Anliegen auf den Punkt gebracht. Stets linear, ohne viel Lametta Drumherum. Das gefiel Galakthorrö. Zwar war das erst der Rohschliff, aber mit der Hilfe von Karin und Roland von Galakthorrö, gelang mir schließlich die Erfüllung eines/des Traums, ein Vertrag mit Galakthorrö. Selbst jetzt befinde ich mich immer noch in der musikalischen Entwicklung. Rotierend und evaluierend. Das streben nach Perfektion, sozusagen, woran ich den Hörer teilhaben lasse.

? Deine Debüt-7” schlug ein wie eine Bombe und war sofort ausverkauft – warst Du von diesen Erfolg überrascht? Denkst Du des weiteren, dass der Erfolg ein gleicher gewesen wäre, wenn die Single bei einen anderen Label erschienen wäre?

Ich war natürlich sehr überrascht, als ich merkte, dass die Single am Tage der Veröffentlichung bereits ausverkauft war. Damit hatte ich bei Weitem nicht gerechnet. Obwohl ich gehofft hatte, dass die Platte von den Fans gut angenommen wird. Ob selbiger Erfolg bei einem anderen Label zu erwarten gewesen wäre, wage ich nicht einzuschätzen, da ich wenige Kontakte zu anderen Labels hege. Ich kann nur sagen, dass es ganz besonders an der Zuarbeit, Unterstützung und der Hilfe von Galakthorrö liegt, dass die Platte einen derartigen Durchstart erfahren hat.

? Wird es von der ausverkauften Single eine Nachauflage geben oder die Tracks später auf CD erscheinen?

Derzeit kann ich die Frage nur verneinen. Eine Neuauflage ist nicht geplant. Dass ich die Tracks einmal auf einer CD veröffentliche ist auch eher fraglich, dass jedes Werk an sich ein Unikat bleiben sollte, ich hasse Wiederholungen. Der geneigte Hörer hat aber immerhin den MP3-Shop von Galakthorrö, um in den Genuß der Single zu kommen, der Vinylsammler möge mir verzeihen.

? Was die Single schon angedeutet hat, wurde mit “Miasma” deutlich – HERZ JÜHNING klingt wie eine Mischung aus HAUS ARAFNA und NOVEMBER NÖVELET. Ist das nicht komisch, dass sich die Labelmacher die eigene Konkurrenz ins Boot geholt haben oder steckt dahinter etwa ein ausgefuchster Plan?

Es ist eher komisch, dass Du von Konkurrenz innerhalb eines Labels sprichst. So etwas gab es nie bei Galakthorrö und wird es nie geben. Eher die Kongruenz ist es, die uns zusammenbrachte und unter der wir so wunderbar funktionieren. Es mag zwar den ersten Anschein haben, dass sich Herz Jühning und die Gründerprojekte in gewissen musikalischen Mitteln ähneln, aber der Unterschied ist deutlich zu merken. Es sind eigenständige Personen mit eigenständigen Ideologien und das Equipment ist verschieden. Ich liebe es harte, rauhe Songs mit ruhigem Material zu mischen, ein Auf und Ab, sozusagen. Da steckt kein diabolischer Plan dahinter, es ist einfach meine subjektive Haltung zum musikalischen Gestalten, die das von Dir angesprochenen “Phänomen” forciert.

? Das Coverartwork von “Miasma” gibt mir einige Rätsel auf – was ist da zu sehen… wenn man fragen darf?

Die Frage hab ich in der letzten Zeit öfter gestellt bekommen. Dahinter steckt die Idee, wie man sich ein Miasma vorzustellen hat. Das Lehrbuch spricht von einem behäbigen Dampf. Nun, wir besitzen, aus ungeklärten Umständen, mehrere große, transparente Vasen im Haushalt, wovon ich eine mit Wasser füllte und normale Tinte hineintreufelte. Das ganze Geschehen wurde mit dem Fotoapparat festgehalten, die Ergebnisse bearbeitet und zu Galakthorrö geschickt. Roland, ein Meister der graphischen Raffinessen, hat dann eine Art Rorschach-Bilder daraus gemacht. Jeder Betrachter, sah andere Dinge in den Bildern. Die Besten wurden für die Gestaltung des Albums nominiert und finden sich nun auf dem Cover und im Booklet wieder.

? Das Labelinfo zu Dir besagt, dass Du ein Sachse wärst, der mit der Werteverteilung der westlichen Welt nicht zufrieden ist – kannst Du da bitte etwas ins Detail gehen?

Ja, das lässt sich nicht so auf die Schnelle erklären. Ich behandle in erster Linie Themen, die keiner so richtig ansprechen möchte, weil sie indiskrete Folgefragen aufwerfen. In der Welt läuft einiges aus dem Ruder, doch es macht sich keiner so richtig Gedanken darüber, wie man das ändern könnte. Es liegt vielleicht an der Medienabhängigkeit des Einzelnen, man glaubt schließlich, das was man im Fernseher sieht, oder im Tagesblatt liest. Das dies nur beschnittene Informationen sind, die weitestgehend nur zur Quotenjagd bestimmt sind, scheint keinen zu interessieren. Ich bevorzuge die Schocktherapie zum Begreifen der Realität, zur Erkenntnis, was wirklich los ist. Das ist eine wirkungsvolle Methode, auch, wenn es manchmal wehtut. Diese Welt ist ein hektischer Vortex aus Gewalt, Brutalität und Machtmißbrauch und nicht die schöne Regenbogenwelt, die uns gerne Vorgespielt wird. Fast täglich erreichen uns Nachrichten über Bluttaten und diversen Attentaten, religiös fehlgeleiteter Irrer. Ich gehe sogar so weit, zu sagen, dass die großen Weltreligionen einen beträchtlichen Anteil an dem perversen Weltgeschehen haben. Damit mache ich mir bestimmt keine Freunde und viele Bekannte kommen zu mir und sagen: “Das kannst Du doch nicht machen…”, aber ich kann es versuchen! Man stumpft ab, mit der Zeit. Wer interessiert sich schon noch für die Selbstmordattentate im nahen Osten? Wenn man eine Sache nur lange genug hört und es immer wieder wiederholt wird, akzeptiert man sie, ohne weiteres. Ich möchte diese Akzeptanzschwelle brechen, die Menschen resensibilisieren, für das, was passiert. Darum behandelt “Miasma” die gleichen Themen, wie schon die “Faces”, eine Fortsetzung sozusagen. Und ich werde weiter diese Schiene fahren. Solange es Tabuthemen gibt, wird es HERZ JÜHNING geben. Ich werde auch weiterhin in die Tiefe gehen, ungeschönt, dort hin, wo es weh tut, wo es bemerkt werden muss. Denn das ist der einzige Weg, sich noch Aufmerksamkeit zu verschaffen und eine positive Veränderung zu bewirken, so schlimm wie es auch ist, einen solchen Weg einschlagen zu müssen. Das ist die “Aktion der Befreiung”. Die Befreiung von allen manipulativen Faktoren, damit man die Fakten an sich betrachtet und deren Perversität begreift.

? Aber sind wir doch mal ehrlich – mit Deiner “Aktion der Befreiung” rennst Du doch offene Türen ein oder? Einerseits ist der typische Industrial-Hörer für solche Themen von Haus aus schon sensibilisiert, anderseits die Gothic-Maus, welche auf die “voll krassen” Sounds in der Disco von Dir abfährt, sind doch die von Dir thematisierten Probleme egal und den normalen Hörer erreichst Du ja sowieso nicht oder?

Ich bin mir sicher, dass es gerade in der Gothic-Szene noch intelligente Hörer und Zuhörer gibt. Was ist ein normaler Hörer? Man erreicht definitiv nur den, der auch erreicht werden will, und der sich anderen Sachen öffnet, die nicht seinen Alltagszielen entsprechen. Die “Aktion der Befreiung” ist meinerseits bewußt nicht klarer definiert. Am Ende versteht jeder etwas Anderes, Individuelles darunter. Wichtig ist, dass man sich von diversen schädlichen Einflüssen befreien muss und sich aktiv damit auseinandersetzt. Der von Dir angesprochene typische Industrial-Hörer sucht auch oftmals nach mehr Tiefgang, denn meistens bekommt er ja nur instrumentale Stücke dargeboten mit Sprachsamples aus verschiedenen historischen Epochen und Kulturen. Aus welchem Grund man nun HERZ JÜHNING hört, oder nicht, bleibt letztlich jedem selbst überlassen, daran kann ich nichts ändern und daran will ich nichts ändern.

? In einem Forum wurde zu Deinen 2 Veröffentlichungen von Szene-DJ’s angemerkt, dass Dein Sound im Gegensatz zu HAUS ARAFNA schlecht gemastert sein soll und er über große Anlagen dumpf und undynamisch klingen soll. Kannst Du das bestätigen bzw. nachvollziehen?

Beschallung ist ein heikles Thema und eine Wissenschaft für sich. Hier fließen unheimlich viele Faktoren mit ein. Bestätigen kann ich, dass die großen Anlagen der “Szene” budgetbedingt kein verläßliches Urteil über Audioqualität erlauben. “Miasma” wurde professionell gemastert, vom gleichen Toningenieur, der auch schon NOVEMBER NÖVELET und Hermann Kopp gemastert hat, mit feinstem Analog-Outboard, also daran wird es kaum liegen. Was mich betrifft, bin ich bestrebt mich tontechnisch weiterzuentwickeln und zu verbessern.

? Trotz diverser Angebote seit Jahren haben sich die Galakthorrö-Künstler bisher gegen Live-Auftritte erfolgreich verwehrt – sieht es bei Dir da ähnlich aus?

So ein Live-Auftritt muss wohl überlegt und von langer Hand aus geplant sein. Es ist eine Frage der Zeit, die einem zu solch  einem Auftritt zur Verfügung steht. Und ich bin im Moment noch nicht bereit, Live aufzutreten, weil mir die besagte Zeit fehlt. Sollte Galakthorrö es planen, einen Live Auftritt zu machen, bin ich natürlich dabei, das steht außer Frage. Mein erster Live-Auftritt sollte aber schon in Zusammenarbeit mit dem Label geschehen, denke ich.

? Gibt es für HERZ JÜHNING schon Pläne, die über “Miasma” hinaus gehen?

Ja! Ich habe vor noch viele Platten zu veröffentlichen, denn an Ideen hapert es eigentlich nie. Es ist eher immer die Zeit, die eh viel zu kurz ist. Aber die “Miasma” sollte doch eigentlich erst der Startschuß sein. Ich bin bereits wieder am tüfteln…

? Eine Standardfrage beim BLACK richtet sich nach Deinen All Time-Top 5 bzw. zu Deinen aktuellen Tonträger-Favoriten?

Ich mag keine DAC, oder sonstige Chartemporkömmlinge, sowie Einhit-Retortenmutanten, die in stupiden Fernsehshows gezüchtet wurden. Das ist abartig und gehört nicht als Kunst deklariert. Mir gefallen meist unbekannte, frische Talente, die sind so objektiv und voller Energie, fast jungfräulich, experimentell. Sehr erfrischend. Mein Musikgeschmack ist auch sehr ausgefallen und teilweise altmodisch, aber ich höre eben nur das, was mich wirklich anspricht. Da ich die meiste Musik im Auto konsumiere, sag ich einfach mal, was gerade so läuft: SUBLIMINAL “Look At The Creation”, HAUS ARAFNA “Blut”, MARIA ZERFALL “Ich-Katastrophe”, GRAUZONE “Wütendes Glas”, KEINE AHNUNG “Sentimentale Jugend” und ÄSTE “Die kleine Abwesenheit”.

? Ich danke HERZ JÜHNING für dieses Interview und wünsche für die Zukunft alles Gute. Des weiteren geht Dank an Galakthorrö für ihre Unterstützung.

– M.Fiebag –

Diskografie

2008 – “Faces” (7”) – Galakthorrö

2009 – “Miasma” (LP/CD) – Galakthorrö