HOLE – Nobody`s Daughter (CD)

Am derzeitigen Grunge-Revival nehmen nicht nur Bands wie ALICE IN CHAINS, PEARL JAM und SOUNDGARDEN teil, auch HOLE legen mit „Nobody`s Daughter“ nun einen neuen Longplayer vor. Von Frontfrau Courtney Love hatte man zuletzt vor einigen Jahren als Solokünstlerin gehört, die ihre ironisch „America`s Sweetheart“ betitelte Punkrock-Breitseite auf die Welt losließ, als diese schon nicht mehr damit rechnete.

Jetzt entfesselt Courtney, zum altbewährten Bandformat und –titel zurückgekehrt, ein destruktives, purgatorisches Gitarrengewitter und erzeugt jenen Hybrid aus Punk, Pop, Rock und Akustikgitarren-Klängen, der Holes Sound schon in den Neunzigern charakterisierte. Deutlich wird dabei, dass Frau Love nicht unbedingt die brillanteste Songwriterin aller Zeiten ist – durch strukturelle Raffinesse zeichnen sich ihre Songs nach wie vor nicht übermäßig aus. Aber das macht gar nichts: Ihr großer Bonus und der Grund, aus dem „Nobody`s Daughter“ dennoch ein Meisterwerk zu nennen wäre, ist die Authentizität, mit der sie zur Sache geht – und das auf jeder Ebene. Da wären zunächst die Lyrics zu nennen: Aggression, Selbstekel und Melancholie geben sich die Klinke der Tür zu Courtneys Seele in die Hand, abgelöst von der Beschreibung rauschhafter Glückszustände, auf die unweigerlich der Absturz folgt. Man glaubt dieser Frau einfach, dass sie weiß, wovon sie singt.Authentisch wirken aber nicht nur die Texte, denn auch wenn Courtney Love uns das Telefonbuch von Seattle vorsingen würde – ihre raue, von Alkohol, Zigaretten und heftigeren Rauschmitteln gezeichnete Stimme erzählte auch ohne Lyrics noch genügend aus ihrem bewegten Leben. Assoziationen zu Marianne Faithfulls späteren Vocal-Performances stellen sich unweigerlich ein insbesondere in den ruhigen Passagen, und vielleicht ist diese stimmliche Ähnlichkeit nur logisch: Beide waren zunächst die Lebensgefährtinnen bekannter Rockstars, bevor sie eigene Künstlerkarrieren und die obligatorischen Erfahrungen mit den Schattenseiten des Rock´n Roll-Lifestyle machten. Und beide singen von der Suche nach Erlösung…

Die Vergleiche jedoch, die Courtney selbst anhand der Gestaltung des Covers zieht, sind eher historischer Art. Im Booklet gibt es Gemälde von Lady Jane Grey, Anne Boleyn und – auf dem Frontcover – Marie Antoinette zu begutachten; berühmte Frauen der Weltgeschichte also, deren Leben per Exekution vorzeitig beendet wurde. Gerade Marie Antoinette, die in jungen Jahren ein dekadentes Leben führte und dafür einen schrecklichen Preis bezahlen musste, scheint die perfekte Identifikationsfigur für HOLE´s Frontfrau und deren privaten Background abzugeben: Dekadenz, Schuld, Egoismus und die Läuterung, die man durch all das erfährt; das sind 2010 Courtney Loves Themen. Als sprechendes Bild dient da auch der auf der Innenseite des Covers abgebildete, mit Blut gefüllte gläserne Schuh von Aschenputtels bösen Schwestern, die sich bereitwillig verstümmeln, um ihre ehrgeizigen Pläne zu verwirklichen und ihre Sucht nach einem glamourösen Leben zu befriedigen.

Das alles darf wohl eher als bekenntnishafte Warnung denn als nachzuahmendes Beispiel und Lebensphilosophie verstanden werden. Befolgt man aber die ausdrückliche Aufforderung der Band, die Platte „very, very loud“ zu spielen, stellt sich am Ende ein geradezu kathartischer Effekt ein – nach all der Destruktivität und der rauschhaften Selbstzerstörung, die in den Songs spürbar wird (wie es sich für eine Grunge-Band gehört), schüttelt man sich ordentlich und fühlt sich so befreit und geläutert, wie die Sängerin selbst es sich offenbar sehnlichst wünscht. (M.R.)