THOMAS LIGOTTI – Interview

„Nothing is for all/in this colony of puppets“

Thomas Ligotti gehört zu den originellsten und talentiertesten Verfassern unheimlicher Literatur. Während andere Autoren ihre Texte dank Textverarbeitungsprogrammen zu endlosen Romankonvoluten aufblähen, an deren Ende der Einbruch des Unheimlichen in die Welt meistens abgewendet werden kann, also der (konventionellen Rezeptionsbedürfnissen entgegenkommende) wärmende Mantel des Happy Ends den Leser wohlig umhüllt, die Unordnung – natürlich – wieder in Ordnung ist, hat sich Ligotti weitgehend Kurzgeschichten gewidmet, in denen das Setting oftmals verschwommen bleibt:  Die bislang erschienenen Sammlungen seiner Erzählungen zeigen Welten, deren Örtlichkeit (manchmal „degenerate little towns“) und Zeitlichkeit kaum zu lokalisieren sind, die Protagonisten sind undurchschaubaren Mächten ausgeliefert, sind „Marionetten“, Sinn(-Stiftung) ist abwesend und das Ende der Geschichte(n) führt nicht zu einer (Er-)Lösung.

In den letzten Jahren hat sich Ligotti weitgehend auf sein (kurz vor der Veröffentlichung stehendes) nichtfiktionales Werk The Conspiracy Against the Human Race konzentriert, das wohl als Kumulation seiner Gedanken und seiner Beschäftigung mit der conditio humana verstanden werden kann. Ob man diese Überlegungen nun als nihilistisch oder aufrichtig klassifizieren mag, muss jeder für sich entscheiden.

? Die Version von The Conspiracy Against the Human Race, die vor einigen Jahren auf Thomas Ligotti Online veröffentlicht wurde, wird dieser Tage in  sehr stark erweiterter Fassung  bei Hippocampus Press herauskommen. Was hat dich zu der Erweiterung und Überarbeitung des Originals bewogen?

Je mehr ich über The Conspiracy against the Human Race nachdachte, desto mehr Potential schien es zu haben, jenseits dessen, was als mehr oder weniger unzusammenhängende Überlegungen begann. Jetzt handelt es sich um ein einheitliches Werk, das vom Leser verlangt, dass er es vom Anfang bis zum Ende liest um die allumfassende Idee des Buches –  nämlich als Mittel um sowohl Horror im Leben und der Literatur zu thematisieren als auch ein Gefühl des Horrors einzuflößen – zu verstehen. Deswegen der Untertitel:  „A Contrivance of Horror.”

? Der Begriff „Verschwörung” scheint zu beinhalten, dass es etwas oder jemanden gibt, das/der sich verschwört (etwas, das in  „The Shadow, the darkness“- der Geschichte, in der wir zum ersten Mal von  „the unpublished philosophical treatise An Investigation into the Conspiracy against the Human race” hören- angedeutet wird ). T.E.D. Kleins Sammlung Dark Gods wurde als Verschwörung der Götter ins Deutsche übersetzt. Ich denke, dass der Titel die „Götter“ viel rationaler macht als das im Original der Fall war. Was hat dich dazu veranlasst, den Begriff „Verschwörung“ zu verwenden?

Ich habe das Wort „Verschwörung” im üblichen Sinne und aus den üblichen Gründen verwendet – um manipulative Tätigkeiten zu bezeichnen, derer sich diejenigen, die von ihnen manipuliert werden, nicht bewusst sind. Der Täter der Verschwörung in „The Shadow, the Darkness” ist das titelgebende Wesen, dessen Präsenz als die Essenz der Realität von der Figur Grossvogel entdeckt wird. Nach einer Phase von psychischen und psychischen Veränderungen seines Seins erwacht er und stellt fest, was es mit der Welt wirklich auf sich hat – nicht die Kunst, die er ausgeübt hat um sich einen Namen zu machen, sondern einfach das Funktionieren seines Körpers als Organismus ohne täuschende Identität. Das ist eine normale Darstellung unter Mystikern, die „erkannt“ haben, dass sie und der Rest der Welt nicht real sind, die einzige Realität ist eine physische Kraft, die die Menschen antreibt, weiterhin zu existieren. Alles abgesehen von der reinen Existenz ist Augenwischerei, eine Täuschung um unser Gefühl, dass unsere Leben mehr Bedeutung haben als das tatsächlich der Fall ist, zu befriedigen. Dies ist auch die Grundlage von Conspiracy against the Human Race, obwohl es darin viel weiter ausgeführt und im größeren Detail erläutert wird, was Funktionsweise, Absicht und Auswirkungen anbelangt.

? 1983 veröffentlichte der Literaturwissenschaftler Ulrich Horstmann das philosophische Traktat Das Untier (im Sinne von Bestie, aber auch Nicht-Tier und auf die Menschen bezogen), in dem er postulierte, dass wegen der Anhäufung von Atomwaffen es endlich möglich geworden sei, das „Untier“ loszuwerden und dass menschenleere Ruinen den wahren Garten Eden darstellten. Ich bin mir nicht sicher, ob es eine englische Übersetzung gibt. Es hat für ziemliche Kontroversen gesorgt, als es veröffentlicht wurde. Kennst du das Werk und glaubst du, dass The Conspiracy Against the Human Race ebenfalls ablehnend rezipiert werden wird?

Nein, ich kenne weder Ulrich Horstmann noch Das Untier. Aber die Vorstellung, dass die Erde für sich selbst ein besserer Ort wäre, ist heutzutage ganz geläufig. Ich zitiere die obskure Gruppe Voluntary Human Extinction Movement, die für den Untergang unserer Spezies durch bewusstes Schrumpfen plädiert um diesen Planeten als organisches Treibhaus am Laufen zu halten. Ich habe kein Interesse an den Motiven dieser Bewegung, wobei jede Gruppe, die dafür plädiert, dass die Menschen damit aufhören, sich fortzupflanzen, meine Unterstützung hat. Mein Interesse am Ende unserer Rasse ist das Aussterben um der Menschheit willen, um das menschliche Leiden so schnell wie möglich zu stoppen. Dies kann nur dadurch geschafft werden, wenn man unserer Spezies so schnell wie möglich ein Ende setzt.

? Ich weiß nicht, ob du den Dichter Robinson Jeffers gelesen hast. Ich könnte mir vorstellen, dass seine Idee des Inhumanismus, d.h. die Menschheit aus dem Zentrum der Schöpfung zu entfernen, dich ansprechen könnte, wobei ich mir nicht sicher bin, dass dich die pantheistischen Elemente seiner Lyrik („die transhumane Großartigkeit“ von Bergen etc.) interessieren. Kennst du ihn?

Ja, ich bin mit Jeffers vertraut. Ebenso wie die VHEM-Mitglieder hat er ein sentimentales, romatisiertes Gefühl für diesen Planeten und seine Lebensformen. Leute wie Jeffers glauben, dass es etwas immanent Wundervolles bezogen auf die Erde gibt. Das gibt es nicht. Es gibt nur den Glauben in den Köpfen mancher oder der meisten Menschen und das Gefühl in einigen oder den meisten Körpern der Menschen, dass es etwas immanent Wundervolles bezogen auf die Erde gibt. Viele Menschen teilen diesen Glauben und dieses Gefühl aus unterschiedlichen Gründen nicht, z.B. Depressive. In „Dejection: An Ode,” schreibt Samuel Taylor Coleridge über Blumen oder so: „I see, not feel, how beautiful they are.” Coleridge war deprimiert. Die Schönheit, die er zuvor sah, war allein in seinem Kopf. Es liegt im Allgemeinen nicht im Interesse der Menschen die Schönheit, die sie in der Welt sehen, oder  – wenn wir schon dabei sind –  die Hässlichkeit  an andere als an sie selbst weiterzuleiten. Dies würde bedeuten, dass wir alle in einer Welt unserer eigenen psycho-sozialen Schöpfung gefangen wären. Als nächstes würden wir uns fragen, ob wir so sind, wie wir glauben oder ob das, was wir denken, nur in unserer Einbildung ist. Dies würde die meisten Menschen demoralisieren oder in Schrecken versetzen.

? Jeffers schrieb in einem Gedicht („Hurt Hawks”) „Ich würde eher, von der Strafe abgesehen, einen Menschen als einen Habicht töten.“, während du in einem Interview auf die Frage nach dem Unterschied zwischen Katzen und Menschen geantwortet hast: „Es ist immer eine traurig Sache, wenn eine Katze stribt.“ Siehst du da Parallelen?

Nicht wirklich. Es hängt von der Person oder der Katze und deiner Sicht auf sie ab, ob es traurig oder nicht traurig ist, wenn eine von ihnen stirbt oder ob beide sterben. Oder du bist so depressiv, dass es dir egal ist, ob die eine oder die andere oder beide sterben. Wie ich schon oben gesagt habe, hat Jeffers die Natur romantisiert. Er war auch ein ziemlicher Misanthrop. So war er und so hätte er wahrscheinlich am liebsten alle gehabt. Jedwedes Schreiben ist zu einem gewissen Grad pedantisch. Wie auch immer, es ist nicht so, dass er sich aussuchen könnte, anders zu sein.

? In „The Shadow, the Darkness” scheinen die Magenprobleme Grossvogels ihm eine tiefere Einsicht in die, ein größeres Bewusstsein von der Natur der Welt zu geben. Hast du jemals etwas Ähnliches gefühlt?

In der Tat habe ich das. Leiden vermittelt mehr Lektionen fürs Leben als Freude.

? Ich finde in deinen Geschichten des „Firmenhorros” einzigartig, wie darin das Grauen des Arbeitsplatzes im Rahmen einer unheimlichen Geschichte verdeutlicht wird. Denkst du, dass das deine besten Arbeiten sind? Würdest du sagen, dass die Ergebnisse dich für das entschädigen können, was dich ursprünglich dazu veranlasst hat, diese Geschichten zu schreiben?

Ich denke ziemlich sicher nicht, dass My Work Is Not Yet Done eines meiner besten Bücher ist. In einem Interview in Publishers Weekly habe ich gesagt, dass ich mir wünschte, dass ich nicht dazu gebracht worden wäre, dieses Werk zu schreiben. Auch wenn die meisten meiner Geschichten zu einem gewissen Grad autobiographisch sind, hätte ich es vorgezogen, mein Arbeitsleben nicht in mein Schreiben einfließen zu lassen. Eigentlich begann die Geschichte als Filmskript, was hauptsächlich erklärt, dass sie sich so vom Rest meiner Texte unterscheidet. Und schließlich müsste ich sagen, dass die Geschichten mich tatsächlich für das entschädigt haben, was ursprünglich der Auslöser war, sie zu schreiben. Zwei von ihnen wurden veröffentlicht, bevor sie in My Work Is Not Yet Done erschienen waren. Zumindest eine von ihnen muss in der Abteilung, in der ich gearbeitet habe, die Runde gemacht haben, da mein Chef mich in sein Büro rief und mit mir ein Gespräch führte. Anscheinend hatten einige meiner Kollegen Sorgen wegen meines möglichen Verhaltens. Und mir hat es nicht viel ausgemacht, dass diese speziellen Kollegen solche Sorgen hatten.

Vielleicht ist eine von meinen Lieblingsgeschichten „Gas Station Carnivals”. Wie sich die zerbrechlichen  Schichten der „Realität“ auflösen (etwas, das man in deinem ganzen Werk finden kann), ist beeindruckend. Gab es etwas besonderes, das dich veranlasst hat, diese Geschichte zu schreiben?

Ich wurde eines Tages wach und sagte laut „Gas Station Carnivals”. Ich dachte, dass es ein guter Titel für eine Geschichte sei, deswegen schrieb ich eine Geschichte für den Titel. Ich habe das schon ein paar Mal gemacht.

? Du hast mal erwähnt, dass du dir wünschtest, dass du mehr Zeit und Energie hättest, musikalische Sachen zu machen. Hast du je daran gedacht, diesen Weg weiter zu verfolgen und einen Nachfolger zu der Mini-CD The Unholy City”, die beim Drehbuch „Crampton“ dabei war,  aufzunehmen (ist der Titel eigentlich eine Anspielung an den Text von Charles G. Finney?)?

„The Unholy City“ war einfach eine negative Version von dem, was gemeinhin „Heilige Städte” genannt wird. Und, nein, ich plane keine künftigen Projekte.

? Deine Einstellung gegenüber dem Glauben an Gott/Götter ist ziemlich klar. Fühlst du Sympathien für Kampagnen von Atheisten (es gab in England und Deutschland viele Diskussionen über eher harmlose Statements auf Bussen) oder denkst du, dass sie eher offene Türen einrennen?

Alle vier Großen —Harris, Dawkins, Hitchens, and Dennett— haben offene Türen eingerannt. Kein Atheist kann etwas anderes tun. Ich hatte den Eindruck, dass Hitchens’ and Harris’ Debatten mit der Gegenseite unterhaltsamer waren als die von Dawkins und Dennett, weil die beiden letzteren versuchten, wissenschaftliche Gründe für den Glauben an Gott zu finden, was langweilig war, wohingegen die ersten beiden sehr scharf politisch waren. Ich habe nicht die geringste Sympathie für Atheisten, die Bücher schreiben, die sich unglaublich gut verkaufen, aber ich sympathisiere mit ihrer Sache, so aussichtslos sie auch ist. Alles in allem haben sie wahrscheinlich mehr Menschen dazu gebracht, an Gott zu glauben als Atheisten zu werden.

? Während der letzten Jahre sind einige deiner Arbeiten von größeren Verlagen (wieder-) veröffentlicht worden. In einem früheren Interview hast du gesagt, dass du den Eindruck hattest, in kleineren Verlagen größere Kontrolle über dein Werk zu haben. Wie sind/waren deine Erfahrungen mit Virgin Books?

Virgin haben mehr oder weniger die ursprünglichen Bücher veröffentlicht, nachdem sie sie noch einmal haben Korrektur lesen lassen. Sie haben für mehr Werbung für die Taschenbuchausgaben gesorgt als die ursprünglichen Hardbacks bekommen haben, bei denen die Werbung praktisch bei Null lag.

? Du hast Leute wie Poe oder Lovecraft als „Mutanten“ bezeichnet, die vielleicht nicht dazu in der Lage gewesen wären, solche großen Werke zu schaffen, wenn sie das gewesen wären, was die Gesellschaft als „normal“ bezeichnet. Denkst du, dass heutzutage solche Leute fehlen?

Das kann ich wirklich nicht sagen, da ich vor einigen Jahrzehnten aufgehört habe, Horrorliteratur näher zu verfolgen.

? Nach seinem Tod wurde Thomas Bernhard, dessen Attacken auf und Konflikte mit dem österreichischen Staat berühmt-berüchtigt sind, von offizieller Stelle in die Arme geschlossen, er ist ein Nationaldichter geworden. Ist das eine Ironie des Schicksals?

Die gleiche Sache passiert allen großen Schriftstellern, die zu ihren Lebzeiten berüchtigt sind. Die Arbeit keines Schriftstellers kann fortwährend ihren anti-sozialen Status aufrechterhalten. Die Gesellschaft domestiziert sie und neutralisiert sie damit.

? Für mich findet sich eine der besten Beschreibungen, wie man sich fühlt, wenn man von der Angst vor dem Tod gepackt wird, in Philip Larkins (vielleicht letzten großen) Gedicht „Aubade”, in dem der Sprecher „in lautlos tiefer Dunkelheit“ erwacht und nicht dem Gedanken entkommen kann, dass er eines Tages sterben wird („Viel bleibt vielleicht; den Tod verhindert keine Kunst“). Dieser Gedanke bleibt „ein kalter Dunst, / der uns die Tatkraft auslaugt bis zur Willenskrise“. Sind dir die Gedanken, die hier zum Ausdruck gebracht werden, vertraut?

Natürlich. Ich bin kein empfindungsloser Idiot. Mir persönlich gefällt allerdings Larkins klinisch-morbides „The Building” als Ausdruck von Angst vor dem Tode besser.

? Würdest du sagen, dass in der Vergangenheit Literaten wie Lovecraft oder Bruno Schulz sehr wichtig für dich waren, wohingegen in den letzten Jahren Philosophen (z.B. Zapffe) ihren Platz eingenommen haben und dies auch den Schreiben beeinflusst hat?

Ja, wie ich schon früher gesagt habe, ist Literatur Unterhaltung oder sie ist nichts. Bevor ich sterbe, würde ich gerne etwas mehr als Unterhaltung finden, obwohl ich bezweifle, dass das geschehen wird. In letzter Zeit habe ich über das Fernsehen als „Weg“ zur Erlösung nachgedacht. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich gelesen, dass das Fernsehen Alphawellen im menschlichen Hirn produziert, etwas, das Meditation auch erzeugt. Wer weiß, ich könnte vom Leiden befreit werden, indem ich mir Polizeiserien und Wiederholungen von Seinfeld anschaue.

? Dies hängt eng mit der vorherigen Frage zusammen: Es scheint, dass du dich in den letzten Jahren hauptsächlich auf The Conspiracy Against the Human Race konzentriert hast. Es gibt Gerüchte, dass du aufgehört hast, literarische Texte zu verfassen und sogar einen großen Teil deiner Bibliothek verkaufst. Am Ende von „Sideshow, and other stories“ schreibt der Erzähler, dass er „über [seine] literarische Krise triumphiert hatte und nichts mehr wollte, als an [seinen] Schreibtisch zurückzukehren, [sein] Gehirn praktisch mit ungewohnter Energie vibrierend.“ Denkst du, dass dir das jemals wieder passieren wird?

Es könnte passieren. Alles könnte passieren. Jeder, der wirklich dem, was ich geschrieben habe, Aufmerksamkeit geschenkt hat – und ich sage nicht, dass irgendjemand das machen sollte –, weiß, dass ich schon bei „The Spectacles in the Drawer” und „The Order of Illusion” über Figuren geschrieben habe, die plötzlich völlig desillusioniert von dem sind, was sie früher begeistert hat. Das ist mit „The Shadow, the Darkness” weiter gegangen. Mein Leben ist wirklich, wirklich eine Desillusionierung nach der anderen gewesen. Und hier spricht jetzt nicht nur meine Rolle.

? Gibt es noch etwas, das du gerne gefragt worden wärest?

Nein.

(M.G.)