CURRENT 93 – Aleph At Hallucinatory Mountain (CD)

Vielleicht wird dieses Album einmal als das Rockalbum von CURRENT 93 Eingang in den Kanon finden, aber ganz so überraschend ist Tibets Hinwendung zu einem rockige(er)n Sound nicht: Schließlich gab es in der langen Geschichte der Band immer wieder Momente, die ein Interesse an/ eine Begeisterung für härtere Klänge vermuten ließen:

So coverte man auf “Swastikas For Noddy“ ein Stück von BLUE ÖYSTER CULT (wenn auch im damals ganz neuen Apocalyptic Folk-Gewand), es gab das etwas unfertig klingende “Horsey“, mit Mitgliedern von MAGIC LANTERN CYCLE eingespielt; Tibets Begeisterung für die psychedelische BEVIS FROND fand ihren Ausdruck in Nick Salomons Beiträgen auf “Hitler as Kalki“, “How The Great Satanic Glory Faded“ und “Lucifer Over London“ (mit BLACK SABBATH-Zitat zu Beginn) und in jüngster Zeit gab es neben dem Titeltrack des letzten Albums und CURRENT 93s Beitrag zur Split 10’ mit OM die Katalognummer 2112, unter der das letzte Album veröffentlicht wurde und die – was vielen entgangen sein dürfte – auf RUSHs Album gleichen Namens verwies. Auch bei “Aleph…“ handelt es sich wie bei “Black Ships…“ um ein Konzeptalbum, wobei die genauen Hintergründe wahrscheinlich selbst den meisten Theologen unklar bleiben werden, zu sehr vermischt Tibet orthodoxe mit häretischen Einflüssen und seiner ganz eigenen Vorstellung(skraft). Hinweise zum Verständnis des Albums, das mit den Worten “Almost in the beginning was the murderer“ beginnt, gibt Tibet in der Einleitung zu seinen “gnostischen Cartoons“ – dem Katalog, der anlässlich seiner Ausstellung in der Isisgallery in London veröffentlicht wurde: “>From a scripturally canonical viewpoint, that Murderer is Satan on the cosmic level, and, on the human level, Cain. But from a ’Christian-Gnostic’ perspective, if one might use so notoriously inexact a term, he is ladabaōth – or, sometimes, his son Sabaōth. That is, the Murderer is seen as the Judæo-Christian Yahweh, the self-declared ‘God’ of the Old Testament, the ambivalent and arrogant demiurge who considers himself to be the primal principle and who has trapped us all, through his ignorance, envy, lust and deceit, in this world of suffering and destruction. It is only, they say, Christ, and the gnōsis He brings, who can save us by returning us to the pre-existent Light”. Diese Privatmythologie bedarf natürlich auch konsequenterweise einer eigen(tümlich)en Bildlichkeit: Die Texte Tibets kontrastieren wieder einmal wie auch schon bei “Black Ships…“ das Profane mit dem Erhabenen (“And then I caught Kronos/At Tupperware Time/Gods in plastic boxes“ oder etwa “In the kindness of the playground/Aleph unveiled his claws/As Pazuzu strolled into town“); das hat zum Teil surrealen Charakter – auch wenn das ein Adjektiv ist, das Tibet wahrscheinlich bezogen auf seine Texte vehement ablehnen würde –: “I saw the Ghost Train/Fake orgasm for the cliffs“. Und natürlich befinden wir uns in kosmischen Dimensionen (was bedingt auch an Blakes prophetische Bücher erinnert): “Aleph throttled the New Age/And the ponies and unicorns fell/And the crystals and Celestine skullfall/And the Bug Rides fell/And easy prophets sells tales/Of astral friendships in soaps and satans“. Nachdem vorab die beeindruckende Anzahl der Mitwirkenden (welche Band versammelt u.a. schon Popstars wie Andrew W.K., mit William Breeze den Vorsitzenden des O.T.O.s, Pornostars wie Sasha Grey oder Transgender wie Baby Dee?) bekannt geworden war, war ich nach dem ersten Hörer leicht irritiert, denn im Gegensatz zu “Black Ships…“ gehen die Beiträge von einigen (u.a. Ossian Brown oder Baby Dee, die die “Birth Canal Blues“-EP, auf die auch textlich angespielt wird, sehr geprägt hatte) etwas unter. Kann man sagen, dass bei “Black Ships Ate The Sky“ die zentralen Akteure Tibet, Chasny/Cashmore und Contreras waren, so wirkt es jetzt ganz so, als seien es Tibet und Drummer Alex Neilson. Nach mehrmaligem Hören muss man das aber relativieren und auch der in Rezensionen geäußerte Einwand, die Riffe seien etwas eintönig, funktioniert nur bedingt als Kritik, schließlich wird das gesamte Werk CURRENT 93s von repetetiven Momenten durchzogen. James Blackshaws akustische Gitarre dominiert “UrShadow“ (mit von Störgeräuschen dominierten Schluss) und findet sich auf “Poppyskins“; “Invocation of Almost“, “On Docetic Mountain“ oder “Not Because The Fox Barks“ sind dagegen von harschen Gitarrenriffs geprägte Nummern, bei denen die vorhin angesprochene kosmische Dimension des Ganzen besonders deutlich wird, gerade da steigert sich Tibets (Anti-)Gesang, der wieder etwas stärker rezitativen Charakter hat als auf dem Vorgänger, bis ins Hysterische und man bleibt – wenn man dann das Werk CURRENT 93s schätzt – sprach- und atemlos zurück. Nach dem Abflauen der Rezeption von Weird Folk durch die Mainstreammedien hatte man den Eindruck, dass “Aleph…“ einen etwas geringeren Widerhall als der Vorgänger  gefunden hat, was allerdings gar nicht so schlecht ist. Schließlich ist CURRENT 93 auch nach ca. 26 Jahren noch immer ein Kosmos, der abseits jedweden Trends existiert bzw. existieren kann und erneut ist deutlich geworden, dass Tibet (wieder einmal) die Idiosynkrasie zur obersten Richtlinie erhoben und es darin tatsächlich zur Perfektion gebracht hat. (M.G.)