JEX THOTH – Witness (MCD)

Dass Frauen-Doom-Power derzeit eine kleine Blüte erlebt, hat sich mittlerweile sicher bis in die letzten Ecken der Subkultur herumgesprochen. Besondere Aufmerksamkeit verdient dabei die kalifornische Band JEX THOTH mit ihrer gleichnamigen Sängerin, die seit ihrem selbstbetitelten Einstand 2008 locker neben den auch highbrowmäßig rezipierten BLACK MOUNTAIN und den herrlich sleazigen ELECTRIC WIZARD bestehen kann. Mit schleppenden Gitarrenwänden, psychedelischen Orgeln und ausdrucksstarkem Gesang lässt man die Zeit früher BLACK SABBATH oder der legendären COVEN wiedererstehen.

„Retromucke“ hör ich da die Unken rumoren? Ja, sei’s drum, bei so einem großen Spaß ist das erlaubt, also bitte her mit den Klischees. Gleich zu Beginn beim zur Hälfte auf Clay Ruby (BURIAL HEX) zurückgehenden „Raven Nor The Spirit“ geht es mit voller Kraft in medias res, was nicht heißt, dass man sich keine Zeit lassen würde mit den mal eindringlichen, mal psychedelisch entspannten Hammondorgeln und dem Schlagzeugspiel von Nick Johnson, der neuerdings auch dem Wavewunder ZOLA JESUS zu einem interessanten Crossover verhilft. Das Drumming schwankt von infernalischem Gewitter hin zu Passagen, die zum an der Stelle verweilen animieren. Irgendwann pendelt es sich in getragener Gangart ein, feierlicher Gesang voller Inbrunst erklingt dazu, und formt eine herrliche Melodie zwischen Oper und Rockröhrenästhetik. Das Pathos ist betörend und ansteckend, der Klang erdig. Mit der Zeit wird die Melodie beschwörender und beinahe heroisch, und schon ist man vollends eingetaucht in Jex Thoth‘ Welt aus Geistertreiben, verwegener Rockattitüde und dramatischen Tempuswechseln. Eine Referenz für solche fatalistisch-heroischen Songs mit Sleaze-Faktor, die leider selten genannt wird, ist Bruno Nicolais Soundtrack zu Sergio Martinos Okkult-Grusel-Klassiker „All The Colours Of The Dark“ von 1972. Nach viereinhalb Minuten denkt man vielleicht, dass der Song ruhig noch etwas epischer hätte ausfallen können. „Slow Rewind“ ist pausierender, ein sensibler Song voller archaischer Symbolik, der den Eindruck erweckt, dass es um so etwas wie die viel beschworene Ruhe vor dem Sturm geht. Nach einem Gitarrensolo kommt dann auch ein kleines Crescendo, das den Song aber nicht wirklich von seiner Schwere erlösen will. Temporeicher wird es erst kurz bevor „Mr Rainbow“, das im Original von der 70s-Band SLAPP HAPPY stammt, beginnt. „Mr. Rainbow“ ist das vielleicht doomigste Stück: Im tiefen Verlies hört man Schritte, metallische Gegenstände rumoren, Türen knarzen, etwas, das wie eine entfernte Glocke klingt, ist zu hören, und immer wollen konventionell „musikalische“ Elemente den Spuk aufbrechen. Es will ihnen aber erst mit der Zeit gelingen, doch spätestens dann schließt sich der Kreis, und die kleine Sammlung endet in ebenso kraftvollem wie schleppendem Rock.

Nach drei Songs und ca. 15 Minuten ist das Vergnügen leider schon vorbei, eine EP eben – aber eine, die auf einen nächsten Longplayer hoffen und bangen lässt. Jex Thoth spielen sicher keine Musik, die den Rock revolutionieren wird, was der EP allerdings keinen Abbruch tut. Ich jedenfalls freue mich schon darauf, wenn die Sängerin mit dem grimmigen Antlitz ihre Mannschaft zum nächsten großen Wurf zusammentrommelt. (U.S.)