ES WAR MORD – Frühling der Verräter (LP)

„Dieser Krieg“. Mit diesem Titel beginnt der neue Longplayer von ES WAR MORD – eine der Berliner Punkbands, die nicht einfach nur simpel, hau-drauf oder punkig-assi sind, sondern tatsächlich so was wie integer. Das heißt, wir hören hier fünf Leute, die machen, was ist: düster, schnell und wütend. Die Musik ist schwer hintersinnig, die Texte sind von Belang … „Dieser Krieg ist nicht mein Krieg“ heißt es am Ende des ersten Titels.

Hier wird weiter als bis vor die Haustür gedacht. Hier wird der Kleinkrieg, der die Menschen trennt, durchschaut. Hier wird gleich der große, der tatsächlich immer wieder und überall tobt, in den Blick genommen. „Keine Chance für niemand“ heißt es dann auch.  Klar werden dürfte, wenn jemand diese fünf Leute auf der Bühne sieht und hört, dass es sich um welche handelt, die bereits einiges mit- und durchgemacht haben. Das wird in Artikeln über die Band auch schon mal so umschrieben, dass diese All-Star-Band Punk-Geschichte mitgeschrieben hat. Grad die beiden Gitarristen werden immer wieder genannt. Sepp Ehrensberger zum Beispiel spielte mal bei „Vorkriegsjugend“ und bei „Jingo de Lunch“. Tom Schwoll bei „Zerstörte Jugend“, „Die Skeptiker“ und auch bei „Jingo de Lunch“. Allerdings ist das bezogen auf dieses Album vielleicht auch nur als Hintergrundinfo von Bedeutung. Interessant ist das, was ist. Das sind bei „Frühling der Verräter“ zunächst mal die Titel. Das heißt, „Keine Chance“, „Messer im Kopf“ und „Die Hölle“ könnten in dieser Abfolge gut und gern konzeptuell angelegt worden sein. Das sind sie aber nicht. Sondern so etwas wie Kommentare. Welche zur Zeit, die zerteilt und versprengt ist. Hier wird nicht auf das Moralisieren dessen, was ist, abgehoben. Hier wird von einer berichtet, die kaum eine Wahrheit mehr hat. Auch das Cover ist erwähnenswert, weicht die Band doch von ihrer Linolschnitt- und konstruktivistischen Gestaltungsform ab. Erst noch fand ich das schade, dann aber kam mir in den Sinn: Da sitzen zwei Wellensittiche auf einer Schulter. Die werden angepustet, damit sie losfliegen. Und wie fliegen sie dann, wenn sie es tun? Sie fliegen niemals zurück. Sie fliegen immer nach vorn.

Trotz der immer wieder erwähnten Wurzeln im Punk der frühen 1980er Jahre sind ES WAR MORD nicht nostalgisch. Es gibt hier kein „Weißt du noch damals“. Es wird weitergemacht, nach vorne gespielt. Und zwar ohne Gitarrenriffs, die man irgendwo schon mal gehört zu haben glaubt, sondern mit welchen, die auch schon mal dissonant sind. Da wechselt häufig das Tempo. Da bricht die Rhythmik immer mal wieder zusammen. Dazu die Stimme von Stunk, die mehr mit den Texten ringt, als sie nur brüllend zu begleiten. Unerwartet. Stark.

Das Konzert zur Veröffentlichung des Albums fand am 19. September satt. Ein mitreißendes Erlebnis. Eines dem hoffentlich zeitnah wieder welche folgen. Wenn nicht im Herbst oder Winter, so doch hoffentlich spätestens im nächsten Frühling. (awk)

Format: LP
Vertrieb: SABOTAGE RECORDS