Jens-Uwe Berndt ist ein vielbeschäftigter Mann, der als freier Journalist arbeitet und seit ein paar Jahren mit dem Label Rokkfilm bisher unveröffentlichte Musik aus der ehemaligen DDR vorzugsweise auf Vinyl heraus bringt. Des weiteren ist er Autor einer erfolgreichen Krimi-Buchreihe, welche in seinem regionalen Umfeld auf Rügen angelegt ist. Sein erster Roman erschien allerdings schon 2009 bei einem kleinen Druckverlag, welcher allerdings damals nicht die Beachtung erhielt, die ihm eigentlich gebührte. Deshalb jetzt die zweite Auflage in wesentlich lesefreundlicher Aufmachung und mit dem Rückenwind durch Rokkfilm und Kommissar Schwinkas sollte es nun deutlich mehr Aufmerksamkeit für die „Reise durch (K)ein Land“ geben. Alles andere wäre auch schade, denn Jens-Uwe Berndt schafft mit dem autobiografisch eingefärbten ostdeutschen „Roadmovie“ das Kunststück, den grauen Alltag der DDR in den 80er Jahren in all seinen widersprüchlichen Facetten spannend zwischen die zwei Buchdeckel zu packen. Das Ganze gelingt ihm dermaßen locker wie authentisch, da er diese Zeit ja selbst erlebt und erfahren hat. „Reise durch (K)ein Land“ lässt uns teilhaben an einer spontanen Tramp-Tour von drei Jugendlichen im Sommer 1984 durch die DDR. Sie wollen damit dem tristen Alltag im „real existierenden Sozialismus“ zumindest temporär entfliehen, was ihnen zum Teil auch ganz gut gelingt. Auf ihrer Reise per Anhalter ohne Zelt und Ziel erleben sie Freiheit, aber stoßen auch oft an Grenzen. Auf den knapp 500 Seiten begegnen ihnen u.a. herzliche wie natürliche Menschen, aber ebenso einige dubiose Gestalten. Es gibt Begegnungen mit Punks & Bluesern, Apparatschiks, Arbeitern, Christen, Westlern, Schwulen, Anarchisten und natürlich der Staatsmacht, die alle sehr differenziert, wie originell wiedergegeben werden. Jedes der insgesamt 13 Kapitel deckt dabei genau einen Tag der Reise ab, die noch von einem Pro- und Epilog gerahmt werden. Es war schon eine besondere Zeit in einem besonderen Land, welche ich selbst ebenso noch bewusst erlebt habe. Wo es zum Beispiel ohne Internet und Handy möglich war, sich zu verabreden und Treffpunkte auszumachen oder sich sogar in großen Städten immer wieder zu finden. Was auf der einer Seite wie ein buntes aufregendes Roadmovie erscheinen mag, legt aber andererseits auch schonungslos die Schattenseiten der DDR frei und so werden Themen wie Langeweile, Alkoholismus, Depressionen, Musik, Diebstahl, Vergewaltigung, Wehrdienst und Mangelwirtschaft fast beiläufig gleich mit abgehandelt. Für Außenstehende mag das alles aufregend und interessant erscheinen (was es natürlich auch ist), aber Zeitgenossen werden manchmal kurz zusammen zucken, da man einiges davon im Laufe der Jahre schon längst verdrängt hat! Neben „Düsterbusch City Lights“ von Alexander Kühne bietet „Reise durch (K)ein Land“ für mich einen ungeschönten und trotzdem urigen Blick auf die DDR in den 80ern durch die Augen von Jugendlichen und stellt so ein überaus angebrachtes Gegengewicht zu der aktuellen Wohlfühl-Ostalgie dar! (Marco Fiebag)
Format: BUCH |
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