ARCHIVE – Glass Minds (CD / LP)

Ich habe mir für dieses Album etwas länger Zeit und Anlauf gegönnt, wollte nicht zu schnell ein Urteil finden. „You All Look the Same To Me“ ist schon knapp 25 Jahre alt, bleibt ein Statement zwischen Radiohead, Pink Floyd und Massive Attack, ein Monolith mit Klassikern wie ‚Again‘ oder ‚Find It So Hard‘ – somit ein in Stein gemeißeltes Denkmal. All die Alben seitdem hatten immer ein kleineres oder größeres Aber im Gepäck, live sind die Briten letztlich unantastbar. „Glass Minds“ trifft bei mir und vermutlich nicht nur bei mir einen direkten Strang oder Nerv und ja, Songs wie die Schmerz-Ballade ‚Patterns‘ sind mit Pollard Berrier’s Gesang so hart auf den Punkt, drehen Dich trotz Monotonie, Schneckentempo, fast transzendenter Optik mehrfach durch den emotionalen Fleischwolf, sind gar in manchen einsamen Momenten kaum auszuhalten. ‚City Walls‘ spricht die Enge, Einsamkeit und das sich verloren fühlen in einer immer unpersönlicheren Welt an, ist maximal Pop und Traurigkeit in einem und tröstet trotzdem irgendwie. ‚So Far From Losing You‘, ein weiterer Hit und persönlicher Liebling fängt erst catchy mit Falsett, fast soulig an und wird im weiteren Verlauf ein unaufhaltsamer Sog, treibt im mittleren Tempo verloren durch den taub gewordenen Schmerz. Die bereits live zuletzt erprobte neue Sängerin Lisa Mottram hat eine fast mädchenhafte Stimme und berührt im schönen Titelsong und dem eindringlichen ‚the Love, the Light‘. ‚Shine Out Power‘ setzt auf orchestralen Pop, Bombast, ‚Wake Up Strange‘ flirtet mit dancigen Beats und brutaler Eingängigkeit. Immer wieder schaffen Archive diese unnachahmlich abgefahrene Mischung aus eingängigen Pop, elektronischer Monotonie, organischen Drums und lassen Dich diese urbane Tristesse und Hoffnungslosigkeit spüren, der man zum Glück nicht in jedem Moment jeden Raum gibt, sonst würde dieses Album Dir das Genick brechen. Selbst der Rap-Gesang ist in ‚Heads Are Gonna Roll‘ zurück, wird aber in Kombination mit dystopischer Melodie und schweren dunklen Synths zu einer spannenden Kontrastnummer in Sachen Tricky/Massive Attack. Die Briten setzen in „Glass Minds“ auf viele verschiedene Elemente wie hypnotische Monotonie, einen Hauch Post Punk, viel trippig-elegante Elektronik, Pop-Melodien, die aber immer mit einem Bein im Schmerz waten und diese Platte zu einer zeitgemässen Spiegelung der psychisch und emotional  angeschlagenen Welt da draußen macht. Ich liebe „Glass Minds“, sehe die Schönheit in der Traurigkeit, fühle mich damit mehr als verstanden und kann hier und da tanzen, weinen, hoffen, aber immer den feinen Schmerz darauf fühlen.

(Rajko Bärs)

Format: CD / LP
 

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