Es liegen hier zwei Biografien von zwei Männern vor mir, die verschiedener nicht sein können, keine Freunde sind, jedoch zusammen in einer Band als Schicksalsgemeinschaft auf ewig verbunden. Anfangs startete man 1980 in Basildon zu viert, um die britische Popwelt zu erobern. Allerdings ging gleich nach dem ersten Album und zarten Erfolgen der Songschreiber von Bord, weshalb dieser durch einen späteren versierten Musikingenieur ersetzt wurde. Einer der beiden Eingangs erwähnten Männer wurde somit ungewollt in die Rolle des neuen Songschreibers gedrängt und in der neuen Vierer-Kombination eroberten sie nach und nach die ganze Welt. Was Anfangs noch naiver Synth Pop mit Charme war, entwickelte sich mit Avantgarde-Einflüssen immer mehr zu „Music For The Masses“. Jedes Album wurde besser, perfekter, größer und erfolgreicher, aber einhergehend damit kamen auch die üblichen Rockstar-Probleme. Der Musikingenieur musterte deshalb nach dem Album „Songs Of Faith & Devotion“ bzw. der darauf folgenden Mammut-Welt-Tour wieder ab und zurück blieben ein Junkie auf Heroin, ein Alkoholiker und ein langweiliger Bürotyp mit Nervenzusammenbruch. Letzterer hatte musikalisch zwar noch nie viel beigetragen, sollte jedoch den ganzen Laden danach irgendwie weiter zusammenhalten. Denn nach einer Überdosis mit Nahtoterfahrung vom Sänger herrschte erst mal Funkstille bei der Band, welche sonst fast im Jahrestakt ein Album + dazugehörige Tour folgen lies. Erst 1997 kämpfte sich die inzwischen zum Trio geschrumpfte Band mühsam mit „Ultra“ zurück, dem sich diesmal jedoch keine Tour anschloss, da man gesundheitlich dazu einfach nicht in der Lage war. Eine zweite Single-Compilation brachte die Marke danach jedoch wieder in die Spur, denn die dazugehörige Tour war mehr als erfolgreich und lies DEPECHE MODE endgültig mit über 100 Millionen verkauften Tonträgern zu Superstars werden. Die darauf folgenden Alben im 4 Jahres-Takt mussten seit dem durch massive Produzentenarbeit in Form gebracht werden und waren eigentlich nur noch ein Alibi, um weiter auf lukrative Stadien-Tour gehen zu können. Zwar hievten die extrem treuen Fans der Band diese jedes Mal auf Platz 1 in den Charts, aber die CD’s und Platten verstaubten schnell im heimischen Regal, da man ja eigentlich nur die alten Hits bis 1993 hören möchte. Richtig kritisch wurde es noch mal, als der Sänger plötzlich Songschreiber-Ambitionen entwickelte und das bewährte Zuständigkeitsgefüge der Band ins Wanken geriet. Doch auch diesen Ego-Wogen glätteten sich wieder mit Kompromissen und dem diplomatischen Geschick des eher unmusikalischen blassen Parts des Trios. Jener wurde dann aber 2022 völlig unerwartet viel zu früh aus dem Leben gerissen, was eigentlich ein guter Zeitpunkt gewesen wäre, die Band mit Anstand und erhobenen Hauptes für beendet
zu erklären. Die Gelddruckmaschine musste jedoch weiter laufen, denn Villen und Scheidungen wollen bezahlt sein und einige Ex-Frauen und Kinder versorgt werden. Deshalb holte man sich für das bis dato letzte Album „Memento Mori“ sogar beim Songwriting fremde Hilfe und auch wenn Live der Frontmann immer noch alles gibt, sind physische wie stimmliche Abnutzungserscheinungen unüberseh-, wie deutlich hörbar! Von alle dem handeln die beiden vorliegenden Bücher, die recht detailliert und interessant die zwei verschiedenen Charaktere der übriggebliebenen DEPECHE MODE porträtieren. Dabei fließen ältere O-Zitate mit exklusiven Interviews ineinander, was trotzdem ein wirklich kurzweiliges und flüssiges Lesen ermöglicht. Beide Bücher sind schon mal im Jahre 2010 erschienen, wurden jetzt aber mit zusätzlichen Kapiteln auf den neusten Stand gebracht. Neben dem obligatorischen Werdegang von Kindheit über Jugend und hin zum gefeierten Musiker, beleuchten beide Bände neben den entscheidenden Karrierepunkten der Band, auch das Privatleben, die Abstürze und ihre jeweiligen Soloaktivitäten. Beide Bücher sind von der Gestaltung, dem Umfang und Preis her gleich, ergänzen sich informativ und sollten deshalb gleich als Paar gekauft werden und auch nebeneinander im Regal stehen. In ihnen steht übrigens auch alles drin, was beim „Depeche Mode: Monument“ und „Depeche Mode: Live“ nicht drin stand. Beide Bücher sind somit eine sinnvolle Ergänzung dazu, wie sie die beiden gerade erwähnten Prachtbände im Regal sehr gut flankieren. Wer noch mehr in die Tiefe gehen möchte, dem empfehle ich weiterhin „Halo – Die Geschichte hinter Violator“, welche auch beim Hannibal Verlag erschienen ist!
PS: Wenn jetzt wahrscheinlich der Black Swarm wegen meines ironischen Untertons im obigen Text Sturm laufen wird, möchte ich nur anmerken, dass ich DEPECHE MODE wohl aus gesonnen bin, einen Meter Platten von ihnen im Regal habe, nur eben nicht die rosarote Fanbrille auf habe! (Marco Fiebag)
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