Während ich dies schreibe, sind die Zwillingslaben in der Vinyl-Ausgabe schon wieder nahezu ausverkauft. Jerome Reuter lässt seinen Worten Taten folgen. Anfang des Jahres, welches das 20 jährige Bestehen von ROME einläutete, kündigte er an, dass dieses Jahr ein besonderes in Bezug auf Veröffentlichungen sein würde. Und er hat nicht zu viel versprochen. Erschienen im April das Album „Civitas Solis“ und eine Fortsetzung der Dublin Sessions, folgte im Juli das Ambient- Industrial-Album „Aster Und Edelweiss“. Nun liegen kurz vor dem Jahreswechsel zwei neue Alben auf dem Plattenteller, von denen das hier besprochene, The Hierophant, aus meiner Sicht das bessere ist.
„The Hierophant“ bildet das rätselhafte Gegenstück zum introspektiven Rückzugswerk „The Tower“, heißt es in den offiziellen Ankündigungen zum Album. Und in der Tat ist diese Platte im Vergleich zum Zwilling kraftvoller und musikalisch weniger reduziert als „The Tower“.
The Hierophant, oder auch der Papst, ist eine der großen Arkana-Trumpfkarten des Tarot. Eine entsprechende Illustration, die an einen alten Kupferstich erinnert, ziert das Cover dieses Albums, dessen Layout ansonsten sehr spärlich gehalten ist. Keine Fotos zieren das Inlay. Nur die Songtexte und Produktionsnotizen geben Auskunft über den Inhalt und der lohnt sich wahrlich. Ich erwähnte bereits in meiner Rezi zum letzten Studioalbum, Civitas Solis, dass es mir unerklärlich ist, woher Herr Reuter seine Inspiration und Kreativität für die Masse an Songtexten und Kompositionen nimmt. Ist das Leben in Luxemburg denn wirklich so hart und schwer, dass man nichts anderes tun kann, also so schwermutige und grandiose Neofolk-Songs zu schreiben? Nun ja, zumindest hat er sich in puncto Komposition Verstärkung durch Tom Gatti geholt. Das Testen bleibt aber weiterhin in eigener Hand.
Der Papst oder zumindest viele Assoziationen mit diesem kirchlichen Konstrukt finden sich auch in den Songtexten wieder, wenn von goldenen Lettern auf Marmor (Secret Harbour) oder den Göttern, die lange brauchen um zu vergeben (The Gods Are Slow to Forgive) in grandiosen Songs mit einer melancholischen und intimen Aura, die Rede ist.
Die Umsetzung des Albums ist im Vergleich zu den vorherigen Longplayern als reduziert zu bewerten. Zu zweit geht man hier ans Werk. Jerome Reuter und Tom Gatti zeigen, wie man mit wenig stilistischen Mitteln ein stimmiges und tiefgründiges Album mit im Ohr bleibenden Liedern komponieren und einspielen kann, was auch bei wiederholten Hören überzeugt.
Auch wenn einige jetzt die Augenbrauen hochziehen mögen, liegt ein Vergleich mit Death In June in den 90er Jahren nahe. Wenn Herr Reuter im Song „My Frail Ambassador fragt „Are You my one true Disciple?” und man seinen von der akustischen Gitarre und flüsternden Stimmen begleiteten Gesang hört, wähnt man sich vor der Türe zu Klassikern wie „But What Ends when the Symbols Shatter?“ oder „Accidental Protegé“ stehend.
Wer durch Alben wie „Hegemonikon“ oder „ Parlez-Vous Hate?“ eher von ROME weggeführt wurde, weil auf ihnen die akustische Seite in den Hintergrund gerückt ist, der kann hier bedenkenlos zugreifen und sich wunderbare Abende mit guter Musik sichern. (M.W.)
Format: CD / LP |
Stichworte: |





