Zwischen den Wänden im DDR-Plattenbau, Mauerfall und Hiddensee oder ein Interview mit CEEYS

Foto: Franz Grünewald

Foto: Franz Grünewald

Die Bundesrepublik Deutschland feiert gerade 30 Jahre „Mauerfall“ und seit 2017 beschäftigt sich auch das Duo CEEYS mit der Zeit davor und danach bzw. hat inzwischen mit „Concrete Fields“, „Waende“ und „Hiddensee“ eine Art Album-Trilogie zu diesem Thema veröffentlicht. Die klassisch ausgebildeten Brüder Daniel und Sebastian Selke verfolgen dabei den im Moment gerade sehr populären Neo Klassik-Ansatz, versetzen diesen jedoch mit einer deutlichen avantgardistischen Note. So mag ihr Klavier-Cello-Spiel auf den ersten Höreindruck recht spröde erscheinen, offenbart dieses aber bei näherer Beschäftigung eine atmosphärische Tiefe, welche durch das thematische Konzept noch verstärkt wird. Doch lest selbst:? Euer Band-Name CEEYS klingt recht ungewöhnlich und was soll dieser bedeuten bzw. wie wird dieser ausgesprochen?

Stimmt, „ungewöhnlich“ ist er und darf er auch sein. Bisher gab es die unterschiedlichsten, häufig sehr amüsanten Aussprachen und Interpretationsansätze. So kommt man aber auf jeden Fall immer schnell ins Gespräch. Diese kommunikative Komponente mögen wir sehr. Und darum werden wir nicht müde, unseren „Moniker“ aufzuschlüsseln: Im Grunde ist CEEYS simpel erklärt: Cello und Keys, also Klavier-Tasten = unsere Hauptinstrumente. Darüber hinaus findet man Tasten an unseren elektronischen Effekten und Synthesizern. Französische und englische Musikkultur haben uns im Osten früh maßgeblich geprägt. Wir sprechen deshalb Violoncelle mit Französisch scharfem „C“ aus und übersetzen die Tasten Englisch mit Keys. Außerdem haben wir gerade als Duo Spaß an doppeldeutigen Worten. So sind beispielsweise die „Keys“ selbst noch als „Schlüssel“ übersetzbar. Unser musikalischer Ansatz soll Türen öffnen und hoffentlich nicht nur uns, sondern im besten Fall auch Gleichgesinnten. Übrigens war die wohl überlegte Wahl der Worte im sorgfältig bewachten Osten Deutschlands oft von existenzieller Bedeutung. Das haben selbst wir in frühen Schulzeiten beim Fahnenappell gemerkt. Wir verstecken uns natürlich nicht hinter diesem Kode CEEYS. Es geht uns auch nicht primär um uns als Ausübende und Komponisten. Viele Kollegen veröffentlichen ebenso wie die großen Klassiker unter ihrem eigenen Namen. Als Brüder wollten wir uns aber nicht, wie in zünftigen Familienbetrieben üblich, als Gebrüder oder Brüder Selke benennen. Auch wenn wir im Konzert gern Geschichten erzählen, fanden wir die Nähe zu den berühmten Brüdern Grimm dann doch zu dicht. Der einsilbige Neologismus CEEYS erschien uns dann passender. Im experimentellen Underground ist Anonymität zudem ein wichtiges Gut, das uns anzieht, um eine Art künstlerische Freiheit zu wahren. So gibt es, um ein Beispiel zu nennen, den „Pianisten mit der Maske“ (LAMBERT). Das können wir vollkommen nachvollziehen und übrigens auch, weil wir denken, dass man sich als Künstler ab dem Gang auf die Bühne immer auch ein Stück weit inszenieren muss. Klar, man möchte schlicht unter seinem eigenen Namen besonders authentisch sein. Manchmal kann ein bisschen Distanz sogar einen besseren Überblick über sein eigenes Schaffen geben. Gerade beim Abmischen und Mastern unserer Alben machen wir uns das zunutze und bekommen so zusätzlich die wichtige Meinung eines anderen Hörers. Wir schätzen die Möglichkeit, sich verdeckt auszuprobieren. Es soll um den Singnaturklang der Instrumente, um die Musik gehen. Wir wissen natürlich dennoch, dass es auch im Underground gewisse Kodes gibt, die einen dann in eine bestimmte Schublade stecken wollen. Dem wollten wir uns ebenso entziehen. Auch in der Klassik gibt es nicht erst seit heute diese Suche nach knalligen Projektnamen. Diese Suche endet allerdings häufig leider auf Show-Niveau. CEEYS lässt sich auch lautmalerisch lesen. Ausgesprochen wird er wie die englischen Worte „Sea“ oder „See“, das „Meer“ oder einfach „Sehen“. Übrigens, die ostdeutsche Band CITY kann man auch gern als inspirierend nennen.

? Wie ging Eure musikalische Sozialisation in der DDR von statten und hatte westliche Musik einen Einfluss auf Eure Entwicklung?

CITY, wie schon gesagt und im Plattenschrank unserer Eltern gab es eine große Auswahl. Von Reinhard Lakomys „Traumzauberbaum“ über Bach, Händel, bis zur symphonischen Klassik, der epischen Rhythmik der russischen Meister Mussorgsky, Schostakowitsch und Prokofjew, aber auch ZZ TOP, ALAN PARSONS PROJEKT, YES, PINK FLOYD, Mike Oldfield, Isao Tomita und vor allem VANGELIS. Dessen „Spiral“ hat uns schon sehr fasziniert und den „Bladerunner“-Soundtrack haben wir tatsächlich erst viel später entdeckt. Aber wie gesagt, auch der „Traumzauberbaum“ ist noch heute eine sehr farbenreiche Zusammenstellung unterhaltsamer Geschichtenlieder. Als Filmliebhaber haben wir neben Komponisten wie Ennio Morricone, Nino Rota und später James Horner darüber hinaus auch ein besonderes Faible für deutsche Synchronstimmen entwickelt. So lauschten wir auch gern Hörspielkassetten mit dem Walkman.

? Laut Eurer Homepage beginnt Eure musikalische Zusammenarbeit 2016 unter dem Banner CEEYS mit dem Download-Album „The Grunewald Church Session“, aber ich konnte im Internet noch eine CD namens „Classic Open“ aus dem Jahre 2014 finden, welche allerdings auch nicht bei Discogs aufgeführt ist! Könnt Ihr deshalb bitte mal einen kurzen Abriss des Werdegang von CEEYS vor dem ersten „richtigen“ Album „Concrete Fields“ geben?

Das stimmt, auch wir haben uns lange vor „Concrete Fields“ ausprobiert. Aus der schönen, aber oft auf Perfektion reduzierten Klassik kommend, hatten wir zwar schon früh das Bedürfnis, eigene Musik zu schaffen, aber keine richtige Vorstellung, wie diese zu präsentieren sein könnte. Anfangs haben wir eher eine Art Show-Konzept entworfen. Irgendwann wurde uns das aber im wahrsten Sinne zu bunt, zu verstellt, und wir versuchten zur Entdeckerfreude zurückzufinden. Das Publikum mochte zwar auch unsere ersten Anläufe, aber wer uns wirklich verstehen möchte, beginnt mit unseren Reworks und „The Grunewald Church Session“. Eingeschlossen in dieser Kirche fanden wir schließlich zu einer völlig neuen Selbstwahrnehmung.

? Mit dem Album „Concrete Fields“ habt Ihr Eure sehr persönliche Reihe „Back-To-Back Anthology“ begonnen, die Eure gemeinsame Vergangenheit in der DDR und nach dem Mauerfall („Waende“) thematisiert – was gab den Ausschlag, Euch so intensiv mit diesem Thema zu beschäftigen?

Unsere gemeinsame Vergangenheit war und ist eigentlich immer präsent. Sie wird es auch immer sein. Es gab für uns bis „Concrete Fields“ nur keine intuitive Möglichkeit das Erlebte zu fassen und musikalisch umzusetzen. Nach „The Grunewald Church Session“ hatten wir endlich ein Gerüst, wie man als klassisch geprägtes Duo zugleich minimalistisch und komplex spielen kann. Erst war auch alles auf ein Album ausgelegt bis wir schließlich merkten, wie intensiv diese Zeit verwoben war. Prägend war dabei sicher auch die wundervolle und einzigartige filmische Chronik einer Landschulklasse, die älteste Langzeitbeobachtung des internationalen Films: „Die Kinder von Golzow“. Unsere erste Trilogie scheint nun erzählt: 80er, 1989, 90er. Aber jeden Tag entdecken wir neue Aspekte dieser Zeit, die uns faszinieren und die aus unserer Sicht auch eine aktuelle Relevanz in sich tragen. Darum sprechen wir inzwischen von einer Anthologie, die ganz sicher auch in unseren folgenden Veröffentlichungen mitschwingen wird.

? „Concrete Fields“ behandelt Eure Zeit im „real existierenden Sozialismus“ – wie habt Ihr diese, meist von Außenstehenden, als trübe und bleierne beschriebene Epoche selbst erlebt?

Ende der 80er wohnten wir im Plattenbau. Aber wir waren dank unseren Eltern auch viel unterwegs, gingen in Konzerte, ins Theater und Kino. Der Papa war im Funkhaus Berlin als Redakteur und Moderator im Studio 11 tätig, da waren wir regelmäßig. Sebastian hat neben der Schule ganz früh mit Eiskunstlauf beim TSC begonnen, und als das aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ging, sind wir zur Musikschule gewechselt. Es war immer etwas los. Im Urlaub dann die Ostsee oder das Erzgebirge und unvergessen auch unsere Besuche im Karl-May-Museum. Auch die Schule kam uns trotz Pionierhalstuch und Fahnenappell nicht besonders merkwürdig vor. Es war Alltag, und wir haben versucht, daraus und den täglichen Einschränkungen zum Trotz etwas zu machen. Nur manchmal, wie beim gemeinsamen Essen, kam die Sehnsucht nach fernen Ländern, großen Städten und Kulturen mit auf den Tisch…

? „Waende“ beschäftigte sich im Anschluss dann mit den beiden Themen Plattenbau und des Mauerfall (der sogenannte Wende), was Ihr kongenial in dem zweideutigen Titel des Albums gebündelt habt – wie alt ward Ihr zum Zeitpunkt dieses einschneidenden Ereignis in der deutschen Geschichte und was sind insbesondere Eure Erinnerungen an den Herbst 1989?

Wir waren 9 und 7, aber durchaus hellwach und interessiert, wie es einen regen Austausch in der Familie und mit Freunden gab. Etwas scheinbar Unveränderliches, eine festgefügte Mauer bröckelte in einer unfassbaren Geschwindigkeit so einfach weg! Dieser Einschnitt war ja nicht nur für die deutsche Geschichte mit enormen Umwälzungen verbunden. Das gesamte Ostblock-System war plötzlich verschwunden, und es schien, als würde mit einem Mal das Tempo erhöht. Die Ereignisse überschlugen sich. Dennoch wohnten wir weiterhin im Plattenbau, doch um uns herum änderte sich derweil alles. Aus heutiger Sicht kann man sich das kaum mehr vorstellen. Aber, wir haben es erlebt und dürfen es in der persönlichen Erinnerung bewahren.

? Da ich selbst ein Ostler vom Dorfe bin, erklärt mir und dem interessierten Leser bitte die Vor- und Nachteile des DDR-Plattenbaus?

Zunächst waren die Bauten wirklich eine Erlösung von den miserablen Wohnungen im Prenzl‘ Berg. Dort hatten wir im Hinterhaus Gleimstraße, Parterre gleich neben dem Eingang der verkeimte Keller und kein Bad! Dann Umzug in eine kleine Q3A-Wohnung Anfang der 80er. Diesmal mit Badewanne, in der der Vormieter Beton für eine Zwischenwand angerührt hatte. Kohlen schleppen zum Heizen war ab Frühherbst Tagesprogramm. Da war der Umzug in das bis heute größte Plattenbaugebiet Europas, Marzahn-Hellersdorf, für uns ein wahrer Segen! Warmes Wasser aus der Wand, Fernheizung, jeder ein Zimmer und Balkon! Anfangs standen gute Intentionen, denn das Wohnungsproblem sollte ja gelöst werden. Natürlich war alles weiß/grau und eine Betonwüste, aber gebadet werden konnte jeden Tag! Nun ja, natürlich waren aus Musikersicht die Wände im Plattenbau viel zu dünn. Wir übten damals simultan unsere Tonleitern, einer im Wohnzimmer, der andere im Kinderzimmer. Aber wir hörten uns, als wären wir im selben Raum. Das ermöglichte uns später, so schön durch die Wände hindurch miteinander zu improvisieren. Unsere armen Nachbarn. Sie schlugen mitunter den Takt auf den Heizungen zu Czerny, Mozart, Beethoven und damals übten wir schon mal acht Stunden am Tag. Ohne Filz im Piano und Dämpfer auf dem Cello!

? Ist es nicht surreal, das noch vor einigen Jahren viele alte DDR-Plattenbauten leer standen und sogar rückgebaut wurden, inzwischen durch die Flüchtlingskrise und der allgemeinen Bevölkerungs-Ballung in Berlin kaum noch sozial bezahlbarer Wohnraum vorhanden ist?

Das ist im Grunde genommen ja gerade die Realität, die man mitunter kaum glauben kann. Es ist aus unserer Sicht faszinierend, wie sich unser Zusammenleben immer wieder neu definiert. Es entstehen auch heute Situationen in einer neuen Qualität, die man so noch vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten hätte Darum finden wir es eben auch wichtig, unsere Vergangenheit in Verbindung mit unserer heutigen Zeit zu reflektieren, um vielleicht das Morgen zu verstehen und möglichst sinnvoller zu gestalten. Nicht mit dem erhobenen Zeigefinger subjektiven Geschichtserlebens, aber schon auch mit einer gewissen Erfahrung, die im besten Fall zum Austausch und zu Lösungen anregt.

Foto: Franz Grünewald

? War Berlin in den 80/90er Jahren vor allem musikalisch ein pulsierender-musikalischer Biotop, hat sich das in den letzten Jahren verändert und viele der alten Aktivisten der Szene haben inzwischen die Landflucht angetreten – was ist Eure Meinung zu dieser Entwicklung und ist dieser dreckige Moloch noch lebenswert bzw. bezahlbar?

Grenzen verschieben sich. Berlin entwickelt sich zu einer weltoffenen Stadt, in der man sich mehr und mehr auch als quasi „Ureinwohner“ daran gewöhnen muss, sich überwiegend auf Englisch zu verständigen. Dadurch wird auch der Austausch gerade auch auf musikalischer Ebene gefühlt bunter, wenn auch nicht „leichter“. Gut, leicht im Sinne von „einfach“ war es eigentlich nie. Vielleicht können wir auch nur dadurch endlich unsere Musik präsentieren, wie wir es uns wünschen. Dennoch haben wir uns nach 30 Jahren entschieden, Berlin aus der Distanz zu betrachten und wohnen inzwischen in Potsdam. Natürlich ist auch hier nicht alles optimal, aber vor kurzem landete Potsdam im bundesweiten Städte-Vergleich auf Platz 4 der wohnfreundlichen Städte. Die Einwohnerzahl hat sich seit 1990 fast verdoppelt. Wir beide arbeiten hier ja auch im Orchester und an der Musikschule.

? Ihr spielt mit CEEYS auch sehr oft Live im Rechenzentrum von Potsdam – warum und was könnt Ihr noch zu dieser Stadt oberhalb von Berlin berichten?

Liegt Potsdam oberhalb?

? Natürlich von Hiddensee aus gesehen!

Haha… Also von der Wohnqualität gesehen, liegt es auf jeden Fall über Berlin, geografisch gesehen aber südwestlich Berlins. Das Rechenzentrum ist ein beeindruckendes Relikt aus Ostzeiten. Viele Bauten aus dieser Zeit sind inzwischen, wenn auch nicht widerstandslos, verschwunden. Einige waren in ihrer schlichten Ästhetik und baulichen Qualität verglichen mit den barocken und klassizistischen Bauten tatsächlich nicht unbedingt erhaltungswürdig. Andererseits empfinden wir gerade auch Gebäude dieser Epoche gleichermaßen als spannende Zeitzeugen. Die Mosaike am Rechenzentrum stammen wohl vom Großvater vom Techno-Produzent Paul Kalkbrenner. Auch mit Potsdam und seinem Umland verbindet uns eine lange Geschichte. Schon damals war es Anlaufpunkt vieler Berliner Städter. So auch für uns. Unser Papa hat in den 90ern unter anderem beim ORB moderiert, in der kleinen Antenne-Brandenburg-Villa in der Puschkinallee. Darum verbinden uns Erinnerungen an viele angenehme Stunden im Park Sanssouci, während der Papa am Mikro war. Interessantes Thema und fast schon wieder eine Veröffentlichung wert?! Wir sind also mittlerweile in den Urlaub gezogen, in die Nähe vom Heiligen See und sehr dicht am Kulturquartier Schiffbauergasse, wo ja unser Q3Ambientfest stattfindet.

? Euer aktuelles Album „Hiddensee“ berichtet von Euren Erlebnissen und Erfahrungen in der „grenzenlosen Freiheit“, welche Euch letztendlich (wie viele andere Ex-DDR-Bürger) nach einer kurzen wie intensiven Zeit des Reisens, doch wieder zurück an die Ostsee gebracht hat – warum?

Im Dickicht unbegrenzter Möglichkeiten scheint es immer mehr auch eine Form der Freiheit zu sein, sich einen Rahmen zu setzen. Vieles heutzutage scheint, als hätte man die Büchse der Pandora geöffnet. Man kommt auch kaum dagegen an. Jeder wirbt mit mehr Möglichkeiten, mehr Freiheit und Bequemlichkeit. Am Ende sitzt man überfordert vor seinem Computer und weiß nicht mehr genau, wo das Ding angeht. Den Sommer 2019 haben wir auch wieder an der Ostsee verbracht.

? Nach einer kurzen Zeit der Flaute im Tourismus an der Ostsee, ist diese auf Grund der Rückbesinnung und auch der weltweiten Terroranschläge angesagter denn je und inzwischen ein Urlaub dort kaum noch bezahlbar… selbst die Überfahrt nach Hiddensee kostet inzwischen wohl um das zigfache – wie seht Ihr diese Entwicklung?

Ein Erwachsener hin und zurück ab Stralsund kostet im Moment wohl um die 20 Euro, was verglichen mit den 3 Mark zu Ostzeiten gewaltig ist. Allerdings waren das auch noch andere Fähren… Interessant für uns: Nach dem Mauerfall haben Vermieter auf der Insel (und vermietet wurde auch zu Ostzeiten kräftig) umgehend 70 DM pro Übernachtung genommen, obwohl die Dusche trotzdem draußen war und wurde per Münzeinwurf separat abgerechnet wurde. Zurück ins Heute: Vor kurzem gab es eine Prognose dass 59 Prozent aller Menschen in Deutschland wieder Urlaub auf Balkonien machen. Und man merkt das auch heute, dass, wo auch immer Leute Erholung suchen, ordentlich gezockt wird. Zum Glück gibt es immer noch einige abgelegene Plätzchen, die wir noch von früher kennen. Viele der Ostsee-Geldhaie tragen auch eine gewisse Oberflächlichkeit in sich, die Ihnen möglicherweise schneller als gedacht zum Verhängnis werden könnte. Vielleicht sollten wir dort mal eine Show spielen.

? Für „Hiddensee“ habt Ihr erstmals auch Aufnahmen im ehemaligen Funkhaus der DDR gemacht, dessen Geschichte legendär ist und welches ja viele Jahre im „Dornröschenschlaf“ lag und fast abgerissen wurde. Zum Glück erkannte man die Möglichkeiten des Gebäudes noch rechtzeitig und inzwischen ist das Funkhaus ein wichtiger musikalischer Punkt für Studios und Konzerte in Berlin, der aktuell allerdings leider auch arg „verhipstert“ ist – was sind Eure Erinnerungen an das alte Funkhaus und vor allem den Sender DT64?

Es war eine ganz besondere Möglichkeit ausgerechnet hier das Album durch einige analoge Schätze und insbesondere eine der berühmten Hallkammern aufzunehmen. Als Kinder haben wir hier bei der Weihnachtsfeier der Belegschaft zur Fotosession auf dem Schoß vom Nikolaus gesessen und sehnsüchtig auf ein Geschenk gehofft, in der Jugend dann die DT64 Sendungen bis spät in die Nacht auf einem Stern-Rekorder mitgeschnitten. Schließlich verbrachte Sebastian die ersten Jahre nach dem Studium im Funkhaus am ersten Cellopult vom Deutschen Filmorchester Babelsberg. Es war ein ganz besonderes Geschenk, zurückzukehren.

? Alle drei Album der Reihe wurden dabei durch Fotos einer Session illustriert, die Ihr 2015 mit originaler Fototechnik aus der DDR gemacht habt und auch Euer musikalisches Instrumentarium stammt zum größten Teil noch aus ostdeutscher Produktion und deren Bruderländer – warum diese strenge Authentizität?

Wir haben gestaunt, wie viel aus dieser Zeit noch im Umlauf ist. Oft in keinem guten Zustand aber inzwischen haben wir einen regelrechten Fuhrpark an Apparaten, Instrumenten und Effekten. Vor einiger Zeit sind wir damit sogar getourt und haben einige Konzerte gespielt. Inzwischen ist uns das zu riskant und wir spielen mit zugänglicheren Instrumenten die zumindest einen östlichen Hauch in sich tragen. Zum Beispiel ist mein Cello aus Hölzern des sächsischen Vogtlandes, vor allem aus Klingenthal zusammengesetzt. Aber auch die elektronischen Sounds wie Bass und Kickdrum kommen von einer berühmten ostdeutschen Manufaktur. Die älteren elektronischen Instrumente haben oft ganz simple Namen wie „E -Piano, Piano-Strings und Synthesizer“. Aber jedes einzelne hat einen unverwechselbaren Klang und war es wert, restauriert zu werden. Sogar zwei scheinbar gleiche Orgeln klingen ganz unnachahmlich individuell. Es ist also weniger die Strenge als vielmehr die Überlebenskraft, die Lebendigkeit von Musik und Geschichte. Dieses Interesse an originalem Gerät betrifft auch unsere Fotografien. Die Session sollte ursprünglich komplett von einer Fotografin gemacht werden, die selbst diese Apparate beherrscht. Sie hat uns dann aber ermutigt selbst den Auslöser zu betätigen. So entstanden wirklich ganz persönliche Bilder. Wir hoffen, bald einen kompletten Fotoband zu veröffentlichen. Erst durch Instrumente und Fotos in Kombination können wir uns selber richtig zurückdenken und vertiefen in diese einzigartige Stimmung. Die Bilder entstanden übrigens nach der Musik.

? Habt Ihr gar keine Angst, mit Eurem Konzept in der Ostalgie-Schublade zu landen?

Angst… nein. Wir sind für das, was wir spielen und moderieren verantwortlich, nicht für das, was andere dann möglicherweise interpretieren. Unsererseits gehen wir behutsam mit der Zeit, den Zeitzeugen und mit allen Erinnerungen um. Ostalgie im Sinne von Verherrlichung „der guten alten Zeiten“ liegt uns fern, ebenso deren Verteuflung. Wie gesagt: Wir waren Kinder, die allerdings gespürt haben, wie wir die oft schwierigen Verhältnisse angenommen, auf persönlichster Ebene verarbeitet, bewältigt und auch viele glückliche Momente dabei erlebt haben. Auf diese Anfänge unseres Lebens haben wir uns zurückbesonnen und dabei eine gemeinsame musikalische Sprache und so zu uns selber gefunden.

? Alle bisherigen Alben der „Back-To-Back Anthology“ sind auch auf Vinyl erschienen – was liegt Euch an diesem analogen Format?

Ja, oft war sie totgesagt. Neben dem Radio verbinden wir mit diesem Format unsere ersten inspirierenden Begegnungen mit Musik und deren wundervoller Ausgestaltung. Jede Scheibe hatte Bilder und Text, dazu das gelegentliche Knacksen, das an ein Lager- oder Kaminfeuer erinnerte. Die Haptik einer Schallplatte steht für die Wertschätzung musikalischen Seins. Ähnlich ging es uns später erst mit den Kassetten. Auch dieses Format dringt immer mal wieder durch. Übrigens wer Lust auf eine besondere Platte hat, kann unser Solo-Release „Q3A“ erwerben. Hier haben wir erstmals und sehr aufwendig auf 7“ veröffentlicht. Vielen Dank dabei an Matthias der das ermöglicht hat. Das ist gleichzeitig das Bindeglied zwischen „Waende“ und „Hiddensee“, denn es verbirgt sich ein versteckter oder „hidden“ Titel wenn man A und B Seite übereinander schichtet. Wer dazu Fragen hat kann uns auch kontaktieren. Es ist ein auch Rework-Album in Planung, mit Arbeiten der Künstler unseres Q3Ambientfestes.

? Seit drei Jahren kuratiert Ihr schon in Potsdam das mehrtägige Q3Ambientfest und auf diesem Festival treten zahlreiche namhafte Vertreter der experimentellen Neo Klassik auf – wie kam es zu dieser interessanten Veranstaltungs-Reihe bzw. was ist die Idee dahinter?

Wir wollten einen Satelliten für zeitgenössische Künstler und Kollegen schaffen. In Potsdam als eigenständiges Imprint zu Berlin. So, wie viele Label inzwischen Sublabel für Neoklassiker eröffnen. Es geht auch gar nicht nur um Neo-, Post-, Alt- oder Modern Classical. Deshalb auch das Wort „Ambient“. Vor gar nicht allzu langer Zeit galt das Genre als non-kommerziell. Inzwischen blühen gerade hier aus unserer Sicht die spannendsten Ideen. Filmkomponisten, Jazzer, Klassiker, Elektroniker alle können sich hier zu experimentellem, aber zugänglichem Spiel vereinen. Im besten Fall ergeben sich gleich Kollaborationen in Form von Konzerten. Da wir selber vor allem Live spielen wollen, liegt darum beim Booking des Festes unser Hauptfokus im gegenseitigen Ermöglichen von Auftritten. Wir machen Management und Booking zur Zeit wieder selber. Das ist schwerer, aber die schönsten Auftritte sind immer auch die, wenn wir im Austausch mit befreundeten Musikern in deren Heimat eingeladen werden. So ist es gedacht. Die Unterstützung durch die Stadt ermöglichte uns 2019 bereits die dritte Edition. Von Herzen großer Dank dabei an die Abteilung für Kultur und Museum. Aber wir denken, gerade diese kleine feine, aber auch weltweit wachsende Nische zwischen klassisch assoziierten Instrumenten, die mit zeitgenössischen Kompositionen ins Hier und Jetzt transportiert werden, passt authentisch zur Geschichte und Architektur der wunderschönen Stadt Potsdam.

? Auf der bereits angesprochenen „Q3A“-Split-Single wandelt Ihr beide erstmals auf Solo-Pfaden – gibt es darüber hinaus weitere Bestrebungen in diese Richtung?

Auf jeden Fall. Das hat großen Spaß gemacht. Unsere Suche nach unserer Langzeit-Brüder-Kollaboration hat allerdings Priorität. Darum, wie oben erwähnt, ist selbst dieser erste Soloversuch ein verstecktes Duo-Release.

? Wie geht es nach „Hiddensee“ mit der „Back-To-Back Anthology“ weiter oder ist diese jetzt abgeschlossen?

Wer unsere Liner Notes aufmerksam liest entdeckt am Ende immer den Hinweis auf eine mögliche neue Veröffentlichung. Vor ein paar Monaten mussten wir aufgrund von Flugverspätungen ein 60minütiges Konzert rein akustisch bestreiten. Es war eine unglaubliche Erfahrung, plötzlich wieder so reduziert zu sein. So hatten wir begonnen. Inzwischen reift darum der Gedanke, ein akustisches Cello-Piano-Album zu versuchen = die Königsklasse. Am liebsten schlicht aufgenommen in unserem eigenen Klingenthal-Studio. Ein bisschen auch wie ein Neustart nach der Trilogie.

Foto: Claudia Araujo

? Könnt Ihr Euch gemeinsam auf 5 All Time-Alben einigen?

Die schwierigste Frage zum Schluss und natürlich sagen wir sicherlich nicht überraschend beim Überlegen: Da haben wir auf jeden Fall mehr als fünf im Ohr… Gerade haben wir eine gemütliche Show in Belgien, im schönen Leuven gespielt. Unser FOH-Techniker war selber Musiker und in der Pause vor dem Konzert, neben Lasagne und Super 8 IPA, unterhielten wir uns genau darüber. Er selbst plant ein Album für seine Postrock-Formation in einer Session, also ohne Titelstruktur, aber mit einer durchgehenden Idee. Das finden wir selber spätestens nach „The Grunewald Church Session“ besonders spannend und sehr faszinierend. Es gibt da wohl eine Tradition besonders im Postrock, aber als klassisch geprägte Musiker mit Nähe zu den großen Werken der Alten Meister haben wir dafür auch Interesse. Darum haben wir uns überlegt, vor allem unsere fünf liebsten Filmmusikalben zu nennen. Alle haben unseren Klang und Ansatz nachhaltig geprägt, und wir denken insbesondere Filmmusik wird durch den roten Faden im Film völlig selbstverständlich zu einem eigenen Gesamtkunstwerk. Darum hier unsere fünf Top sechs allerdings ohne Rangfolge: TANGERINE DREAM „The Keep“, Philip Glass „Koyaanisquatsi“, Ennio Morricone „The Mission“, Barrow & Salisbury „Annihilation“, Nils Frahm „Victoria“ und unser Joker: „Bladerunner 2049“ aber da das nicht verwendete Thema von Jóhann Jóhannsson und natürlich – ach ja, leider nur fünf…

? Ich danke Daniel und Sebastian für dieses interessante, wie sehr ausführliche Interview. Des weiteren geht Dank an Juste Survilaite von La Tigre Noir für ihre Unterstützung.

(Marco Fiebag)

Diskografie:

2017 „Concrete Fields“ LP/CD 1631 Recordings
2018 „Waende“ LP/CD Neue Meister
2019 „Hiddensee“ LP/CD Neue Meister

 

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