„Wir brauchen etwas mehr Würze, um die Szene am Leben zu erhalten!“ – Interview mit Simone Salvatori von SPIRITUAL FRONT

Seit ich die Römer SPIRITUAL FRONT vor einigen Jahren mit ihrem Neoklassik-Album BLACK HEARTS IN BLACK SUITS entdeckt habe, bin ich glühender Verehrer ihrer Musik gewordne und verfolge das Schaffen des charismatischen, gelegentlich streitbaren Simone Salvatori mit großem Interesse, schließlich kokettiert die DarkPop-Band mit einem kontroversen Italo-Macho-Image und der Umkehrung sexueller Motive im Auftreten. Salvatori ist seit Jahren in der italienischen Sub- und Gegenkultur aktiv und hat nach diversen Projekten und Kollaborationen mit dem gegenwärtigen Line-up der SPIRITUAL FRONT den Zenit seines Schaffens erreicht. Anfang 2018 ist ihr siebtes Album „Amour Braque“ erschienen. Außerdem wurde im Zuge dessen ihr populäres, nicht mehr erhältliches Hit-Album „Armageddon Gigolo“ via Prophecy Records wiederveröffentlicht. Auch wenn Salvatori nicht mehr die nötige provokatorische Rebellion wie in der Vergangenheit pflegt, er bleibt noch immer in der Outlaw, den viele in ihm sehen möchten, gefällt sich in seiner Rolle als Sexsymbol und Frontmann, bleibt aber der sympathische und höfliche Gesprächspartner wie man ihn auch aus älteren Interviews kennt.

Ciao Simone, schön, dass du Zeit für das Gespräch gefunden hast. Fünf Jahre habt ihr an eurem Nachfolger AMOUR BRAQUE gearbeitet. Das Album ist jetzt seit einigen Monaten auf dem Markt. Seid ihr zufrieden?

Simone Salvatori: „Absolut. Es sind die Songs, die wir immer schreiben wollten. Außerdem bin ich sehr zufrieden mit meinen Texten. Das Album spiegelt meine gegenwärtige Persönlichkeit zu 100% wieder.

2017 habe ich euch auf dem Prophecy Fest in der Balver Höhle live gesehen und war ziemlich erstaunt, dass ihr mit SPIRITUAL FRONT nun tatsächlich in Deutschland bei Prophecy Records unter Vertrag steht. Dabei ist das Label eher für seine Veröffentlichungen im Bereich Dark/Pagan/Folk-Metal bekannt. Szenetechnisch bewegt ihr euch mit eurer Musik eher traditionell in der DarkPop/Industrial/Wave-Gemeinde? Wie ist es denn zu diesem Signing gekommen?

„Ich war schon länger mit Stephan in Kontakt. Bereits vor einigen Jahren haben wir über eine mögliche Kollaboration diskutiert, irgendwie ist es aus verschiedenen Gründen aber nichts geworden. Schließlich ist die Zeit gekommen, dass wir uns bandintern für ein neues Label in Deutschland entschieden haben und Prophecy ist es geworden. Stephan und sein Team sind sehr freundliche Menschen, die viel Herzblut und Engagement in das Label stecken. Außerdem spürt man, dass sie alle ihre gesignten Bands wirklich lieben. Aber du hast vollkommen Recht: Im Vergleich zu den anderen Bands auf dem Rooster klingen wir ziemlich exotisch. Aber wahrscheinlich ist das auch unsere Trumpfkarte (lacht).“

Reden wir über AMOUR BRAQUE. Welche Ideologien, Inspirationen und Gedanken fanden Einklang im Album. Wie immer bleibt ihr euren bandtypischen Markenzeichen treu: Erotische Attitüde, okkulte Referenzen und das Wechselspiel der Geschlechter. Gerne würde ich etwas mehr über die Entstehungsgeschichte erfahren.

„Ich singe ausschließlich über mich und mein Leben und die von dir angesprochenen Themen sind die, die mich mein Leben lang begleiten. Wir brauchen mehr ausgesprochene Wahrheiten, viel mehr Leidenschaft in unserem Leben. Außerdem sollte es mehr Songs geben, die die eigene Individualität stärker repräsentieren. In diesem einen kurzen Leben sollten wir keine Zeit für Fake Music und Fake Content verschwenden. Die Vergangenheit sollte uns eine Lektion erteilt haben. All die inhaltsleeren Band mit ihren beschissenen Texten sind dazu vorherbestimmt damit zu scheitern. Möglicherweise haben sie ihre drei Minuten Ruhm im Netz. Wir hingegen spielen wahrhaftige Musik für authentische Menschen, die sich ihrer Persönlichkeit bewusst sind. Eigentlich ist es wie immer. Die Musik von SPIRITUAL FRONT entsteht seit jeher aus Fleisch, Bult, Speichel und Sperma.“

In der Vergangenheit haben SPIRITUAL FRONT auch Musik für Videospiele und Filme beigesteuert. Gibt es hierzu akute Pläne?

„Nein, in dieser Hinsicht haben wir aktuell kein Interesse. Aktuell habe ich die Arbeiten an meinem letzten Projekt THE LUST SYNDICATE abgeschlossen. Ich bezeichne das Projekt als „Industrial Anti-Kapitalismus-Pop“. Es wird in Kürze via Trisol Records erscheinen. Mein erster Auftritt hierzu in Deutschland wird  im Juli beim „Familien Treffen Festival“ in Sandersleben sein. Erste Höreindrücke gibt es auf meiner soundcloud-Page.“

Als gestandener Mann will ich dir auch die Frage stellen, wie du zu Kritiken über SPIRITUAL FRONT stehst. Die meisten sind tatsächlich sehr wohlwollend, da Rezensenten oft mit Image und Attitüde der Band sympathisieren. Wie siehst du das?
„Ja, gelegentlich. Allerdings fällt mir oft auf, dass sehr viele „Kritiker“ aus einer gewissen Distanz über Musik oder Kunst schreiben, ohne sich ernsthaft mit Inhalten oder Materie auseinandergesetzt zu haben. Sie schreiben über Dinge, die sie selbst nicht verstehen. Ich bin daher etwas müde geworden, Reviews auf ihre Wertigkeit zu analysieren. In der Regel reicht es aus, die ersten zwei Zeilen über deine Band zu lesen und du weißt sofort Bescheid, ob diese Person überhaupt die Kompetenz besitzt über dich urteilen zu können.“

Für viele Fans ist euer Album „Armageddon Gigolo“ von 2006 euer bis dato bestes Album. Im Zuge der Veröffentlichung von AMOUR BRAQUE hat Prophecy auch dieses als schickes Re-Release in schönen Editionen auf den deutschen Mark gebracht. Wie stehst du mit über zehn Jahren Abstand zu diesem Weg. Kommen nostalgische Gefühle auf oder glaubst du, dass ihr es noch einmal besser hinbekommt?

„Wir sind noch immer sehr zufrieden mit „Armagedon Gigolo“. Das Album ist gut, aber sicher nicht unser Bestes. Meiner Meinung nach, ist die Produktion damals zu „rough“ gewesen – das stört mich mittlerweile. Ich bevorzuge daher unser aktuelles Album, da wir hier wirklich sehr zufrieden mit dem Ergebnis sind. Nostalgie? So denke ich nicht. Ich freue mich, dass es eine Möglichkeit gibt, das Album für neue Fans zu vertreiben. Vor allem die schönen Editionen im 2CD-Buch-Format oder als wertige 180g-Vinyl.“

Viele italienische Band sind dafür bekannt, sich selbst stark mit dem italienischen Kino zu symbolisieren. Besonders die Epoche des Neorealismus und die berühmten Giallo-Filme genießen im Ausland Kultstatus. Auch ihr spielt oft vor einer Leinwand mit Pasolini-Filmen. Wie stehst du zu Gegenwartskino Italiens?

„Leider werden sehr viele Talente von den fiesen Tentakeln des Mainstreams verschlungen. Viele gute Künstler werden für schreckliche, sinnlose Projekte missbraucht. Sie müssen diese annehmen um überhaupt überleben zu können. Aber natürlich gibt es auch die großen Namen, die das italienische Kino ganz hervorragend repräsentieren und gute Filme schaffen. Da denke ich vorrangig an Regisseure wie Garrone, Sorrentino oder Sollima. Es sind vor allem alte Werke der italienischen Filmgeschichte die mich persönlich inspirieren. Des Weiteren habe ich eine Passion für Regisseure wie Fassbinder, Bergmann, Pasolini oder Rodriguez.“

In frühen Presse-Texten vermarktet ihr euch stark als „Suicide Pop“-Band. Fühlt ihr euch dem Terminus noch immer verbunden oder habt ihr euch als gesetzte Herren von dem Radikal-Image abgewandt?

„(lacht).Es ist doch so: Wir brauchen etwas mehr Würze um die Szene am Leben zu halten. Die Bezeichnung beinhaltet für uns zwei interessante Themengebiebte : Bittersüße Pop Musik und Freitod als Lösung – ist das nicht die perfekte Verknüpfung?“

Mit eurer Facebook-Page pflegt ihr eine starke Verbindung zu euren Fans, die sich mit Tattoos, Outfits und Merchandise stark mit euch identifizieren und dementsprechend „erotisch“ inszenieren. Was kannst du uns über den Kontakt mit euren Fans sagen?

„Tatsächlich sehe ich SPIRITUAL FRONT als eher große Gemeinschaft, als nur einer devoten Fan-Base. Die CHURCH OF SPIRITUAL FRONT gehört uns allen. Wir teilen dort Inhalte, die uns beschäftigen. Es ist eine Lebenseinstellung. Mich erreichen viele schöne Nachrichten. Daher sind wir sehr glücklich darüber, dass wir tolle Fans und gute Menschen in unseren Reihen haben.“

Welchen gegenwärtigen Entwicklungsstand hat SPIRITUAL FRONT?

„Wir spielen gelegentlich THE SMITHS und MORRISSEY-Songs an konzeptionellen Abenden. Ursprünglich war das als Witz gedacht für einen Pausenfüller einer Show gedacht. Aber die Sets kamen gut an und so haben wir beschlossen gelegentlich damit aufzutreten. Ich verachte eigentlich alle Cover- oder Tribute-Bands, aber in diesem Fall mussten wir selbst eine Ausnahme machen, da wir allesamt glühende Verehrer der SMITHS sind.“

Und welche Musik bereitet dir aktuell Gänsehaut und Befriedigung?

„Ich höre sehr viel unterschiedliche Musik, daher kann ich hier nur im Affekt antworten. Gänsehaut hatte ich allerdings tatsächlich lange nicht mehr, was irgendwie schade ist. Aktuell mag ich Musik von ALDOUS HARDING, ALGIERS, FATHER JOHN MISTY und CALEXICO. Ich bin außerdem großer Fan der SHANGRI LAS, SHIRELESS oder THE RONETTES. Aber ich verfolge auch aktuellen Oldschool EBM wie AUTODAFEH und JAGER 90 sehr gerne.“

Was sind die nächsten Pläne der Band?

„Wir werden so viel wie möglich live spielen um den Segen der SPIRITUAL FRONT zu verbreiten. Danach werden wir schon bald die Arbeiten an einem neuen Album beginnen. Aber natürlich möchten wir unterwegs weiterhin unsere Fans und  Unterstützer kennen lernen und mit ihnen Zeit verbringen.“

Abschließend möchte ich dich noch um ein politisches Statement zur gegenwärtigen Situation in Italien bitten, da es ja gerade ziemlich wirr bei euch im Lande zugeht, gerade nach der neuen Regierungsbildung aus LEGA NORD und FÜNF STERNE BEWEGUNG?

„Heutzutage ist es in der Tat sehr kompliziert über Politik zu sprechen. Alles kann sofort missinterpretiert werden. Man muss gut überlegen, was man in der Öffentlichkeit äußert. Meiner Meinung nach leben wir in einem „Orwellschen Alptraum“. Italien ist genauso am Arsch wie die gesamte Europäische Union. Die EU ist  wie ein Abflusskanal. Es ist das neue „Silent Reich“. Es ist ein kapitalistisches Imperium, entstanden durch Finanzhaien und Aristokratie, welches in dieser Form nie von den Bürgern gewählt wurde. Das Ziel ist es unsere Kulturen vermischen, dem stehe ich skeptisch gegenüber.  Diese Elite-Dominanz schert sich längst nicht mehr um politische Strömungen (die heutzutage ohnehin sinnlos geworden sind), aber sie vergrößern die Konflikte zwischen den „Armen“ und „Reichen“. Das Ziel soll es sein, eine neue klassenlose Bevölkerung zu erzwingen. Aber eigentlich geht es doch nur noch um Konsum, nicht um Bürgerrechte – längst leben wir in einer scheinheiligen Fake-Demokratie. Zur gleichen Zeit zerstören Politiker mit ihren Dogmen jegliche Möglichkeit auf Selbstbestimmung. Aktuell empfinde ich die Gesamtlage schon als ziemlich beschissen.“

Vielen Dank für deine Einschätzung. Die letzten Worte gebühren dir.

Liebt uns weiter,  folgt immer eurem Herzen und lebt eure eigene Sexualität! Vielen Dank für das Interview

(Dimitrios Charistes)

 

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