SANGRE DE MUERDANGO – Noite (CD)

Das Leipziger-Label „sickmangettingrecords“ von Ex-THROWERS-Sänger Alexander Obert erfreut sich bei Freunden härterer Gangart atmosphärischen Kalibers schon seit Längerem an Popularität, zeigten sich die Labelmacher in der Vergangenheit für herausragende Veröffentlichungen in den Grenzbereichen Post- & Dark-Hardcore, Black Metal, Doom, Drone und Folk mit naturalistischer und linker Grundnote verantwortlich. So zählen die letzten Veröffentlichungen von ALDA, NOVEMTHREE, UNRU oder SUN WORSHIP sicher zu Genre-Highlights der letzten Jahre innerhalb des Label-Portfolios. Mit dem vierten Album „Noite“ des spanischen Traditional-Folk-Instrumental-Projekts SANGRE DE MUERDAGO  von Pablo C. Ursusson gelingt ihnen ein weiter Coup, nachdem sie bereits zwei Vorgängeralben in Deutschland der Hörerschaft zugänglich machten.

Ursusson ist Komponist, Maler, Skulptur-Bauer, Lyriker aber vor allem überzeugter Weltreisender  (Reisender zwischen den Welten) und Freigeist. Zusammen mit zahlreichen Mitmusikern und Kollaborateuren wie aktuell Georg Börner oder Erik Heimansberg erschaffen die Musiker zutiefst melancholische Szenarien mediterraner Stimmungsmusik. Schön, dass sich nun ein deutsches Label dieser Sehnsuchtspoetik annimmt und dem Projekt  hierzulande  zur verhofften Popularität verhilft.

Wer den poetischen, stark naturmystischen Neofolk-Metal der Österreicher DORNENREICH schätzt oder das weltabgewandte Sein von FAUN genießt, bekommt mit SANGRE DE MUERDAGO das südländische Pendant zu naturbesinnter, musikalischer Untermalung eines lauen Sommerabends. Wirkungsvoll unterstrichen mit Metaphern, die mich sofort an das Fernweh mediterraner Landstriche und Bergwelten denken lässt. Ob ein Tag an der rauen Algarve-Küste, malerischen Agäis-Inseln in Griechenland oder pittoresken Bergdörfern in Spanien, zum Beispiel hat man beim Lauschen schnell das geheimnisvolle Galizien vor dem geistigen Auge, wo das Projekt aktuell, ursprünglich aus der spanischen Punk-Subkultur entstammend, offiziell beheimatet ist.

Das Schöne ist, dass die mystische Musik, bestehend aus Akustikgitarre, Violine und Barock-Flöte mit gelegentlichen perkussiven Elementen nie verkitscht dargeboten wird, sondern immer ganz nah am Grundthema von „Noite“ bleibt und  eindringlich Atmosphäre und Emotion in den Fokus stellt. Ähnlich wie das italienische Neofolk-Projekt CORDE OBLIQUE, dass sich zwar  hauptsächlich durch italienischen Gesang und mit reichlich Salsa und Tango-Gitarren auszeichnet, ist es auch bei SANGRE DE MUERDAGO die tiefe Verwurzelung mit der Natur, die die geheimnisvollen Klänge durchaus mit Gefühlen wie Melancholie, Sehnsucht und Fernweh koppelt. Ihr Neofolk gehört zu der Sorte, die traditionelle Spielweise bedienen, um in ganz altem Gewand letztlich wieder modern zu klingen.

Eine Stunde Musik und Realitätsflucht und die Abkehr von Fortschritt und Zivilisation zurück zur Einfachheit, Reduzierung und Gelassenheit. Eine Stunde Musik, die es tatsächlich schafft, beim Schließen der Augen sich ganz weit weg träumen zu können – in all die idyllischeen archaischen Landschaften mediterranen Lebensraums. Zwingende Sehnsuchtsorte, mystisch aufgeladen durch gelebte musikalische Spiritualität.

(D. Charistes)