MATER SUSPIRIA VISION : Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – Leben, Zufall und Synchronizität

Seit beinahe zehn Jahren geistert das mysteriöse Visual Arts/Witch House-Kollektiv MATER SUSPIRIA VISION durch die Sphären des Internets. Mal sind es ihre okkult-gefärbten Videoclips, mal die an Exploitation/Avantgarde oder Artcore-Filme angelehnten selbstgedrehten Kunstfilme, die vor allem Horrorfans begeistern dürfen. Kaleidoskopigartiger Mystifizmus mit starken Referenzen an  Untergrundfilmkultur, psychedelischer Visualisierung und der tiefen Beschäftigung mit Künstlern, denen mit der artifiziellen Ambient-Musik ein Denkmal gesetzt werden. Kopf des Projekts ist der unter dem Pseudonym agierende Cosmotropia de Xam, der sich zusammen mit der in den Filmen auftretenden Schauspielerin Rachel Audrey die sich beide Zeit für ein ausführliches Interview genommen haben, um einwenig Licht ins Dunkle dieser faszinierenden Formation zu geben.

Für alle, die erst jetzt MATER SUSPIRIA VISION entdecken: Welche Intention verfolgt ihr mit dem Projekt und was ist der künstlerische Antrieb?

Cosmotropia de Xam: Der Antrieb: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – Leben, Zufall und Synchronizität. MSV wurde Ende 2009 vom Filmemacher Cosmotropia de Xam ins Leben gerufen, um audiovisuelle Kunst zu machen und eine Woche danach von Robert Disaro, dem Gründer von Disaro Records, der 2010 eine wichtige Rolle für ein Phänomen „Witch House“ genannt, spielen sollte. Am Anfang spielten MSV hauptsächlich damit, wie Menschen wahrnehmen, was Menschen wissen und was sie erwarten. Entweder brachte man 70er-Euro-Kult-Horrorfilme in eine noch unbekannte Kombination mit stark synthetisierten Sounds und Beats, um ein dann ungewöhnliches Musikvideo-Erlebnis zu schaffen oder dekonstruierte berühmte Popsongs in gruselige, langsame Sounds aus einer anderen Welt – wie die beliebten Zombie Rave-Mixtapes von Mitte 2010 bis 2013. Sogar Texte bekommen durch diese Atmosphäre oft eine andere Bedeutung. Musik als eine Art alchemistisches Werkzeug, das die Ränder eines Genres aufspaltet. Die meisten der frühen Arbeiten von Mater Suspiria Vision um 2010 wurden durch die Werkzeuge, die das Internet zu dieser Zeit bot, realisiert – der beinahe unendliche Zugang zur Musik- und Filmgeschichte. Wie eine riesige Bibliothek mit magischen Büchern. Der künstlerische Antrieb dahinte bleibt es, neue Dinge zu erschaffen, also so wie der alchemistische Prozess im eigentlichen Sinne funktioniert. Dieser ist oft ein gemischter Prozess zwischen Absicht und Magie, der im Moment der Schöpfung geschieht. Dieser Moment beeinflusst wiederum die Absicht dahinter. Das gleiche gilt für die frühen Tage des Witch House-Genres. – Witch House ein Genre in dem bestimmte Stile aus bestimmten Genres zu etwas Neuem kombiniert wurden. Hauptsächlich beeinflusst von den ersten Tagen sozialer Netzwerke. Menschen waren damals die „Ekstase von Informationen“ die von einem Feed ausgeht nicht gewohnt. Sie waren Teil des Feeds. Sie teilten ihre Vergangenheit mit Bildern, Musik oder Filmen, die sie über Jahrzehnte entdeckt hatten.“

Ihr seid vor allem mit euren stark ästhetischen Videos in WitchHouse-Ästhetik bekannt geworden und veröffentlicht seitjeher Platten und Tonträger. Könnt ihr mir zu euren aktuellen Veröffentlichungen einige Hintergrund-Informationen geben?

– ANTROPOPHAGUS

Antropophgagus war ursprünglich als das letzte Mater Suspiria Vision Album geplant. Aus der heutigen Sicht ist es jedoch nur der Schlusspunkt einer bestimmten Ära. Die Platte ist hauptsächlich eine Hommage an europäische, insbesondere italienische Exploitationfilme. Die Texte beziehen sich auf Joe D’Amatos Antropophagus, Absurd und Buio Omega, Lucio Fulcis L’Aldila (The Beyond) oder wie in Deutschland bekannt als „Die Geisterstadt der Zombies“. Der Sound kombiniert Sequenzer-getriebene Horror-Synthwave, wie man sie aus den 80er-Europloitation-Filmen kennt (Voices, Sette Porte Dell’Inferno), mit dem Minimalismus des frühen experimentellen Industrials (Anatomia Di Un Incubo) oder einer Neudefinition von Witch House (Book Of Eibon). Die Visuals zum Album waren entweder Hommages zu diesen Filmen und / oder aus dem Film, den ich ungefähr zur gleichen Zeit gemacht habe „Inferno Veneziano“ (2015) ein surrealer Horrorfilm, der in Venedig gedreht wurde auf den Spuren von Nicolas Roegs „Don’t look now“ (1973) und Nero Veneziano (1978).

– DIABOLIQUE (2013)

Diabolique war der erste Arthouse-Horrorfilm, den ich mit narrativer Führung gemacht habe. Es ist ein surrealer Vampirfilm über Vampire, die von einer Droge namens Esmakra abhängig sind. Sie jagen ihr nächstes Opfer, um zu überleben. Eine simple Geschichte, die aber von starken Bildern und Orten mit einer filmhistorischen Vergangenheit geprägt ist (der Film zeigt originale Drehorte von Zulawski’s Possession (1981). Aufgrund des Soundtracks, auf dem auch Krautrock-Legende Günter Schickert (der auch einer der Schauspieler ist) sowie Mater Suspiria Vision und das Kosmische Musik-Nebenprojekt von Mater Suspiria Vision: „Madame O und Ihre Kopffilmbande“ zu finden sind, wird er oft als Arthouse-Horror-Surreal-Anarcho Kraut-Film bezeichnet. Der Film zeigt auch Aura, die an der damaligen Inkarnation von Mater Suspiria Vision als Bandform beteiligt war. Der Film wurde hauptsächlich in Berlin gedreht.

– SCHWARZE MESSE DES GEHIRNS (2016)

Schwarze Messe des Gehirns (2016) war einer der drei Filme, die nicht in einem Vintage-Look der 70er Jahre gedreht, sondern einen  moderneren Look hatten und auf dem Spiel mit tragbaren „Body Cams“, POV Cams inspiriert von Gaspar Noés „Enter The Void“ (2009) basierten, jedoch ohne Budget. Wir haben diesen Film in verlassenen Teilen Süddeutschlands und Österreichs gedreht. Es ist ein Mindfuck-Film, begleitet von seinem Soundtrack von Mater Suspiria Vision. Die Arbeit an Film und Ton kann das Kunstwerk zu einem echten Biest werden lassen. Ich nehme an, dass das „Schwarze Messe des Gehirns“ wurde – eine schwarze Messe der Seele und ein Biest. Die weiteren zwei Filme aus dieser Ära waren Delirium (2015) und Succubus (2016).

– PHANTASMAGORIA (2017)

Cosmotropia de Xan: Phantasmagoria ist der erste Film, der als 2-Saison-Exploitationfilm angesehen werden kann. Der erste Teil wurde im Winter 2017 in der Gegend von Lodz in Polen gedreht, wo David Lynch „Inland Empire“ drehte. Der zweite Teil wurde im Sommer 2017 in Alicante in Spanien in der Gegend, in der Jess Francos „Vampyros Lesbos „“und Sie tötete in Ekstase“ gedreht wurden. Während Teil eins mehr auf Horror und Exorzismus basiert, basiert Teil zwei eher auf Vampirismus und Surrealismus.

Rachel Audrey: Die Figur Diane Cooper in Phantasmagoria 1 & 2 wurde von Twin Peaks inspiriert. Sie ist eine amerikanische Radioreporterin, die ins Ausland reist, um seltsame Phänomene zu untersuchen, und befindet sich in einer Situation, in der sie sich völlig ausserhalb ihres Kopfes befindet, in einer Spirale die die Geschichte außer Kontrolle und zu einem psychedelischen Alptraum mutiert. Ihre Persönlichkeit spielt spontan mit subtilem Humor und Stereotypen, da der Dialog im Film komplett improvisiert wurde. Neben den filmischen Einflüssen spielt Architektur eine große Rolle im Filmsetting. Ich habe einen Masterabschluss in Architektur und liebe den Brutalismus-Baustil, der sowohl in Phantasmagoria 1 als auch in Phantasmagoria 2 eine dramatische Kulisse bietet, die sich auch hervorragend für die Vintage-Atmosphäre der Filme eignet. In Phantasmagoria 2 spiele ich neben Diane, noch zwei weitere Charaktere die elegante und finstere Gräfin und das bizarre Wesen aus der Urzeit . Es war eine interessante Herausforderung, zwischen diesen sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten während uns sehr strammen Drehplans zu wechseln.

Cosmotropia de Xam: Der Soundtrack zu beiden Filmen ist Ritual Musik, Kosmische Musik sowie Avantgarde basiert – er enthält auch perkussive Elemente, eine Farfisa-Orgel und Mellotron, um die Atmosphäre eines typischen alten Films aus dieser Zeit zu erhalten. Der Soundtrack von Teil 2 wurde als Baba Yaga veröffentlicht und ist hauptsächlich Musik von und inspiriert von Phantasmagoria 2, fühlt sich aber wie ein Album an, das man hören kann, ohne den Film gesehen zu haben.

– HEXENSABBAT

Hexensabbat ist ein experimentelles Dungeon Synth Album. Inspiriert von den Soundtracks zu Clive Barkers Kurzfilmen „Salome and Forbidden“ oder den dunklen analogen Ambient-Sounds der 90er. Hauptsächlich mit einer Korg-Wavestation und ihrem typischen frühen digitalen Synth-Sound aufgenommen. Das Album handelt von Atmosphäre, sehr rituell basiert, kombiniert mit unheimlichen Klängen. Aufgenommen um im Dunkeln gehört zu werden, wenn alle Kerzen erloschen sind.

– 666 (2018)

Cosmotropia de Xam: 666 ist die Rückkehr. Eine Rückkehr von einem eher losen Kollektiv, das Filme mit Musik vereint zu einer Bandform. Dies ist das erste Mater Suspiria Vision-Album, das komplett aus Tracks besteht, die nicht länger als sechs Minuten sind. Es ist ein Album über Symbole, Idolisierung und Fanatismus. Ein Album über „Trademarks“ – über das, was Menschen von Symbolkombinationen der Zahlen erwarten. Das Hauptcover zeigt die Beine und Schuhe einer Frau, während die Schuhe das Kreuz umarmen. Für den Betrachter ist es ein umgekehrtes Kreuz, verbunden mit Satan.

Rachel Audrey: Was für mich an 666 wirklich interessant ist, ist die visuelle Komponente oder das dazugehörige Videoalbum. Es war wirklich ambitioniert, Videos für jeden einzelnen Track auf dem Album zu realisieren. Während der Woche, in der wir das drehten, schienen während der Dreharbeiten drei Charaktere aufzutreten. Diese drei sind wirklich verschiedene Aspekte meiner Persönlichkeit, die sich mit der Musik ausdrücken wollten. Da ist das sexy blonde, das spirituelle Hippie-Mädchen und dann ihre traumatisierte Variante. Die Musik gibt mir Zugang zu diesen verschiedenen Facetten und ermöglicht es, sich als Antwort auf kulturelle Normen und Stereotypen auszudrücken oder diese zu reflektieren. Es macht mir Spaß, mit diesen Stereotypen zu spielen und die Erwartungen ein wenig zu verzerren.

Ihr liebäugelt mit okkulten Motiven in Form von Ästhetik, Design und Fashion. Praktiziert das Kollektiv MATER SUSPIRIA VISION geheimnisvolle Zeremonien, Messen oder Rituale?

Rachel Audrey: Wir haben okkulte und spirituelle Interessen, die in vielen anderen inspirierenden Elementen verwoben sind, aber es ist nicht so, dass wir ständig in einem rauchigen Keller kauern, umgeben von Schädeln und schwarzen Kerzen. Ich habe einen Hintergrund im tantrischen Buddhismus und Heidentum und eine Faszination für die Gnosis. Ich habe eine auf Achtsamkeit basierende Meditationspraxis und führe regelmäßig eine Vielzahl von Ritualen aus verschiedenen spirituellen Traditionen durch. Meine esoterischen Studien der letzten zwanzig Jahre informieren über meine allgemeine Sichtweise und Weltanschauung, die dann in die Charaktere und  die Musik gefiltert wird. Unser gesamter kreative Prozess ist sehr mit einem rituellen Prozess vergleichbar. Du entscheidest, welche Art von Energie du kanalisieren oder evozieren möchtest, sammelst alle Materialien zusammen und organisierst diese zur entsprechenden Einstellung. Wenn die Dinge erst einmal in Gang gekommen sind, haben sie ein Eigenleben und das Ergebnis ist vielleicht nicht das, was du erwartest, aber die Kombination all der Elemente, die gegenwärtig sind, schaffen etwas Neues und Authentisches.

Live gibt es bis auf die Filmpremieren wenig Möglichkeit sich von MATER SUSPIRIA VISION zu überzeugen. Woran liegt das? Ist das Kollektiv als reines Studio-Art-Kollektiv organisiert oder soll hiermit die geheimnisvolle Aura beibehalten werden?

Cosmotropia de Xam: Zwischen 2010 und 2013 haben wir einige Shows in Belgien, Deutschland, USA, Großbritannien, Italien und den Niederlanden gespielt . Diese Shows waren mit Kunst-Installationen vergleichbar. Jede Show individuell. Ich erinnere mich an einen Auftritt, die wir auf den Oberhausener Kurzfilmtagen gemacht haben (ein ziemlich berühmtes Festival, bei dem Roman Polanski, Werner Herzog und sogar Hollywoods George Lucas ihre ersten Arbeiten präsentierten).
Damals unter dem Motto „Mater Suspiria Vision plays Kosmische Puppen“, die hauptsächlich auf der Verzerrung von Schreibmaschinenklängen basierte –  unter der Verwendung von Schreibmaschinen als Instrumente. Die wenigen Konzerte, die wir während der Serenity-Ära spielten, waren konventionellere Live-Shows, die auf der Inkarnation von Mater Suspiria Vision basierten, wie sie in 2013 war – Aura und ich. Alle Shows hatten starken audiovisuellen Charakter.
Für das neue Album „666 „planen wir wieder live aufzutreten, in denen Material von der neuen LP gespielt wird, sowie einige Tracks von „“Baba Yaga und einige Klassiker wie „Seduction Of The Armageddon Witches“ (2011). Diese Shows werden an stark ausgewählten Orten stattfinden – es wird keine Tour sein, wie man sie von traditionellen Rockbands kennt.

Im cineastischen Bereich sind Regisseure wie Zulawski, Lynch, Argento, Bava, Cronenberg, Jean Rollin, Jess Franco oder Gaspar Noe eure Idole. Was fasziniert und reizt euch an diesen Filmemachern, die allesamt als enfant terrible in die Filmhistorie eingegangen sind?

Cosmotropia de Xam: Als ich Mitte der 90er Jahre Jess Franco und Jean Rollin entdeckte, waren es vor allem die Atmosphäre und der Zeitgeist der späten 60e-, frühen 70er-Jahre, die mich faszinierten und deren eigener Stil, ihre Leidenschaft für psychedelisches und surreales. Seltsame Dinge, die sie über Zelluloid transportiert hatten. Über Franco und Rollin habe ich all diese anderen Europloitationfilme von Argento, Bava, Polselli, Cavallone etc. Entdeckt –  vor allem durch das Buch „Immoral Tales: European Sex & Horror Movies 1956-1984“ von Pete Tombs (später Gründer des Mondo Macabro Labels) und das UK Label Redemption entdeckt. In den 90er-Jahren war es ziemlich schwierig, diese Filme zu bekommen – die meisten waren sehr unanschaubar und nur auf VHS-Kopien der 4. Generation zu bekommen, die sie noch obskurer machten als ihr Erscheinungsbild heutzutage in einer supercleanen HD- oder 4K-Restaurierung – unfassbar wieviel Atmosphäre, wieviel Kopfkino da geraubt wird. Meistens war die Qualität dafür verantwortlich, dass einige von ihnen in den 80ern zu Video-Nasties wurden und verboten wurden. Durch das Buch sowie Redemption habe ich auch die Werke von Walerian Borowczyk entdeckt (Phantasmagoria hat übrigens eine starke Hommage an seinen Nonnensploitation-Klassiker „Beyond convent walls“), aber auch Zulawskis „Possession“-Filmposter war Teil des schwarz-weißen Bildmaterials im Buch. „Possession“ hatte ich dann in den 90ern aus einer Genre-Arthouse-Videothek ausgeliehen und war  sehr fasziniert von der ganzen Atmosphäre und dem radikalen Schauspiel von Isabelle Adjani. Ich denke es ist der oder zumindest einer meiner Lieblingsfilme aller Zeiten. Ich verehre auch das surreale atmosphärische Drama „Trzecia część nocy (Third Part Of The Night)“ von ihm und die Performance von Małgorzata Braunek in dem Film.

Eure Filme sind experimentelle Artcore-Filme, meist ohne narrative Handlung. Nach welchem Drehbuch oder organisatorischem Ablauf entstehen diese Film? Gibt es des Weiteren Möglichkeit diese Filme gelegentlich in Offkinos oder Underground-Locations in Deutschland oder sonstwo in Europa zu erleben?

Cosmotropia de Xam: Die Filme bis zu „Diabolique“ – also die ersten 15 Filme bis „Hollywood Necronomicon“, welcher in Los Angeles gedreht wurde (Mulholland Drive und Cielo Drive, exakt dort wo der Mord an Sharon Tate passierte), waren bildbasierte Filme ohne Erzählung. Die Bilder nehmen den Betrachter an die Hand – vorausgesetzt, der Betrachter lässt sich darauf ein und bringt die Zeit mit, den Film ganz auf sich wirken zu lassen). Es ist wie ein performantes, abstraktes Theaterstück. Sie sind wie experimentelle Kurzfilme, aber oft in Spielfilmlänge. Von „Diabolique“  an hatten die Filme meist eine narrative Führung und sogar Dialoge (Phantasmagoria), aber keiner der Filme hatte ein Script. Wir hatten nur Ideen und Themen im Kopf, gingen zu speziellen (filmhistorischen) Orten und wurden inspiriert.  Für „Phantasmagoria 2“ sind wir nach Spanien zu den originalen Drehorten von Jess Francos „Sie tötete in Ekstase“ (1971), „Vampyros Lesbos (1970)“ und „Die Säge des Todes (1981)“ geflogen. Ich denke, es ist die Faszination sich einstellt, wenn man vor Ort ist, die sich schließlich in eine bestimmte Energie verwandelt. Etwas, das ein Skript dir nicht geben kann. (Selbst wenn man das Budget hätte, um scriptbezogen zu arbeiten. Wir bieten weltweit kostenlose Screenings an. Unserie Filme wurden bisher auf folgenden Festivals gezeigt: Breda, Niederlande (BUT Filmfestival), Tokio, Osaka (vor einer Live-Performance von Noise-Legende Merzbow), Genre Kinos in Brooklyn und gelegentlich in viele anderen kleinen Underground-Kinos und Clubs.

Fühlt ihr euch der Industrial/Wave-Subkultur dieser Tage noch zugehörig? Wie bewertet ihr generell die temporären Strömungen von Gegen- & Subkulturen anno 2018?

Ich denke, was wir ab 2010 mit Witch House erlebt haben, war a) das erste im Internet geborene Genre und b) die letzte echte Gegenkultur. Ich vergleiche es ein wenig mit frühem Industrial (Throbbing Gristle, Cabaret Voltaire …) und ihre Art mit neuen Möglichkeiten zu experimentiere. Auch wie Witch House von einer Internet-Performance und Präsentation (Mischung aus Bildern und Sound) zu einem eigentlichen Musikgenre, nicht weit entfernt von Trap-Music und recht formell – wie Industrial von Industrial Muzak zu Industrial-Rock, was wiederum von der ursprünglichen Idee weit entfernt ist. Der Witch House-Sound und  die gazugehörigen Visuals waren 2010 ziemlich lo-fi. Die Namen der Künstler in unaussprechliche Unicodes gebettet, undurchschaubar wie die Gegenkultur zu der beginnenden Web-Transparenz und dem Hochglanz-HD- und 4K-Look. Den Begriff Witch House habe ich immer mit Krautrock verglichen, der in den 70er Jahren nicht zu ernst genommen wurde und nur als der Versuch der Deutschen angesehen wurde, Bluesrock zu spielen. Mater Suspiria Vision waren 2010 der erste Act aus Europa, den man dem Genre bzw. dem Disaro-Umfeld zurechnen konnte.

Im Jahr 2018 sehe ich das Phänomen, dass jeder versucht, ein Künstler zu sein, denn Musik zu machen ist nicht mehr so schwierig wie vor Jahren, aber nicht wirklich in einer gegenkulturellen Weise. Sie wollen nur lauter sein als alle anderen. Tatsächlich geht es meiner Meinung 2018 mehr um selbstsüchtige Menschen, die ihre Songs sogar auf Mainstream-Streaming-Plattformen veröffentlichen. Gegenkultur ist verloren gegangen, weil die Menschen erkannt haben, dass sie in der Zukunft sind und die Zukunft nicht so ist, wie sie es wollten. Bis 1995 hatten wir meiner Meinung nach das Phänomen der Kultur und Gegenkultur. Ab 1995 begann eine Art Retro-Bewegung, was nicht schlecht ist, wenn sie mit neuen Elementen kombiniert wird, die hauptsächlich darauf ausgerichtet war, das Gefühl der Jahre zurückzugewinnen, als Dinge noch funktionierten. Wenn man heutzutage an Pseudo-Gegenkulturen denkt (jeder kopiert jeden, um ein Star zu werden) und das als Kultur sieht würden wir uns aber tatsächlich als Gegenkultur betrachten.

Bei Gegenkulturen gibt es das interessante Phänomen, das Schockwellen meist im achten Jahr eines Jahrzehnts passieren: 1968. 1978. 1988. 1998 war eigentlich ein langweiliges Jahr für Musik, scheint als das die oben erwähnte Retro-Bewegung die Gegenkulturregel brach. Die ersten Witch House Acts wie SALEM oder HOW I QUIT CRACK machten bereits 2008 ihre Sounds, die wieder in dieses Phänomen passen würden, während die ersten sieben Jahre des vergangenne Jahrzehnts ziemlich langweilig waren.

Welcher Zustand ist der ideale für die Musik von MATER SUSPIRIA VISION?

Rachel Audrey: Es gibt so viele Stimmungen auf unserem neuen Album: Ekstatisch, gruselig und entspannt, dunkel und taktvoll. Für mich ist es der Sound, der diese Zustände erzeugt

Cosmotropia de Xam: „666“ ist ein 12-stufiges hypnagogisches Aufzugs-Album – der Aufzug bringt dich von einem Zustand zum anderen vom Paradise of New H zu den Pforten der unterirdischen Unterwelt und zurück.

Wie kommt ihr zu den Darstellern und Kollaborateuren für eure Filme? Gehören diese alle dem illustren inneren Zirkel an oder sind es kunstinteressierte Laiendarsteller?

In den frühen Tagen von Mater Suspiria Vision war der Prozess der Sozialen Netzwerke sehr organisch, alles war so neu. Leute, die dachten, dass sie Außenseiter sind oder seltsame Musik hörten, die niemand kennt, fanden Leute, die ähnlich dachten – also wurden hauptsächlich Menschen innerhalb dieses Netzwerkes gefunden – wir trafen sie, wenn wir live spielten. Die experimentellen Filmprojekte von 2010-2013 wurden hauptsächlich so gemacht – einige in nur wenigen Stunden. Es war ganz einfach, denn es war ein reiner Zustand der Leidenschaft, der in Klang und Vision eingefangen wurde. Die Online-Community dieser Zeit bestand aus so vielen reinen Künstlern – die man nur mit wichtigen Epochen vergleichen kann, die wir aus den Kulturphänomenen von 1967, 1977 und Anfang der 90er kennen. Es gab definitiv etwas kollektives im frühen Stadium der sozialen Netzwerke.  Brian Eno würde dies vielleicht als ein „scenius Bewusstsein“ beschreiben. Diese reinen Künstler wurden im Laufe der Jahre sehr selten. Als wir nach einem weiteren Schauspieler für den Film „Amacabra“ 2016 suchten, fanden wir noch Rachel Audrey im weltweiten Spinnenlabyrinth. Wir arbeiten jetzt seit fast zwei zahre zusammen.

Rachel Audrey: Bevor wir mit der Zusammenarbeit begannen, folgte ich Mater Suspiria Vision, nachdem ich „Anthropophagus“ gehört hatte. Es hat mich total umgehauen als eines der originellsten und einzigartigsten Dinge die ich je gehört habe und danach war ich total besessen von diesem Album.

Eure Musik erscheint in streng limitierter Stückzahl in physischer Form. Wo kann man diese erwerben?

Physikalische Tonträger wie limitierte Schallplatten, Kassetten, CDs, DVDs usw. sind über phantasmadisques.bigcartel.com und digital über unseren bandcamp-Account erhältlich. Wir arbeiten an einer Video-on-Demand-Option für die Filme, um ausgewählte Werke für jeden zugänglich zu machen. Leute, die an dieser Option interessiert sind, dürfen gerne unseren Newsletter auf phantasmadisques.bigcartel.com abonnieren

Vielen Dank für das Interview.
(D. Charistes)