ROBERT GÖRL – The Paris Tapes (LP/CD)

Das Duo DEUTSCH AMERIKANISCHE FREUNDSCHAFT, besser bekannt als DAF, haben aktuell Dank ihrer mitreißenden Biografie beim Schwarzkopf-Verlag und der „Das ist DAF“-Box auf Grönland gerade wieder mal einen Lauf, dessen Schwung ausgenutzt sein will. In Ermangelung neuen Materials des als schwierig geltenden Duos hat jetzt Robert Görl im Archiv alte Solo-Demo-Aufnahmen zu Tage gefördert, deren Geschichte (oder vielleicht besser gesagt Legende) interessanter und spannender zu klingen scheint, als die Aufnahmen an sich. Wir schreiben das Jahr 1985 und Gabi Delgado + Robert Görl versuchen gerade unter ihrem alten DAF-Banner das erstes Comeback nach der Trennung 1982. Doch schon bei der Produktion des Album „1st Step To Heaven“ kommt es zum Streit, welches letztendlich kommerziell auch nicht an die Verkäufe bei Virgin anschließen kann, weshalb das Duo 1986 bald schon wieder getrennte Wege geht. Robert Görl verliert darauf hin völlig die Lust an der Musik und geht nach New York, um dort Schauspiel zu studieren. Dies scheitert allerdings nach ersten Erfolgen an den strengen Einwanderungsgesetzen der USA, weshalb er das Land wieder verlassen muss. In Deutschland wartet jedoch seine Einberufung zur Bundeswehr, so das er sich nach Paris absetzt. Logischer und einfacher zu dieser Zeit wäre ja eigentlich ein Exil in Westberlin gewesen und natürlich die sich daraus eventuell ergebenen Kollaborationen mit anderen Mauerstadt-Musikern. Er sitzt nun aber völlig isoliert in einer kleinen Vorort-Pension von Paris und hat nur seinen neuen ESQ-1 Synthesizer, mit dem er Tag und Nacht experimentiert. Die Ergebnisse des ¾ Jahres in Paris hat er auf normale Magnettonband-Kassetten aufgenommen und nach seiner Rückkehr in Deutschland sucht er den Kontakt zu Daniel Miller von Mute Records, der ja damals schon die ersten DAF-Sachen, wie auch sein Solo-Album „Full Night Of Tension“ veröffentlicht hat. Es soll ein weiteres Pop-Album werden, Produzent und Studio sind dafür schon ausgesucht, aber bevor es richtig mit den Aufnahmen los geht, verunglückt Robert Görl mit seinem Sportwagen schwer und verliert dabei fast einen Arm bzw. sein Leben. Nach diesem einschneidenden Erlebnis und überstandenen Genesung, welche fast an ein Wunder glich, geht er nach Asien, um Mönch in einem buddhistischen Kloster zu werden. Nach knapp 4 Jahren kehrt er als neuer Mensch in das inzwischen wiedervereinte Deutschland zurück, welches sich gerade im Loveparade-Techno-Fieber befindet und er wieder vom Musik-Virus infiziert wird. Doch zurück zu den Paris-Tapes, welche er vor seinem Unfall in der Scheune seines Bruders in einem Koffer untergestellt hatte und an die er sich jetzt nach all den Jahren als Techno-Produzent und diversen temporären DAF-Reunions erinnert hat. Nach rund 30 Jahren und ihrer nicht gerade vorteilhaften Lagerung klingen die Aufnahmen überraschend gut, was eigentlich stutzig machen könnte, zumal diese auch nicht in der schon erwähnten DAF-Biografie erwähnt werden, ich das jetzt hier aber nicht weiter hinterfragen möchte. Die insgesamt 10 rein instrumentalen Aufnahmen sind natürlich nur musikalische Skizzen, welche recht minimalistisch daher kommen und eher bedingt auf das geplante Pop-Album schließen lassen. Den streng rhythmisch-vorpreschenden Tracks mit monoton knallendem Snare-Drum-Beat wohnt allerdings ein gewisser Charme inne, welcher gerade in der heutigen Minimal Electro-Szene Anklang finden dürfte, wenn auch damals Robert Görl wahrscheinlich eher Giorgio Moroder und Jan Hammer im Sinn hatte. Ungewöhnlich für Robert Görl dabei die sphärischen Flächen-Sounds in Kombination mit naiv anmutenden Melodien und die orchestrale Schichtung der einzelnen Spuren, welche dem Ganzen einen dezent romantischen Anstrich und somit ein Schlaglicht auf den damaligen Gemütszustand des Musikers werfen. Letztendlich sind dadurch „The Paris Tapes“ ein interessantes musikalisches Zeit-Dokument – nicht mehr und nicht weniger und jeder kann nun selbst entscheiden, ob er das jetzt auf Vinyl und CD braucht oder eben auch nicht. Ich habe diese jedenfalls überraschend oft gehört und DAF- wie Minimal-Fans sollten dies ebenfalls tun! Das Vinyl erschien übrigens exklusiv zum Record Store Day und die CD-Version enthält einen Hidden Bonus-Track. (Marco Fiebag)