SPIRITUAL FRONT – Amour Braque (CD / LP)

Das italienische Trio um den charismatischen und polarisierenden Frontmann Simone Salvatori liefert seit zwanzig Jahren seinen treuen Anhängern morbide, obszöne und schwarzromantische „Suicide Pop Songs“. Dabei inszinieren sich die Römer stets als politisch inkorrekte Italo-Macho-Gang, die vor allem durch ihre erotischen Artworks und das polarisierende Erscheinen ihres Sängers einen gewissen Kultstatus erlangt hat.

Fünf Jahre nach dem neoklassischen Experiment zusammen mit Stefano Puri, was für mich persönlich das bisherige Highlight der Formation darstellt, sowie acht Jahre nach dem letzten Studiowerk „Rotten Roma Casino“ erwartet die sehnsüchtig wartenden Fans mit „Amour Braque“ das insgesamt achte Studioalbum.

Den Flirt mit den feurigen Herren wagt das deutsche Metal-Label Prophecy Records, dass hauptsächlich durch seine modernen, verträumten Veröffentlichungen von Shoegaze-Black-Metallern wie ALCEST, LES DISCRETS oder DORNENREICH bekannt ist. Zweifelsohne stechen SPIRITUAL FRONT nicht nur äußerlich ziemlich aus dem typischen Bandrooster des Kuttenträger-Labels heraus. Aber italienische Stilsicherheit und Dekadenz hat noch nie geschadet. So kommt es im Zuge der Veröffentlichung von „Amour Braque“ auch zur erstmaligen Vinyl-Wiederveröffentlichung ihres Klassikers „Armaggedon Gigolo“ , welche zeitgleich erschienen sind.

War „Rotten Roma Casino“ vielen Fans etwas zu glattgebügelt und poppig muss sich „Amour Braque“ nach wie vor mit dem bisherigen Meilenstein der Band „Armageddon Gigolo“ von 2006 messen, was für viele Anhänger als bisher beste Platte gilt, vereint diese doch die zutiefst melancholische Grundstimmung mit schwarzromantischen und fetischorientierten Texten.

Musikalische Veränderungen sind insgesamt nicht zu erwarten. Das Trio verfeinert seinen Sound aus Tango-Rock, Neofolk und Balladen-Pop mit Hang zu Pathos und theatralischer Dramatik nur um Nuancen. Das alles allerdings im positiven Sinne – mit kitschigem Italo-Pop der 60er und 70er hat das natürlich nichts zu tun. Die kompositorische Dichte, das Ohrwurmpotenzial und die Einbindung von klassischen Instrumenten wie Cello, Violine oder Trompete verfeinern das Klangbild und lassen auch nach mehrmaligem Hören neue Details erkennen. Vorwerfen kann man der Band, dass man sich fast immer dem klassischen Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Schema bedient, aber schließlich steht die Bezeichnung „Pop“ nicht umsonst vor dem „Nihilistic“.

Live performt die Band des Öfteren vor einer Leinwand mit Pasolini-Filmen und spielt generell mit dem Image stark übertriebener sexueller Ästhetik. Vor allem weiblichen Fans sind dem sektenartigen Kult bereits verfallen, was sich online in der „Church Of Spiritual Front“ beweist und in eindrucksvollen Fotos nachprüfen lässt. Sagen wir es mal so: Spiritual Front-Hören ist Haltung!

Insgesamt punkten SPIRITUAL FRONT mit einem Album, dass die Fans auch ohne große Überraschungen zufriedenstellen wird. Persönlich wünsche ich mir in der Zukunft die Hinwendung zur Neoklassik, gepaart mit der orchestralen und sakralen Grundstimmung ihres Vorgängers „Black Hearts in Black Suits“, da sie hier in Zusammenarbeit mit Bandfreund Stefano Puri in Höchstleistung getreten sind und Atmosphäre, Image und erotisches Konzept perfekt unter einen Einklang gebracht haben. Nichtsdestotrotz bleiben SPIRITUAL FRONT eine höchst interessante Band, mit der es sich lohnt inniger zu beschäftigen.  (D. Charistes)