Mirian Spies & Rudi Esch: Das ist DAF – Die autorisierte Biografie (Buch)

Die DEUTSCH AMERIKANISCHE FREUNDSCHAFT oder das besser als DAF bekannte Duo Robert Görl und Gabi Delgado sind ja im Moment wieder in aller Munde und brauchen eigentlich nicht weiter vorgestellt werden. Doch es gab da auch mal andere Zeiten: Als ich mir 1986 in der DDR meinen ersten Button gebastelt habe und dafür DAF als Motiv ausgewählt bzw. mich für ein Foto von Benito Mussolini entschieden hatte, war das im real existierenden Sozialismus zwar irgendwie cool, aber auch eine blöde Idee. Der Ärger ließ nicht lange auf sich warten und wenn man bedenkt, das ich zur der Zeit gerade mal nur die beiden Songs „Der Mussolini“ und „Kebab-Träume“ kannte (zumal mir damals die Bedeutung des Wortes Kebab eh verschlossen blieb), war das schon ein hoher Preis. Doch jede Provokation und jeder Nadelstich machte das System noch angreifbarer und uns stärker, was ja inzwischen in Zeiten des Turbokapitalismus leider nicht mehr zu funktionieren scheint, aber das ist eine andere Geschichte. Den wahren Werdegang von DAF und ihre Bedeutung für die Musikgeschichte erfuhr ich natürlich erst nach dem Mauerfall bzw. dem Zugang zu ihren Platten, wovon immerhin „Die Kleinen und die Bösen“, „Alles ist gut“ und „Gold und Liebe“ Einzug in meine Sammlung fanden. Warum die „Für immer“ nicht dabei war, weiß ich gar nicht mehr so richtig und das folgende Pop-Album „1st Step To Heaven“ kam wohl erst gar nicht in Frage. Die Einzelprojekte des Duos im aufkommenden Techno-Rave-Fieber bzw. nach dem zweiten Ende von DAF waren dann auch nicht so meins und später das DAF/DOS-Vehikel von Gabi Delgado fand ich ganz schlimm, zumal ich dieses seiner Zeit selbst journalistisch aktiv erlebt habe. Dann 2002 die Reunion am Vorabend der Loveparade in Berlin, wir hatten Karten und es war einfach nur jämmerlich, was uns da im geboten wurde. Interessanter Weise beschreibt Gabi Delgado im vorliegenden Buch den Auftritt als einen „Riesenerfolg“, aber scheinbar muss es da noch einen anderen Auftritt gegeben haben oder er meinte damit nur die Gage von 30.000 Euro?! Das aus dieser Reunion entsprungene Album war dann ebenfalls nicht die Offenbarung, eher optisch wie musikalisch ein müder Abklatsch der alten Zeiten und dazu noch ohne Drums. „15 neue DAF-Lieder“ und auch die anschließende Tour wurden ein Flop und man löste sich wieder mal im Streit auf. Seit dem kommt das Duo gefühlt aller zwei Jahre wieder zusammen, um noch eine „letzte“ Tour zu machen. Im Grunde genommen geht es hier nur noch ums Geld, was ja auch ans sich nicht verwerflich ist, wenn man es nur offen zugeben würde. Zumindest betonen Robert Görl und Gabi Delgado immer mal wieder gerne, eigentlich gar keine Freunde zu sein und neue Songs sind bis auf eine Ausnahme seit dem ja auch nicht mehr entstanden. Mich persönlich schreckte schon allein der Gedanke ab, ein Konzert von DAF zu besuchen und die beiden inzwischen je rund 60jährigen dann ehemals aggressiv-aufpeitschende Songs lahm reproduzieren zu sehen. Schließlich stehen doch die alten DAF-Klassiker für ewige Jugend, wobei ich allerdings zugeben muss, dass sich der Robert Görl überraschend gut gehalten hat und selbst hinter den Drums wieder absolut fit zu sein scheint. Im Gegensatz dazu versprüht jedoch Gabi Delgado inzwischen auf mich eher den Charme einer tuntigen Oma mit großem Mitteilungsbedürfnis. Das seine Solo-Sachen so gar nicht laufen, ist ja ein offenes (SPV-)Geheimnis und nun war wohl mal wieder das Geld alle, wie ein paar alte Rechte an den Platten ausgelaufen, weshalb Grönland Records jetzt eine umfangreiche Vinyl-Box mit den vier wichtigsten Alben + Remix-Platte und Single-Zugabe bzw. auch eine abgespeckte 5CD-Ausgabe veröffentlichen konnte. Mag sich die Box noch wohlwollend in die aktuelle Vinyl-Revival-Stimmung einreihen und die Remixe größtenteils ganz interessant ausfallen sein, bestätigt die Single mit zwei neuen Songs nur meine Meinung, das da nichts mehr kommen wird und DAF wie KRAFTWERK enden werden. Parallel dazu sollte ja eigentlich ebenfalls die gleichnamige Biografie von DAF im Schwarzkopf-Verlag erscheinen, welche jedoch auf Grund der doch recht unterschiedlichen Erinnerungen des getrennt voneinander interviewten Duos verschoben werden musste und die Veröffentlichung zeitweise sogar auf Kippe stand. Alles beim alten also bei DAF und am Ende heißt es aber wieder „Alles ist gut“, denn die von Miriam Spies und Rudi Esch editierten Biographie sprüht förmlich vor charmanten Esprit, aber eben auch Widersprüchen, was das Ganze regelrecht spritzig wie natürlich lesenswert macht! Auf rund 360 Seiten entwerfen Robert Görl und Gabi Delgado von einander unabhängig ein differenziertes Erinnerungsbild von DAF, das von bekannten Zeitgenossen (u.a. Tina Schnekenburger, Anja Huwe, Alfred Hilsberg, Richard Gleim, Sheila Rock) ebenfalls kommentiert wird und man sich so selbst einen Reim auf die Geschichte machen kann. Zwar können Produzent Conny Plank und Ex-Mitglied Chrislo Haas ja leider nicht mehr aus dem Nähkästchen plaudern, warum allerdings die noch lebenden Mitglieder Kurt Dahlke, Michael Kemner und Wolfgang Spelmans der Erstbesetzung komplett ausgespart wurden und auch Mute-Chef Daniel Miller nicht zu Wort kommt, der immerhin die erste Single und das zweite Album veröffentlicht hat, lässt wohl tief blicken und zeigt eine weitere Parallele zu KRAFTWERK auf. Trotzdem fesselt und reißt das Buch durch eine Fülle an interessanten Informationen, Anekdoten und tollen Fotos mit, was mich letztendlich dazu animierte, meine alten DAF-Platten (inzwischen ist über die Jahre die Diskografie natürlich komplettiert geworden) zu waschen und chronologisch durch zu hören. Übrigens inklusive dem unterschlagenen „gelben“ Debüt und „1st Step To Heaven“, wobei ich insbesondere letzteres regelrecht neu entdeckt und mit ganz anderen Ohren gehört habe. So ist „Das ist DAF“ zu einer wahrlich kurzweiligen Angelegenheit geworden und das Buch wird auch noch Jahre später zum schmökern oder nachschlagen Bestand haben. Die Erstauflage von 3333 Exemplaren ist sogar exklusiv von Robert Görl und Gabi Delgado signiert – Musik-Buch des Jahres und auch noch darüber hinaus! PS: Ein DAF-Konzertbesuch erscheint mir jetzt übrigens gar nicht mehr so abwegig… (Marco Fiebag)