ANNA VON HAUSSWOLFF-Dead Magic (CD)

Die kleine Anna aus Schweden mit neuer Cd „Dead Magic“, produziert von keinem Geringeren als Randall Dunn (Sunn ((o))). Mit ihren herausragenden Vorgängern hat sich das kleine Energiebündel aus dem hohen Norden bereits viele Freunde und Fans erspielt, gehört die Schwedin über Genregrenzen hinaus seit Jahren zu den schillerndsten Female-Artists und schaffte es bis dato spielerisch trotz aller Experimentierfreude, wunderschöne, eingängige Alben zu produzieren. Familiär fiel der Apfel eh nicht weit vom Stamm, ist doch selbst Vater Carl Michael von Hausswolff ein Individualist/Performance-Künstler seinesgleichen, welcher Klänge aus Interferenzen und gestörten Radios kratzt, Töne aus Paranormalen oszilliert, ein Geistersucher sowie auf der anderen lichtenen Seite die Klassik spielende Mutter. Somit könnte man sagen, das Suchende, experimentelle Spiel mit Klängen war hier letztlich vorprogrammiert. Mit Hilfe einer massiven Orgel aus der Frederikskirche in Kopenhagen zelebriert Anna auf dem neuen Album (5 Songs in knapp 47 Minuten) ihre ganz eigene ausserweltliche Messe. Klangteppiche, sakral, ätherisch, meditativ verbinden sich eruptiv mit noisigem Wall of Sound. Elemente aus nordischen Pop, Folk, Ambient verschmelzen mit Art-Rock, Klassik, Avantgarde und allerlei dronigen Schichten von Sounds und natürlich vor allen Dingen ihrer stimmlichen Vielfalt zu dem völlig individuellen Ausdruck dieser Künstlerin, der Vergleiche zu Lisa Gerrard und ähnlichen Grössen erlaubt. Geisterhafte massive Orgeln beschwören wie von selbst das Bild einer musikalischen Andacht in einer riesigen Kirche/Kathedrale herauf. Hört man das Album einige Male, lässt sich nicht ganz abstreiten, das die Tour mit Michael Gira´s Swans einen nicht unerheblichen Einfluss auf die kleine Schwedin hinterlassen haben muss. Die zum Teil massiven, doomigen, sirenenhaften Klänge wie z.B. im apokalyptisch, Alptraum-haften 16-Minüter „Ugly and beautiful“ sprechen alleine schon Bände. Dunkle Kammern werden hier geöffnet, psychedelisch, nächtlich…da kommt mir aufs Positivste gemeint die „Soundtracks for the blind“ der Swans in den Sinn, dieses Überwerk von einem Album. Step by Step ähnlich des eben genanntes Werkes werden kompromisslos Untiefen, Winkel auserkoren, die den Begriff Dark Ambient neu definieren. Absolute Schwärze, dräuende Soundscapes mutieren zu Monstern von Longtracks, in denen der Einsatz dieser schweren Orgelklänge in einer Intensität den Hörer erdrückt, feierlich schwere Perkussions mit der einsetzenden Stimme von Hausswolffs Lisa Gerrard, Diamanda Galas und Jarboe in einer Person manifestieren. Wie vom Teufel persönlich gespielt rotiert die Orgel, VH wimmert, kreischt, fleht und immer mehr verlieren sich diese Songs in gespenstischen Szenarien und erzeugen ein Echo zu alten Horrorfilm-Progrock-Soundtracks von Argento (Goblin lassen grüssen). Die Vocal-Performance deckt wirklich alle Ausdrucksformen von sanft bis wahnsinnig ab und genau diese Dynamik/Variabilität findet sich in den einzelnen Songs wieder, wenn wie im Opener „The Truth…“ minutenlang mit feierlicher Melodie ein einladendes Szenario entwickelt wird, nur um den Song ab der Hälfte in ein flirrendes, abgründiges Etwas zu verwandeln. Die Stimme kippt, krächzt…fällt ins Dunkle. Hier gelingt es dem kleinen Energiebündel spielerisch eine Bandbreite von verzaubernd melodisch bis teuflisch bösartig zu erzeugen. Kennt man die Schwedin von ihren genialen, intensiven Live-Konzerten, weiss man um die Energie, den Wahnsinn, welcher aus dieser zarten kleinen Feenhaften Person herausströmt, wenn Sie die Musik packt und bei ihr schon fast Black-Metal-hafte Manie durchschimmert. Dann mutiert sie in eine kleine Hexenhafte, dunkle Elfe…die mit ihrem Geschrei in Mark und Bein kriecht. Fast hyperaktiv mutiert die kleine Kinds-Frau dann gerne hinter ihrer Orgel oder stakst fast trollisch über die Bühne, wie in einem nordischen Theaterstück.  Weiteres Album-Highlight ist vor allem das im bereits im Vorfeld als Video veröffentlichte „The Mysteriums Vanishing of Electra“, in dem dunkle, monotone Drum-Anschläge und stoische Gitarrenakkorde wieder mal an alte Swans gemahnen, nur das die schaurigen Orgelkänge und die ums Feuer tänzelnden heidnisch, rituellen Vocals einen sprachlos machen.

Exzessiv, dämonisch, leidenschaftlich thront der Gesang, fordert heraus, überschlägt sich regelrecht ins Manische, Hexenhafte und man spürt vor Allem die physische, zerrende Kraft in jeder Sekunde. Inhaltlich sucht und findet die Schwedin ihr Medium im Finsteren, Magischen, Dunklen.. Ausserweltlichen, ringt bis zum Zerreißen mit ihren inneren wie äusserlichen Dämonen und ist ähnlich einer Chelsea Wolfe, nur mit komplett nordischer Färbung mehr Goth als jeder Möchtegern Goth-Act! Nach all dem Geisterhaften Wahn und 40 Minuten später mündet dieses Wahnsinns-Album in meinem persönlichen Highlight „Källans Ateruppstandelse“. Im Vergleich zu den kraftvollen,herausfordernden Monolithen vorher durchströmt dieser Song fast meditativ, friedvoll den Hörer und entlässt ihn schwerelos, aber komplett verloren in sich selbst. Musikalisch schon jetzt auf Augenhöhe mit Klassikern wie „a host of seraphim“ von Dead can Dance hat dieses 7-minütige sakrale, sphärische Outro eine in sich ruhende Kraft und ist die perfekte Untermalung für die nächste Beerdigung, dem letzten ultimativen Goodbye, dem letzten erlebten Sonnenaufgang. Setzen die Orgeln ein, zieht meterhoch die Gänsehaut. Kosmisch schwarz entrückt, jenseitig zieht der Song seine Bahnen, unendlich verloren klingt Anna, wie auch die Musik, einfach nur wunderschön dieser Abgesang auf Alles. Wie für die einsamste, nordische Nacht geschrieben. Bis auf das feierliche Instrumental „The Marble Eye“ darf sich VH stimmlich in allen Tracks in einer Variabilität austoben, die ihresgleichen sucht und somit den nächsten Meilenstein ihrer Diskographie hinterlässt.

Post-Goth Sounds,Avantgarde,Klassik,Folk,Artrock…sämtliche Stilistika fliessen in diesen sehr nordisch, hypnotischen Sound und dazu diese mächtige, aufbrausende Stimme, das Alleinstellungsmerkmal einer grossen Künstlerin, die gerade wegen dieser Qualitäten live erlebt werden muss. Ein musikalisches Phänomen, das spielerisch den perfekten Spagat aus wilder Experimentierfreude, Improvisation und fast poppiger Eingängigkeit in tollen Songs mit ausladender Atmosphäre münden lässt. Im Vergleich zu den Vorgängern treibt Anna alle Extreme nochmal um ein weiteres auf die Spitze, überspannt den Bogen gerne mal, sei es gesanglich oder musikalisch! Perfektes Album für die dunkle Jahreszeit, Musik geschrieben für die Nacht! 10 von 10 Punkte!

(R.Bärs)