ROLF SCHILLING – Im Spiegel der Blitze (Buch)

Es ist sicher nicht übertrieben, im Dichter Rolf Schilling eine der grauen Eminenzen des deutschen Neofolks zu sehen. Dies zeigt sich etwa an den Kollaborationen Schillings mit Uwe Nolte und dessen Formation Orplid, aber auch am Interesse, das einschlägige Szene-Magazine dereinst dem Dichter aus dem Harz entgegenbrachten. Überhaupt war Schilling mit seinen bevorzugten Themen, etwa der Tier- und Pflanzenwelt seiner Heimat, der Mythologie der Germanen und Griechen sowie dem europäischen Heidentum, bereits ein Neofolker, bevor es diesen Begriff überhaupt gab. Auch in seinem neuesten Gedichtband Im Spiegel der Blitze bleibt sich Schilling in dieser Hinsicht treu, erweitert aber insofern seine Perspektive, als nun verstärkt die Götterwelten und Religionen anderer Kulturkreise in seinen Blick geraten. So liest sich der erste Teil des Bandes, Mund von Ur, wie die poetische Erkundung eines multi-kulturellen Pantheons: die Götter Babylons und Sumers werden dort ebenso besungen wie der Prophet Mohammed und der Engel der Verkündigung. Aber auch Buddha sowie der tanzende Shiva und seine Jünger werden gewürdigt. Es ist, als wolle Schilling auf dichterischem Weg die allen religiösen Überlieferungen gemeinsame geistige Essenz herausarbeiten. Der Teil Schwebers Domäne ist eine Reise durch die Natur, wie sie Schilling in seinem Garten und in den Wäldern rund um seinen Heimatort vorfindet. Fauna und Flora stehen hier gleichrangig nebeneinander, wobei es die eher unscheinbaren Tiere und Pflanzen sind, denen Schillings Aufmerksamkeit gilt: Zaunkönig und Pusteblumen etwa oder Holzbiene und Pirol. Die lyrische Naturbetrachtung erweist sich einmal mehr als die eigentliche Stärke des Dichters Rolf Schilling. Im letzten Drittel des Bandes schließlich durchmisst Schilling verstärkt die Topographie seiner Heimat, wobei auch der Nabel seines poetischen Kosmos, die Queste, nicht fehlt.
Trotz aller Erweiterungen seines thematischen Spektrums hält Schilling auch in „Im Spiegel der Blitze“ unbeirrt an den klassischen lyrischen Formen fest und diszipliniert seine Imaginationen mittels Reimschema und Metrum. Bediente sich Schilling in der Vergangenheit häufig vielstrophiger Gesänge, so ist im vorliegenden Band das Sonett sein bevorzugtes Ausdrucksmittel. Aufgrund seiner besonderen kompositorischen Strenge erweist sich diese Gedichtform als idealer Kontrapunkt zu einer in Auflösung begriffenen Kultur. Neben dem Verzicht auf freie Rhythmen verzichtet Schilling auch auf jeden Bezug zur Gegenwart oder Kommentare zum Zeitgeschehen und verleiht seinen im Überzeitlichen verwurzelten Texten so eine ganz spezifische Reinheit. Die Konsequenz, mit der Schilling sich dem Zeitgeist verweigert, muss einem Respekt abnötigen, ist sie doch mitverantwortlich für den einzigartigen Rang, den sein Werk im Kontext der deutschen Gegenwartsliteratur einnimmt. So gleicht die Lektüre von Im Spiegel der Blitze dem Aufenthalt in einem verwunschenen, von der Außenwelt abgeschotteten Garten, einem geistigen Refugium, wohin man sich für eine gewisse Weile zurückziehen kann, um eine ästhetische Gegenwelt zur allzu lauten, banalen und destruktiven Gegenwart zu erleben.

(M. Boss)