TANGERINE DREAM-Quantum Gate (CD)

Fast drei Jahre ist der große Edgar Froese, der mit 70 Jahren leider viel zu früh gestorben ist, nun nicht mehr unter uns. Sein inzwischen legendärer Spruch : “ Es gibt keinen Tod, nur den Wechsel der kosmischen Adresse“ wurde in den Medien viel zitiert und zeugt auch von seiner intellektuellen Größe als Künstler. Mich beeindrucken zudem heute auch immer noch seine Events mit Salvatore Dali. Im Jahr 1967 haben die beiden sich kennengelernt und Edgar spielte daraufhin auf den berüchtigten Gartenpartys von Dali mit Tangerine Dream(TD). Die CD „Dalinetopia“ gilt als Hommage an den Künstler und Maler und schöner konnte ein Kompliment nicht sein. Zum Glück habe ich die „alten, bisherigen“ Tangerine Dream noch zur „Phaedra Farewell“ Tour in Köln mit Edgar Froese erlebt, der aber auch schon dort merklich angeschlagen wirkte. Die Ex-Krautrocker von Tangerine Dream, die den Begriff „Berliner Schule“ massgeblich geprägt haben, sind neben Kraftwerk eine der Gruppen, die unbestritten den  größten Einfluss auf alle Art von elektronisch erzeugter Musik wie Techno, Trance, Elektrowave, EBM, Synthpop usw. gehabt haben. Ihre kreativste, zugleich progressivste Schaffensphase hatten die Berliner in den 70er Jahren mit der Besetzung Froese, Baúmann, Franke, aber anstatt z.b.  mit Peter Baumann oder gar Jerome Froese wieder zu produzieren, stellen sich die „neuen, modernen TD nun aber ebenso qualitativ hochwertig mit Thorsten Quaeschning, Hoshiko Yamane und Ulrich Schnauss auf und haben in diesem Jahr zum fünfzigjährigen Jubiläum der Band das Studioalbum „Quantum Gate“ produziert und veröffentlicht. Kurz davor gab es bereits die „Poland 2016“ und die Live  Studio EP  „Particles“ Veröffentlichung mit einer Neuinterpretation von „Rubycon“ ! Die nun ganz neue Platte ist nicht nur ganz in Edgars Sinne entstanden, sondern auch mit der ausdrücklichen Genehmigung von ihm, erklärte Thorsten Quaeschning von den Berliner Elektronic Pionieren. Der Weiterbestand der Gruppe war zwischen Edgar und dessen Ehefrau Bianca, die nun das Management von TD übernommen hat, genauso vereinbart gewesen. Edgar Froese hat bei dieser Platte sozusagen sogar noch die Finger mit im Spiel und selber Hand angelegt, denn er hat schon in 2014 mit ersten Skizzen, Akkordfolgen und Harmoniebögen das Meisterwerk „Quantum Gate“ vorgeplant, das Ganze aber ebenfalls auch schon zu der Zeit und wohl in weiser Voraussicht mit Thorsten Quaeschning, dem in London beheimateten Keyboarder Ulrich Schnauss und der in Berlin lebenden Violinistin Hoshiko Yamane umgesetzt und so gesehen die „kommenden“ TD daran beteiligt. Es war also ganz an Thorsten, Ulrich und Hoshiko, die von Edgar hinterlassenen Songfragmente zu ordnen und zu vollenden.
Inspiriert wurde Edgar Froese dabei, wie es der Name der Platte schon fast vermuten läßt, von der Quantenphysik. Das war Edgars Steckenpferd und großes Hobby, also der ausgerufenen, zeitlichen Epoche der sogenannten „Quantum Jahre“ und das Thema haben TD dann musikalisch adaptiert ! Das Album wird übrigens im neuen Jahr auch live präsentiert und das u.a. in der „Klangkathedrale“ des Nordens, der Hamburger Elbphilharmonie, die für ihre überragende Akustik schon jetzt nach kurzer Eröffnungszeit weltberühmt ist. Die Ausrichtung auf der Scheibe geht wieder etwas mehr in Richtung „Berliner Schule“, soll heißen, TD klingen wieder mehr nach 70er Jahre, stark Sequencer-getriebene Klanggerüste, elektronisch geprägte Soundlandschaften und moderne, frische Synthflächen wie im Opener “ Sensing Elements“ und bei „Roll The Seven Twice“ lassen die Fans an eine Frischzellenkur denken. Tangerine Dream bewegen sich also wieder etwas weiter weg von Saxofonen, Percussion Elementen  und meditativen Ansätzen, was ihnen auch gut steht. Die Songs sind rockiger, griffiger und haben wieder etwas mehr Kanten und Ecken. Die neun Stücke mit guten 70 Minuten Spielzeit zelebrieren dem geneigten Hörer besänftigte, heilende, träumerische, atmosphärische, hypnotische, pulsierende Soundwelten, die sich wie eine roter Faden durch das komplette Album ziehen. Auch bei „Tear Down The Grey Skies“ oder „Identity Proven Matrix“ hört man sofort die gute alten Zeiten heraus und beim Finale mit herausragender Geige von Yamane „Genesis Of Precious Thoughts“ wird es dann nochmal leicht experimientell, avantgardistisch. Die ehemals kosmischen Klänge sind nun klassischen, anmutenden Harmonien und  sphärisch, dynamischen Akkorden gewichen. Diese verweben sich zu elegisch, psychedelischen Effekten und schwingen kraftvoll durch die Gehörräume der Hörer und nehmen uns musikalisch mit auf eine Traumreise durch die Galaxien. Die zurückhaltend eingesetzte Gitarre von Thorsten verfeinert den TD Sound. Quaeschning hatte seit 2006 seine Gitarrenideen mit in die Band gebracht, er hat aber nie Edgars so ganz andere Gitarrenarbeit beeinträchtigt , sondern eher noch ergänzt. In der Klangästhetik des Albums gibt es wieder einige Reminiszenzen an die Höhepunkte der Vergangenheit und das Quaeschning, Schnauss und Yamane das Umsetzen von Edgars Vorgaben  hinbekommen haben, dafür gebührt ihnen großer Respekt und stellt sicherlich gleichzeitig eine große Würdigung ihres ehemaligen Masterminds dar. Was auch für die vielen Fans in aller Welt sehr spannend sein dürfte, ist die gute Nachricht, das es noch unfassbar  viel bisher unveröffentlichtes Material in Form von Midi Spuren und komplette Audioarrangements von Edgar gibt. „Das alles ist zu gut und zu einfallsreich, als es nicht zu beachten und es für immer auf dem von ihm hinterlassenen Festplatten ruhen zu lassen“ so Thorsten Quaeschning. Das wunderbare Coverartwork und die Fotos kommen übrigens von Bianca Froese -Acquaye, der Witwe des Ex-Bandleaders.  Mit der neuen Platte ist TD jedenfalls schon einmal der Einstieg in die Zukunft mehr als gelungen.

(Sven Erichsen)