KAUAN – Kaiho (CD)

Unaufhaltsam mit grossen, kraftvollen Pinselstrichen zieht der Herbst ein ins Land und was könnte passender sein als eine neue Veröffentlichung der Russen von Kauan. Es mag viele wunderschöne Platten über´s Jahr geben, die man lieben lernt, die man irgendwie weiter mit sich rumträgt wie Schätze, die auf Atmosphäre bauen, aber aus meiner Sicht stehen Kauan auf weiter Flur allein, erzeugen die Russen seit Jahren mit ihren Alben Stimmungsbilder, als hätten sie den Auftrag von oben, dem Gefühl der wehmütigen Nostalgie das musikalische Abbild zu erschaffen. Vorab im Netz veröffentlichte Trailer zu „Kaiho“ erzeugten innerhalb von Sekunden genau dieses oben beschriebene Moment, zieht sich sofort ein Schleier um alle Synapsen, schwer zu beschreiben, kraftvoll, perfekt inszeniert in Visualität und Ton. Auf „kaiho“ vertiefen sich die Russen in das Thema Abschied, den Übergang vom unbelasteten Kind-Sein ins komplexe Erwachsenen-Dasein, den Verlust geliebter Bezugspersonen, welche die tiefe Einsicht zur Endlichkeit unseres Seins manifestieren. Ja klingt schwer, thematisiert es doch letztlich elementare Ängste, Hoffnungen, Zweifel…Unausweichlichkeiten und lässt einen in vielen Momenten durch die mal wieder unendlich schönen, traurigen, wehmütigen Noten erstarren. Keine Ahnung, aber die Russen haben nach vielen großen Alben mit „Kaiho“ ein musikalisches Statement formuliert, welches mit einer Klarheit, einem Selbstverständnis das Gefühl der Melancholie, der Nostalgie definiert, die in jeder Sekunde des Albums auf jede Pore des Hörers übergreifen sollte, insofern man diesen introspektionen Zugang erlaubt. Sie entziehen sich mit ihrer Art des Musizieren jeglicher Kategorisierung. Verschiedene Echos vernimmt man unwillkürlich, der sehr zurückgenommene sensible Umgang mit der Schwere des langsamen, doomigen Metal, die folkloristische, oft sehr orchestrale nordische Magie, die Feierlichkeit, das dynamische Auf-und Ab des Postrocks. Am Ende ist es ein permanenter Fluß, die Ausschläge fallen nie zu extrem aus. Kauan breiten sich in Slow-Motion aus, vollmundig in Klang und Orchestralität. Heavy ohne Metal, leise ohne Ambient zu sein, werden permanent Soundtrack-artige Momente geschaffen, feine, sehr wehmütige Melodien, die sich mit vollmundigen majestätischen Wall of Sound ein stetiges Wechselspiel erlauben. Die geheimnisvollen, dunkel melancholisch finnischen Vocals gepaart mit gelegentlichen, sehr effektiv gesetzten weiblichen Vocals tun ihr übriges, diese transzendente Aura zu verbreiten, welche Kauan stetig international mehr Zuspruch erfahren lässt. Hier werden in keiner Sekunde Klischees bedient, Kauan umschiffen diese. Sei es Metal, Goth, Neofolk, Postrock oder Klassik. All diese Fragmente haben die Russen in einer Perfektion zu einem außerweltlichen Gebräu gedeihen lassen, der auf „Kaiho“ in einer Perfektion von der ersten Sekunde bis zur letzten Note des Albums strahlt und in seiner emotionalen Kraft aus meiner Sicht konkurrenzlos erscheint.

Das Album braucht wenige Sekunden, und dieser berühmte Funken, der Schauer zieht sich seine Bahnen in Kopf, Herz…sämtliche Fasern und Synapsen. Emotion, Ästhetik, Melancholie, Innerlichkeit, Sehnsucht,Demut,Nostalgie…Kauan finden in jeder Sekunde das richtige Maß, feine Linien werden gezogen, diese werden mit schweren orchestralen kraftvollen Momenten aufgebrochen, nur um im Bruchteil einer Sekunde mit fast neoklassischer Anmut eine Innerlichkeit zu erzeugen, die cineastische Bilder von Meer, Nebel, Weite und Einsamkeit vermitteln und den Hörer unvermittelt zwischen Hoffen und kompletten Verlorensein in ein Wechselbad zu stürzen. Wie für Kauan und generell Konzeptalben typisch wird mit gewissen Melodie-Fragmenten über das gesamte Album immer wieder in abwandelnder Form gespielt, so das man sich gefühlt 50 min in einem Song bewegt, welcher immer wieder in den Perspektiven wandert. Wunderschöne schwer in Hall getränkte Piano-Tupfer, der entrückte finnische Gesang, dazu Pink Floyd-like Gitarren und Drums im cinematischen Widescope, orchestrale Streicher..die Russen fahren die volle emotionale Kraft, die sich wahlweise schwerelos aber auch zum Teil erdrückend über den Hörer ausbreitet. Da bleibt kein Auge trocken, wenn die Gitarren weinen wie im 10-minütigen „siiville nousu“ , die zerbrechliche Melodie schwer den Kloß im Hals formt, der irgendwie über Albumlänge nie so richtig weicht, ist diese permanente Traurigkeit, Schönheit in diesen Klängen ein ums andere Mal ganz schöner Ballast. Oder der nordisch folkloristische Tanz in „lahja“, der sich dann in einem kraftvollen Songmonster aufs schönste opulent ausfaden darf. Beim schwer melancholischen „nainen“ sind es im speziellen mal wieder die Gesangsmelodien, welche dem Hörer emotional zerreißen dürften, ergänzt um todtraurige Streicher. Ähnlich auch das wehmütige „sateen huuhtoma“- welches außerweltlich und mit einer süchtig machenden, extrem zerbrechlichen Melodie ausgestattet, Gewitter-Echos im Hintergrund integriert. Alles schwer greifbar, zerbrechlich wirkend-es legt sich permanent ein fester Griff um die Brust. Letztlich wie schon die Jahre davor der perfekte Soundtrack für den nahenden Winter, erzeugen die Raumgreifenden Klänge dieses Ambiente, extrem Schnee-like Panorama. Kauan leben ihren völlig eigenen Ansatz in der Verschmelzung moderner Post/Progressive Rock Klänge, die sich letztlich immer wieder beim gemeinsamen Nenner „Atmosphäre+Melancholie+Nostalgie“ einfinden. Die zum Teil langen Songs bedienen progressive Strukturen, Dynamik von leise, sehr zerbrechlichen Momenten, bis zu denen, welche von einer beseelten Aufbruchsstimmung gekennzeichnet sind. Musik fürs alleine sein, die es schafft den Hörer komplett in Weite, Natur und Einsamkeit verloren gehen zu lassen. Viele entrückte, sehr weit ausladende epische Instrumental-Parts, kurz durchbrochen vom zerbrechlichen flehenden finnischen Gesang, Regen und entfernt winkende Gewitter-Samples, vielen schönen Akustikparts kennzeichnen schon jetzt mein Winteralbum 2017/18.

Kauan sind mittlerweile ihre eigene Liga, weil Atmosphäre erzeugend gibt es da kaum Konkurrenz. Zugegebenermaßen ein einziges Loblied-aber diese 50min vergehen immer wie im Flug, sind einfach nur wunderschön, ein Kunstwerk nordisch inspirierter Melancholie.

(R.Bärs)