„Mitentdeckt und gefördert hat uns unser großes Idol Ecki Stieg“ – Ein Interview mit MASSIV IN MENSCH

Als ich Anfang des Jahres die Future Technopop Gruppe MASSIV IN MENSCH im Oldenburger Computermuseum anlässlich der Präsentation Ihres Songs „Monkey Island“ – der Song zum Game der Grafik Adventurereihe, zudem noch als Vinylsingle veröffentlicht – Live erlebt hatte, fiel mir ein, das ich die humorvolle Elektrocombo schon lange einmal für unser Blackmagazin ansprechen wollte. Mit Mastermind Daniel Logemann verbindet mich zudem noch eine fußballerische Leidenschaft, wir sind beide Anhänger des letzten Dinos der Bundesliga, dem HSV.Live sind MIM generell gut am Start, u.a. wurde schon beim WGT Leipzig und dem Eurorockfestival in Belgien mit Marc Almond, Alphaville und Apoptygma Berzerk aufgespielt. Ein Gig der besonderen Art war zudem sicherlich das Konzert „Kunst hinter Gitter“ – das in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg statt gefunden hatte. Ebenfalls wurden zahlreiche Remixe für Bands der Elektroszene wie Welle Erdball, Psyche, T.O.Y. , Kontrast, Helium Vola und Lord of the Lost u.a. produziert. Sogar „Grenzwellen“ Kult Moderator Ecki Stieg hatte bei MIM seine Finger mit im Spiel. Zu den Fragen haben sich Daniel Logemann und Thomas Rauchenecker bereit gestellt und wie ich finde, das musikalische Phänomen MIM ausführlich der interessierten Weltöffentlichkeit erklärt, das neue Album erscheint übrigens im September.

Hallo Daniel und Thomas, gleich zum Einstieg die Frage an Euch – wie die Gründung der Gruppe stattgefunden hat und wie Ihr Euch kennen gelernt habt ?

Das ist ein recht komplexer Prozess. Ursprünglich waren „Massiv in Mensch“ Daniel Logemann und Mirco Osterthun (ca. 1993). Von der Urbesetzung ist noch Daniel Logemann dabei. Im Laufe der Jahre gab es immer wieder Umbesetzungen, z.B. auf der Position Gesang oder Keyboard. Meist gab es bereits vorherrschende persönliche Kontakte oder man kam aus dem gleichen Ort und dann ins Gespräch. Die jetzige Formation ist auch der Tatsache geschuldet, dass irgendwann die Idee aufkam, „Massiv in Mensch“ als klassische Band auftreten zu lassen. Seit 2014 bedeutet das: Marwin (Bass), Jonathan (Gitarre), Muck (Drums), Rauche (Keys) und Daniel (Gesang, Keys). Tomas Appelhoff ist ab und an als Gastsänger dabei. Er arbeitet im Hintergrund mit uns an neuen Songs und mastert die Alben.

Wie kam es zu Eurem Bandnamen Massiv in Mensch und wie seht ihr generell Eure Ausrichtung?

Unsere ersten Songs handelten oft von menschlichen Unzulänglichkeiten und von Dekadenz. Wir haben dann eine Art Brainstorming durchgeführt und irgendwann kam uns „Massiv in Mensch“ in den Sinn. Es klang gut, auch wenn es grammatikalisch nicht ganz korrekt ist. Die Grundausrichtung haben wir dann recht schnell verlassen, da wir uns im Laufe der Jahre auch mit anderen Themen beschäftigten. Für uns ist wichtiger, dass die Alben einen roten Faden haben oder die einzelnen Stücke eine kleine Geschichte erzählen.

Wer macht bei Euch das Coverartwork ?


Mittlerweile steuern wir das selbst. Im Falle des demnächst erscheinenden Albums „Am Port der guten Hoffnung“ hat das Coverartwork Thomas Rauchenecker gestaltet.

Wie seid Ihr in das breite Licht der musikalischen Öffentlichkeit getreten, will sagen, wer hat Euch entdeckt?

Wenn es so etwas wie Unterstützer und Förderer gab, dann möchte ich hier den längst verstorbenen Holger Hansing (Varel) und Ecki Stieg (ehemals Radio ffn) nennen. Holger hat unseren ersten Auftritt auf einer lokalen Bühne ermöglicht. Er war von Anfang an begeistert und hat daran geglaubt, dass wir unsere Musik auch live performen können. Und dies zu einem Zeitpunkt, wo es für uns noch völlig utopisch erschien. Ebenfalls lernten wir 1999 unser großes Idol Ecki Stieg kennen. Wir waren jahrelang Fan der „Grenzwellen“ und haben jede Folge auf MC aufgenommen. Durch eine Bekannte bekam er dann irgendwann unsere Demo-CD in die Hände. Wir lernten uns kurze Zeit später kennen und haben in der Folge auch einige gemeinsame Auftritte hingelegt. Zudem ist eine private Freundschaft entstanden.

Habt Ihr alle eine musikalische Ausbildung genossen?

Daniel : Ich habe Akkordeon gelernt und bin später auf andere Tasteninstrumente umgestiegen.
Thomas : Nein, bei mir nix dergleichen.

Welche musikalischen Einflüsse sind bei Euch am wichtigsten, gibt es Vorbilder ?

Daniel : Innerhalb der Band gibt es sehr viele unterschiedliche Vorlieben, was Lieblingskünstler angeht. Die Musik von MiM wird von klassischer EBM bis hin zu Techno, Goa und Trance geprägt. Darüber hinaus gibt es sicherlich immer wieder Anleihen an die Popmusik der 80er und 90er Jahre. Mittlerweile öffnet sich die Musik jedoch auch rockigeren Klängen.

Thomas : Mein Einfluß war Kraftwerk.

Größtenteils singt Ihr die Tracks in deutscher Sprache, liegt Euch das mehr?



Deutsche Texte spielten von Anfang an eine große Rolle. Wir sind jedoch nach wie vor nicht 100% darauf festgelegt. Wenn ein Lied eine andere Sprache erfordert, so texten wir dann auch mal in Englisch oder auf dem neuen Album z.B. auch in Italienisch oder Rumänisch!



Mit welchen Künstlern der Szene und außerhalb versteht Ihr Euch am Besten?



Es gibt viele gute Kontakte zu anderen Künstlern. Wenn wir jedoch von freundschaftlichen Beziehungen sprechen, so müssen wir sicherlich Bands wie „Hertzinfarkt“, „Kontrast“, „Tritoxin/Spiritual Reality“ oder „Welle Erdball“ nennen.

Wie werden die Songs bei Euch im Arbeitsprozeß / im Studio aufgenommen, z.b. das neue Album, gibt es ein bestimmtes Konzept dafür oder woher nehmt Ihr Eure musikalischen Themen?



Konzeptalben im klassischen Sinne gibt es nicht. Meist sammeln sich die Songs über einen gewissen Zeitraum an. Jedes Album hat sicherlich einen roten Faden bzw. ein Leitmotiv, das in mehreren Songs eine Rolle spielt. Das neue Album entspricht unserem Motto „100% Offshore-Electro“, denn wir haben uns vor einiger Zeit entschieden, den Fokus auf regionale Themen zu legen. Unsere norddeutsche Herkunft spielt(e) ja schon immer eine Rolle bei MiM.

Der Franzose JM Jarre hat vor ca. 9 Jahren sein erstes Album „Oxygene“ noch einmal live mit den Original Instrumenten aus 1976 performed, wäre das mal ein Anreiz für Euch, alte Tracks neu zu präsentieren oder als Unplugged Versionen zu erstellen?



Das praktizieren wir bereits. Auf unseren Remixalben sowie live spielen wir immer wieder neue Versionen unserer alten Songs. Das macht auch viel Spaß, sie in ein neues Gewand zu packen. Die „unplugged-“Geschichte war auch schon mal ein Thema bei uns, ist aber natürlich schwierig umzusetzen. Auf jeden Fall haben wir seit den letzten Alben immer „Akustikversionen“ eines ausgewählten Tracks am Start.

Was sagt Ihr zu dem „Kavaliersdelikt“ – der CD Piraterie, wenn also Songs von Musikern von irgendwelchen Seiten heruntergeladen werden?



Daniel : Eine Entwicklung die schon vor Ewigkeiten mit „Napster“ begann und es war klar, dass dies nicht mehr aufzuhalten ist. Ich habe jedoch Hoffnung, dass sich eine gegenläufige Entwicklung etabliert. Immer mehr Menschen kaufen bewusst z.B. Vinyl. Wenn es dazu einen MP3-Download-Code gibt, dann finde ich die Kombination schon sehr sinnvoll. Grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass Kunst einen Preis hat. Für Bücher und Gemälde wird auch Geld ausgegeben.
Thomas : So hört man wenigstens auch mal andere Musik, insbesondere wenn sie auf Stick mit
Empfehlung weitergegeben wird. Die Hauptsache ist doch, Konzerte sind gut besucht, Merch wird verkauft und man wird im Radio gespielt.


Was sagt Ihr zum leidigen Thema – mehr Radioeinsätze – von z.b. der Musik, wie ihr sie zelebriert, wie kann man solche Sounds wieder zu mehr Radioeinsätzen hinbekommen?

Daniel : Was gängige Sender bzw. das klassische Formatradio angeht, so sehe ich kaum eine Chance. Im Bereich der kleinen Sender oder des Webradios gibt es jedoch gute Chancen, gespielt zu werden. Vielleicht ist das auch besser so. 
Thomas : Keine Ahnung, die derzeit heranwachsende Jugend ist teils recht spießig und hat fast keinerlei Musikgeschmack oder Kulturinteresse.

Wie steht Ihr zur wieder aufflammenden Liebe der Vinylkultur, ist die CD demnächst ein aussterbendes Medium und ist die Zukunft tatsächlich der digitale Megatrend – das Streaming ( Bandcamp und Co. )?




Daniel : Ich deutete ja schon an, dass ich diese Entwicklung begrüße. Vermutlich wird auch irgendwann die MC ein Revival feiern oder das Tonband. Streaming-Dienste will ich nicht verurteilen, sie können ja auch hilfreich sein, gute Musik zu entdecken.
Thomas : Auf Vinyl, also Retro stehe ich nicht so drauf, ich brauche nur die digitale Information ( mp3 z.b. ) auf entsprechenden kleinen Speichermedien bzw. in der Cloud. Die CD stirbt damit auch aus, sogar noch eher als das Vinyl.

Wie sieht es mit Videos aus, ist Euch das wichtig in Audiovisuellen Zeiten so etwas zu produzieren?


Mittlerweile ist das ein Thema bei uns. Zu einigen Songs des neuen Albums wird es Videos geben. Natürlich sind das „low budget“-Projekte, doch grundsätzlich finde ich das spannend und in Zeiten von YouTube eine gute Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu bekommen.

Ihr habt schon unzählige Auftritte im Ausland absolviert, wo war es am besten und wonach plant Ihr Eure Konzerte?

Wir hatten eine Handvoll Konzerte im Ausland, diese waren durch die Bank sehr erfolgreich und stimmungstechnisch sehr gut. Wir zehren heute noch von diesen Erfahrungen, z.B. vom Resistanz-Festival in Sheffield.

Was sind Eure – All Time Heroes – im heimischen Plattenregal?

Daniel : Da gibt es so viele. „Script of the Bridge“ von den „Chameleons“, „Trivial Schock“ von „Tommi Stumpff“ oder die „Greatest Hits“ von „Sandra“.
Thomas : Queen – von denen kann man nicht mehr enttäuscht werden
Nirvana – gilt das gleiche wie oben
Kraftwerk – Pioniere
Hocico, Wumpscut – erster Kontakt, bzgl. Aggrotech
Pal, 100Blumen, Noisex – erster Konatkt bzgl. Noise
Lieblingsalben : Philip Boa – Boaphenia
Trakktor – Force Majeur
100Blumen – Distrust Authority
Analogue Brain – Elektroshock
Snow in China – Elektromensch
Aesthetic Perfection – Close to Human ( leider aktuell nicht so überzeugend )
Fischmob – Männer können seine Gefühle nicht zeigen
Die Toten Hosen – 125 Jahre…..
Größte Enttäuschungen : Apoptygma Berzerk, VNV Nation.


Was möchtet Ihr in naher Zukunft mit Eurem Projekten noch erreichen?

Es wäre schön, wenn unser neues Album ein breites Publikum erreichen könnte. Wir sind schon sehr gespannt, wie es angenommen wird. Gerne würden wir auch eine US-Tour realisieren, die bei uns schon seit Jahren im Gespräch ist. Vielen Dank an Sven Erichsen vom Blackmagazin.

(Sven Erichsen)