„Bei SIEBEN bin ich mit dem Herzen dabei“ – Ein Interview mit MATT HOWDEN

Wer Matt Howden mal live erlebt habt, wird seine Konzerte so schnell sicher nicht vergessen und auch seine Tonträger sind immer wieder ein Genuss. Dass er auch ein sehr angenehmer Gesprächspartner ist, konnte ich aufgrund eines kurzen Plauschs „in echt“ vor ein paar Jahren nur vermuten. Ganz klar wurde es mir dann aber durch das folgende Interview vor ein paar Tagen.

? Oft frage ich Künstler zuerst, wie sie mit dem Musikmachen angefangen haben. Kannst du es etwas über deinen Werdegang als Musiker sagen?

Ich hab mit 15 oder so angefangen. Kein Unterricht in der Schule, auch kein privater. Ich wollte einfach nur in einer Band sein. Ich spielte Bass, sang und fing an, Songs zu schreiben. Ich war sehr willensstark, schon mit 15, und beschloss, dass ich nicht die Lieder anderer Leute lernen und meinen eigenen Weg finden würde, egal wie falsch dieser Weg sein könnte. Ich wollte nicht davon beeinflusst werden, was die anderen machten – oder wie man es gefälligst machen sollte.

? Eine beeindruckende Art, Musiker zu werden! Wie würdest du deine Musik beschreiben?

Ich versuche, das nicht zu tun ;) Das ist schwieriger, als die Musik zu schreiben und zu spielen. Wenn ich jemanden spreche, der meine Musik nicht kennt, sag ich „es ist recht hypnotisch“ oder ganz pragmatisch „das bin ich, eine Violine zupfend und dazu singend“. Üblicherweise versuche ich solche Gespräche zu vermeiden.

? Ich habe Sieben durch deine Arbeit mit Sol Invictus/Tony Wakeford kennengelernt, daher würde mich interessieren, was du von dem Label „Neofolk“ oder „Dark Folk“, was ja nicht dasselbe ist, hältst.

Als Klassifikationen sind die schon okay, wobei ich mir nicht sicher bin, ob ich in irgendeine Klassifikation so richtig reinpasse. Mir macht es Spaß, in diesen Szenen zu spielen, auch wenn sich meine Musik gegen solche Klassifikationen sperrt, und ich spiele auch in anderen Szenen. Manchmal mehr kunstbezogen und „arty“, oder auch Avantgarde, manchmal mehr Rock-Clubs oder eher „spoken word“. Ich spiele auch bei „normalen“ Folk Events, glaub aber auch nicht, dass meine Musik wirklich „Folk“ ist. (Wobei wir schon die erzählenden Elemente gemein haben, denk ich.) Ich bin jedenfalls glücklich ohne Klassifikationen.

? Inwieweit beeinflusst es dich bzw. deine Set Liste, für und vor wem du spielst?

Sehr viel – außer manchmal… Ich achte sehr darauf, ob die Zuhörer sitzen oder stehen, ob es hell oder dunkel, spät oder früh ist; die Art der Szene; ob ich in der Gegend vor Kurzem schon mal gespielt habe, wo ich dann das Set stark variiere. Manchmal, normalerweise wenn ich das Gefühl habe, das es ist nicht „mein“ Publikum ist, erlaube ich mir, einfach zu spielen, worauf ich Lust habe, dann ist es meist es geradlinigeres und lebhafteres Set.

? Du scheinst es auch zu mögen, unter verschieden Namen und mit unterschiedlichen Künstlern zusammenzuarbeiten?

Das tu ich. Einerseits, um Musik mit anderen zu teilen und auch aus dem praktischen Grund, um als Musiker heutzutage zu überleben.

? Inwieweit sind dann Matt Howden, rasp, Sieben, 7JK und The Mighty Sieben unterschiedliche „Entitäten“?

Ich versuche sie als solche zu erhalten. Unter meinem eigenen Namen arbeite ich instrumental, für Filme, Ausstellung oder anderes. Bei Sieben bin ich mit dem Herzen dabei – Songs Schreiben und fähig sein, diese live zu „loopen“. Bei 7JK singe und spiele ich, auch schreibe ich die Sachen für Streichinstrumente, wobei ich versuche, dass dies anders klingt als das, was ich mit Sieben mache. Auch programmiere ich die Sprach-Samples. Wenn ich mal gleichzeitig an mehreren dieser Projekte arbeite, achte ich sehr darauf, das jeweils für sich getrennt und auf  seine jeweils ganz eigene Art zu machen.

? Wieso das (deutsche) Wort “Sieben”?

Zu Beginn meiner Karriere war ich ziemlich auf das Visuelle fixiert. Ich mochte es, wie die Buchstaben auf einer Seite zusammensaßen und wie die Ziffer 7 aussieht. Aus irgendwelchen (mir unbekannten) Gründen, ist es mir immer übermäßig bewusst, wie viele Wörter meine Albumtitel beinhalten, wie viele Buchstaben meine Songtitel enthalten oder was Dinge für Initialen haben. Ich hab auch schon vieles in bestimmten Mustern gemacht, z.B. Morse-Code Nachrichten in den Rhythmen meiner Musik.

? Ich muss zugeben, ich kenne bei weiten nicht dein gesamtes Oeuvre, aber „Our Solitary Confinement“ (und ehrlich gesagt, alles, was ich von dir kenne), gefällt mir wirklich. Wieso hast du der Vinyl-Ausgabe „The Sound of His Horn“ beigelegt? Wird es bald noch mehr Veröffentlichungen von älterem Material geben?

Zweifelhaft. „The Sound of His Horn“ war einfach etwas, das niemals veröffentlich wurde – Ich schrieb es, um es gemeinsam mit einem Buch zu veröffentlichen, die Idee war, dass man das Buch liest und währenddessen die „Vibes“ von der Musik mitbekommt. Aus irgendwelchen Gründen ist das Buch nie erschienen und ich war dann mit der Musik quasi alleine. Tatsächlich hab ich diese Musik zur selben Zeit wie „Our Solitary Confinement“ geschrieben und viel davon verwendet, bevor ich sie für „The Sound of His Horn“ verfremdete, verdrehte und durch den Wolf drehte. Die meisten anderen unveröffentlichten Stücke, die ich habe, haben mit Bands zu tun und sind für das, was ich heute tue, nicht relevant.

? Gibt es eine bestimmte Art von Literatur, die du besonders magst? Irgendwas, bei dem du sagen würdest: Dieses Buch passt gut zu dieser Art von Muskk (nicht notwendigerweise Musik von Sieben, sondern überhaupt).

Als ich Literatur gelesen habe (was ich schon seit Jahren nicht mehr getan hab, aber sobald ich Zeit habe, werde ich das wieder tun), haben mir vor allem Dickens, Melville, Faulkner und Vonnegut gefallen. Wenn es darum geht, ob es gut zur Musik passt, wenn ich lese, sperre ich alle Hintergrundmusik aus meinem Bewusstsein aus. Wenn ich Filme schaue, erinnere ich mich auch nicht an die Musik, es sei denn, ich konzentriere mich akriv darauf oder sie war ganz furchtbar und unpassend.

? Deine Livekonzerte fand ich immer toll. Wie gefällt es dir, live zu spielen?

Ich liebe es. Es ist das „Lich am Ende des Tunnels“ nachdem ich so viel Zeit aufgewendet habe, die Musik herzustellen, zu bearbeiten und zu formen. Das ist das, wo ich sehe, welche Wirkung die Musik auf mein Publikum hat. Und es ist eine Kunst für sich, aufzuführen – eine, bei der ich das Gefühl habe, ich kann sie immer weiterentwickeln und dazu lernen.

? Ich habe den Eindruck, es gefällt dir, dass das Publikum mitbekommen kann, wie die Songs durch die Loops entstehen. Gefällt dir das Live-Spielen mehr als die Arbeit im Studio?

Ich mag beides. Das sind ganz unterschiedliche „Wesen“. Und ich mag es wirklich, dass die Leute sehen können, wie ich meine Musik mache. Noch besser ist es, auf die Bühne zu kommen, wenn es Leute im Publikum gibt, die keine Ahnung haben, was ich mache. Es immer toll, Leute mit meiner Performance ‘umzuhauen‘.

? Wenn ich mich richtig erinnere, beeinflussen auch Malerei und Literatur deine Arbeit. Würdest du uns dazu was sagen?

So ist es. In der Vergangenheit verwendete ich Bilder und Fotos als Inspiration für meine Musik, aber vorwiegend für die Texte. Aber alles eignet sich gut als Inspiration. Ich hab mich auch in die Gedichte meines Vaters eingelesen und tatsächlich hab ich zwei Werke, bei denen ich Musik zu seinen von ihm vorgelesenen Worten komponiert habe. Eine ziemliche Herausforderung, aber eine schöne Sache, so etwas mit seinem alten Vater zu machen! „The Matter of Britain“ und „Barley Top“ machten wir gemeinsam und haben vor, noch mehr seiner Arbeiten aufzunehmen, womöglich dieses Jahr.

? Das klingt ja interessant! Sag uns noch mehr über deine zukünftigen Projekte!

Ich hatte meine nächste Veröffentlichung (Redroom 020) als „Sieben unchained“ geplant, eine Veröffentlichung von Sieben, bei der ich mir keine Sorgen machen würde, ob ich es live mit Loops darbieten kann, nur mit Geige und Stimme. Da wollte ich andere Instrumente verwenden können, machen, was ich will. Etwas klanglich Sonderbares, das einen berührt.
Das ist auch immer noch der Plan, aber bevor es dazu kam, bin ich umgezogen und habe ein neues Studio-Zimmer gebaut. Um mich an die neue Umgebung und die neue Akustik zu gewöhnen, bearbeite ich momentan ein paar ältere Tracks (ich bin ein serieller Wiederbearbeiter), um mein Ohr einzugewöhnen. Außerdem, um neue Techniken und Sounds zu entwickeln, die ich für das neue Sieben Album verwenden werde. Diese Wiederbearbeitungen werden womöhlich eine digitale Veröffentlichung, Redroom 19 A ;)

? Ich bin gespannt, vielen Dank für das Interview!

(Flake777)