SECOND MOON OF WINTER – One For Sorrow, Two for Joy (CD/LP)

SECOND MOON OF WINTER – One For Sorrow, Two for JoyDas Essener Experimental-Label Denovali schlägt seinen Kurs in Richtung „verschrobene Klangatmosphären“ weiter fort und schickt die Newcomer SECOND MOON OF WINTER ins Rennen. Diese stechen aus der Flut der avantgardistischen Kunstmusik hervor, in dem sie ihr Skelett aus improvisierten Klarinette- und Gitarren-Kompositionen mit geisterhaftem Soprangesang verbinden. Einschlägige Bekannte wie THE KILIMANJARO DARKJAZZ ENSEMBLE, BOHREN & DER CLUB OF GORE und CARLOS CIPA lassen da sicher grüßen. Zweifler, die glauben, sich einer x-beliebigen Platte ohne Tiefgang stellen zu müssen, entgeht bei dem gespenstischen Debüt allerdings das Alleinstellungsmerkmal des Projekts: der überirdische Operngesang, direkt aus der Geisterbahn gepaart mit einem Schuss irischer Folklore.

Bereits der Bandname lädt zur Traumdeutung ein. Und dann erst der Albumtitel – wie ein vertontes Gedicht schlängeln sich die sechs Stücke aus ihrer Heimat Myrtevilla, einem verschlafenen Küstendorf, irgendwo in der nordirischen Provinz, durch die Gehörgänge. Gerade dieser Fakt sticht hervor. Schließlich könnte man die verschrobenen Soundcollagen, die mal aus effektreichen Gitarren, mal aus entfremdeten Synthesizern oder bearbeiteten Instrumenten aus der Klassischen Musik bestehen, in illustrer Gesellschaft zu aktuellen Dark-Jazz-Veteranen wie dem DALE COOPER QUARTETT stellen. Kennst du einen, kennst du alle. Doch die innere Einkehr und Einsamkeit, die Orte wie Myrtevilla mit sich bringen sind das Geheimnis und gleichzeitig Alleinstellungsmerkmal dieses Albums. Man glaubt sich sofort an diesen entfernten unbekannten Ort hinversetzt. Ein traumwandlerisches Silent Hill-Szenario erscheint vor Augen. Die Stille. Der Nebel. Das entfernte Vogelzwitschern, irgendwo aus den Sphären. Und nichts ist um einen herum, als die vollkommene Konzentration auf das Detail.

Die Musik des Trios um die geheimnisvolle Sängerin (Namen werden auch in der Presse-Info keine genannt) trägt tiefe Wehmut und Melancholie in sich. Sie wirkt wie eine antiquierte jahrhundertealte Melodie aus einem irischen Volksmärchen. Die Vertonung eines Höhlenspaziergangs mit flackerndem Kerzenlicht oder das Warten auf den Sonnenaufgang auf rauen Felsen mit Blick auf den Atlantik. Die Reduziertheit mit der die Künstler ihren Minimalismus ausdrücken zeugt von Können und Hingabe – und nicht durch konstruierten Zufall. Die emotionale Atmosphäre, diese nebulöse Geisterwelt, in der es sich die Musiker gemütlich gemacht haben, bleibt stets verträumt, intim, irgendwie geheimnisvoll und zutiefst berührend.

Nach einer halben Stunde endet die Musik. Das Geheimnis ist immer noch nicht gelüftet. Dieses abrupte Ende ist die definitive Stärke des Debüts. Man muss nicht im Detail nach Tiefgang suchen, man lässt sich nebenbei infizieren, legt die Platte, ein zweites, ein drittes Mal auf. Möchte begreifen und erneut eintauchen in diese zutiefst beeindruckende Welt aus Avantgarde, Ambient Doom und Neoklassik.

SECOND MOON OF WINTER laden dazu ein, Ihnen zuzuhören und dabei selbst immer leiser zu werden.

Beim nächsten Irland-Besuch werde ich Myrtevilla auf alle Fälle bereisen.

(Dimitrios Charistes)