KALTFRONT Interview

KALTFRONT oder Zieh dich warm an!

KALTFRONT war der Soundtrack meiner unruhevollen Jugend in einem Land, welches es nicht mehr gibt. Dieses Land hieß DDR und dort waren KALTFRONT, zumindest im sächsischen Raum, eine der wichtigsten und besten Punk Rock-Bands. Gegenüber vielen anderen Punk-Bands waren vor allem die Texte von KALTFRONT völlig frei von den üblichen Klischees und statt sich mit Parolenhaften Slogans wie gegen Bullenstaat und Nazibrut zu positionieren, sezierten KALTFRONT absolut treffend Alltagsprobleme und kleidete diese in einen straighten und rockigen Punksound. Deshalb kann man auch heute noch problemlos diese Texte nebst Musik hören und so dachte wohl auch die Band, welche sich nach ihrem Ende 1990 nun im Jahre 2005 neu formiert hat. Seit dem sind sie wieder durch die Dörfer und Städte Ostdeutschlands unterwegs und hinterlassen dort meist begeisterte Jugendliche vereint mit alte Männer im schweißtreibenden Pogo-Kessel.


? Völlig überraschend kam für fast alle alten Fans die Reunion von KALTFRONT und die logische erste Frage dieses Interviews geht natürlich zu dem Grund dieses Schrittes, der vom Bandchef Sonic Jörg vor einiger Zeit noch kategorisch ausgeschlossen wurde?

Erst mal gab es bei KALTFRONT nie einen Bandchef, genauso wenig wie einen Parteisekretär oder BGLer. Wir fanden es aber schon immer gut, Dinge zu tun, die keiner erwartet.

? ¾ der aktuellen KALTFRONT-Besetzung spielte schon Ende der 80er Jahre zusammen und in der Konstellation mit Sänger Tom wurde auch ich damals sozialisiert, obwohl ja der richtige KALTFRONT-Sänger Kanne die Jahre in der Mitte der 80er und zur Wendezeit prägte – warum ist dieser bei der Reunion nicht mit dabei?

Es gab keinen „richtigen“ und keinen „falschen“ KALTFRONT-Sänger. Kanne war am Anfang dabei, mußte dann zum Spatendienst bei der NVA. Dafür kam Tom dazu. Dann kam Kanne zurück. Also ist jetzt Tom wieder dran. Zwei Sänger auf einmal brauchen wir nicht.

? Tom war nach dem erneuten Sängerwechsel bei KALTFRONT mit den COSMIC COMIC CONNECTION COWBOYS erfolgreich, die in den 90ern zu C4SPACE mutierten und wo er irgendwann im neuen Jahrtausend ausschied. Ironischerweise ist der neue C4SPACE-Frontmann nun bei KALTFRONT auch noch Trommler – ist die Musikszene in Dresden wirklich so klein?

Natürlich ist die Musikszene in Dresden nicht so klein. Aber wir haben damit kaum was zu tun. Wir sind die Veteranen und wollten als Schlagzeuger jemand, der altersmäßig einigermaßen paßt und der durch seine musikalischen Wurzeln einen Bezug zu uns hat. Das Micha bei C4SPACE singt, war dafür eine gute Voraussetzung.

? Der Beginn Eurer Reunion war ein geheimer Auftritt im Anschluß an das Konzert der KALTFRONT-Tribute-Band BOTTLES in der Groovestation zu Dresden – was waren dabei Eure Gefühle und wie habt Ihr die Reaktionen des überraschten wie wissenden Publikums erlebt?

Die BOTTLES sind keine KALTFRONT-Tribute-Band! Sie haben neben vielen eigenen Songs nur paar KALTFRONT-Songs mit im Programm und haben eine CD mit KALTFRONT-Songs raus gebracht. Das wir in der Groovestation auftreten würden, hatte sich ja rum gesprochen. Überrascht war ich nur, wie wohlwollend unsere durchwachsene Darbietung aufgenommen wurde.

? Und wo wir gerade bei den BOTTLES sind – wie ist das so, wenn man da eine andere Band Eure Songs spielen sieht bzw. hört und wie gefallen Euch eigentlich deren Interpretationen auf der CD „Klimawechsel“?

Es schmeichelt, wenn sich andere Bands soviel Zeit nehmen, KALTFRONT-Songs zu bearbeiten und aufzunehmen. Die BOTTLES haben sich auch sehr viel Mühe gegeben, nicht bloß nachgespielt. Da stecken viele eigene Ideen drin.

? Das erste offizielle Konzert im ausverkauften Kurländer Palais war dann ein triumphaler Siegeszug gereifter Männer über bzw. mit ebenfalls gealterten Fans, wogegen bei den folgenden Clubkonzerte eher das Publikum überwog, welches KALTFRONT nur aus Erzählungen Älterer oder durch weitergereichter Magnettonbänder kennt – welche Schlüsse zieht Ihr aus dem Generationswechsel?

Keine Ahnung… Aber wir haben schon vorher mit Erstaunen festgestellt, daß es jüngere Leute gibt, die auf KALTFRONT stehen. Viele von ihnen müssen Kleinkinder gewesen sein, als KALTFRONT 1990 in die kreative Pause gingen…

? Einer der größten Hits von KALTFRONT war „Rudi“, der Euch dann aber langweilte und nicht mehr gespielt wurde, obwohl er immer noch beständig gefordert wurde. Auf der 89er Kassette „Fünf Männer in der Stadt“ war dann die Parole „Rudi Is Dead!“ zu finden, aber nun rund 16 Jahre später gibt es davon eine neue Version bzw. lebt Rudi im hier und jetzt – warum diese weitere unerwartete Auferstehung?

Die Sau war nicht totzukriegen. Unkraut vergeht nicht! Die Thematik hat sich einfach aufgedrängt, bei der aktuellen Lage…

? Weiterhin neu im Programm zwei Coverversionen, wovon eine vom DDR-Soft-Rocker BUMMI ist und ich die andere leider noch nicht erkannt habe – von wem stammt diese und warum überhaupt eine von der Ralf Bursy-Träne?

Der Song ist doch ein Brüller! Der spiegelt sehr gut den damaligen Zeitgeist wieder. Wie die offizielle DDR-Musikszene versucht hat auf einen Zug aufzuspringen, nachdem Punk entschärft und salonfähig gemacht wurde und die „Die anderen Bands“-Szene boomte. Wir hatten ja damals schon „Intim“ von den PUHDYS gecovert. Auch so ein Meilenstein… Der andere Coversong ist „Over The Edge“ von den WIPERS mit deutschem Text. Außerdem haben wir aus Anlaß seines kürzlichen Ablebens „Rumble“ von Link Wray als Intro gespielt. Oh wie peinlich, daß ich den nicht erkannt habe, wo ich doch auch alles von den WIPERS im Schrank habe…

? Fast alle alten KALTFRONT-Songs lassen sich problemlos in das Heute übertragen – woran mag diese Zeitlosigkeit liegen?

Weil morgen heute gestern ist. Die meisten Texte haben keine konkrete Aussage. Da kann jeder hinein interpretieren was er will. Egal ob 1987 oder 2006.

? Obwohl die Vorgänger-Band von KALTFRONT (PARANOIA) Probleme mit der DDR-Staatsmacht hatte und Ihr auch später unter Beobachtung standet, kam für ¾ von KALTFRONT die Ausreise oder Flucht nicht in Frage – was hielt Euch im sogenannten „Tal der Ahnungslosen“ in Sachsen?

Von PARANOIA gingen zwei von vier Leuten in den Westen, von KALTFRONT zwei von fünf (wenn man die Besetzung von 1989 als Grundlage nimmt). Das war doch zu der Zeit der normale DDR-Ausreise-Quotient. Man kann nicht behaupten, daß wir besondere „Hierbleiber“ waren. Die, die geblieben sind hatten ihre Gründe. Weiber, das gute Coschützer…

? PARANOIA war musikalisch Müll Punk, der sich aber textlich deutlich vom gängigen Schema abgrenzte, danach gab es mit der CHERUSKERFRONT sogar einen kurzen Oi!-Ausflug, um letztendlich mit KALTFRONT Alltagsthemen absolut zeitlos wie treffend im Punk Rock-Sound umzusetzen – gab es eigentlich über die Jahre die Einflüsse westlicher Musik auf Euren Sound und wenn ja, welche?

PARANOIA war musikalisch Müll Punk?!?! Was soll das denn… Natürlich wurden wir auch all die Jahre vom westlichen Kulturimperialismus irregeleitet. PARANOIA wurde vom typischen England-Punk und Oi! und westdeutschem Punk beeinflußt. Am Anfang von KALTFRONT kam eine softere New-Wave-Phase mit Ska-Einflüssen. Später Hardcore, Cowpunk und Rock. Immer noch ein großer Einfluß ist natürlich Müll Punk!

? Eurer damals letztes Konzert nach der Wende fand zusammen mit den TOTEN HOSEN statt, die 1990 auf ihrer geheimen Mystery Tour auch in Dresden halt machten – was sind Eure Erinnerungen an diesen legendären Auftritt und wie waren Eure Erfahrungen mit den „Stars“ von drüben?

Wir haben denen natürlich gleich gesagt, daß wir es Scheiße finden, was sie machen. Sie antworteten, das wußten sie selber, aber sie brauchten die Kohle wegen Alimenten, Drogenkonsum und Aktiengeschichten. Das war einleuchtend. Wir haben Backstage paar Bier mit ihnen getrunken und über das aktuelle Weltgeschehen diskutiert.

? Sind auch eventuelle neue Songs angedacht oder vielleicht schon in der Vorbereitung?

Ja klar und der neuen Song „Stahlbeton“ hat schon seine Live-Probe bestanden.

? Leider gibt es von KALTFRONT außer der längst vergriffenen „Live 88″-LP keine weitere offiziellen Tonträger auf CD oder Vinyl und die vom Jenaer Major Label angekündigte Best Of-LP scheint auch noch nicht so sicher oder gibt es in diesen Belangen etwa freudige Neuigkeiten?

Soweit ich weiß ist das Majorlabel aus Leipzig und die Platte entsteht in Kooperation mit Rundling Records und Eastcore, wird „Zieh dich warm an“ heißen und im Sommer erscheinen.

? Inzwischen ist die LP wirklich erschienen und enthält 14 Songs von den alten Kassetten aus den Jahren 1987 bis 1990 im authentischen Sound, die nun endlich im schweren Vinyl verewigt wurden. Ich danke KALTFRONT für dieses Interview und die schönen Stunden bei den alten wie neuen Konzerten.

(M.F.)

DISCOGRAFIE:

1987 – „Zieh dich warm an“ (MC)

1988 – „Holiday im Niemandsland“ (MC)

1988 – „A Friday Night In San Francisco“ (MC)

1989 – „5 Männer in der Stadt“ (MC)

1990 – „Von hier bis zur Ewigkeit“ (MC)

1990 – „Mini Tape“ (MC)

2000 – „Live 88“ (LP)

2006 – „Zieh dich warm an“ (LP)