Al Jourgensen – Akte MINISTRY – Die offizielle Autobiografie

Akte-Ministry-9783940822017_xxlMINISTRY waren die Pioniere des sogenannten Industrial Metal und auch für mich zum Anfang der 90er Jahre meine Helden. Das Album „The Mind Is A Terrible Thing To Taste“ und der dazugehörige Live-Mitschnitt „In Case You Didn’t Feel Like Showing Up“ waren eine gefährliche Mischung aus Thrash Metal-Gitarren-Riffs, elektronischen Background und Punk-Attitüde, die förmlich nach Benzinkanister und Streichholz schrie. 1992 erfolgte dann auch Dank MTV der kommerzielle Durchbruch mit dem Album „Psalm 69“, was der Band zwar Millionen von Dollar und Fans bescherte, aber letztendlich auch das Genick brach. MINISTRY-Kopf Al Jourgensen war zwar schon seit seiner Jugend drogensüchtig, aber das Leben als gefeierter Rockstar machte ihn völlig zum Junkie und Alkoholiker. Nie konnte er mehr danach an den Erfolg von „Psalm 69“ anknüpfen und alle folgenden Alben waren entweder eine Demontage des Mythos oder ein halbherziger Aufguss glorreicher Tage. Insbesondere waren die folgenden Live-Touren und Festival-Auftritte eher jämmerliche Selbstzerstörungstrips und nach drei Konzertbesuchen meinerseits ziehe ich es vor, MINISTRY so in Erinnerung zu behalten, wie auf Eingangs erwähnten Live-Mitschnitt, den es ja leider nicht auf DVD gibt und ich deshalb meine alte VHS in Ehren halte. Gerade als ich diese Zeilen schreibe, flimmert im TV eine Aufzeichnung vom MINISTRY-Auftritt in Wacken 2012 über den Bildschirm. Ich werde einer austauschbaren wie schmerbäuchigen Heavy Metal-Band gewahr, die völlig lustlos ihr Programm herunterspielt, wozu ein völlig desorientierter Al Jourgensen über die Bühne tapst und sich kaum noch artikulieren kann. Wie es dazu kommen konnte, erzählt jetzt alles Co-Autor Jon Wiederhorn zusammen mit Al Jourgensen im vorliegendes Buch in aller Ausführlichkeit und mit einer Detailfreudigkeit, die schon etwas verwundert. Al Jourgensen selbst sagte: „Wer sich noch an die 90er erinnern kann, ist nicht dabei gewesen“ und deshalb ist es ratsam, nicht jede noch so krasse Episode für bare Münze zu nehmen, zumal der aufmerksame Leser schnell auf einige Ungereimtheiten stoßen wird. Obwohl die atemlose Aneinanderreihung von Drogen-Exzessen und sexuellen Ausschweifungen mit der fortlaufenden Dauer eher langweilen bzw. ihre Schockwirkung verlieren, ist es schon irgendwie faszinierend, den stetigen Abstieg von MINISTRY so hautnah dargelegt zu bekommen. Nebenbei wird man auf den Seiten des Buches auch Zeuge, wie zum Beispiel ein junger Trent Reznor (NINE INCH NAILS) von MINISTRY Lektionen im Rock’n Roll-Lifestyle bekommt, ein ebenfalls noch sehr junger MARYLIN MANSON sich als Groupie andient oder eine hilflose Courtney Love (HOLE) gedemütigt wird. Natürlich bekommen dabei ebenso ehemalige Mitglieder der Band ordentlich ihr Fett weg und am objektivsten finde ich noch die sogenannten „Zwischenrufe“ von Weggefährten, wie zum Beispiel durch Luc Van Acker (REVOLTING COCKS), Sascha Konietzko (KMFDM), Jello Biafra (LARD), Gibby Haynes (BUTTHOLE SURFERS), Mike Scaccia (MINISTRY), aber auch sein Stiefvater, ein Tourmanager und seine jetzige Frau kommen zu Wort. Wer beim lesen übrigens letztere für das MINISTRY-Trauerspiel der letzten Jahre als geschäftstüchtige Verantwortliche erkennt, liegt absolut richtig, nur leider ist der Verstand von Al Jourgensen inzwischen so vernebelt, das er selbst das natürlich nicht mehr erkennen kann. Gerade sein letzter eigener „Zwischenruf“ zum Thema Politik ist dermaßen naiv bis dumm, was nur noch durch die massive Kontaminierung seines Körpers durch Piercing-Blech und Tattoo-Tinte zu erklären ist. Auch etwas enttäuschend fand ich den mageren Bildanteil im rund 300 Seiten starken Buch, der leider kaum Fotos aus den Anfangs- und Erfolgs-Tagen der Band bietet. Trotz alledem ein interessantes Buch vom Erfinder des Industrial Metal und Pflicht-Lektüre für alle MINISTRY-Fans, welches übrigens von unserem Ex-Kollegen Andreas Diesel ins Deutsche übertragen wurde. Ich für meinen Teil habe mich dadurch wieder intensiv mit meinen alten MINISTRY-Platten und -CDs beschäftigt und endlich das kontroverse „Filth Pig“-Album verstanden bzw. sogar schätzen gelernt. Wer also kein Problem mit Demotagen alter Helden hat, zwischen den Zeilen lesen kann und zusätzlich mit einem festen Magen gesegnet ist, kann bei „Akte MINISTRY“ bedenkenlos zugreifen! (Marco Fiebag)