KULA oder spooky Jamsessions im Hula Kula in Sheffield

Kulaklein(1)Hinter dem Projektnamen KULA stecken zwei Pioniere britischer Elektronik-Musik aus Sheffield, denn Stephen Mallinder (SM) war Sänger und Musiker bei CABARET VOLTAIRE und Ron Wright (RW) ein Gründungsmitglied von HULA. Ein längst verschollen geglaubter Session-Track der beiden aus dem Jahre 1981 wurde erst kürzlich via Klanggalerie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und um drei aktuelle Remixe ergänzt. Die Veröffentlichung von „Tenement Noise“ war auch der Anlass für folgendes Interview, welches unserer Meinung nach sehr interessante Anekdoten über die Sheffielder Szene der 80er Jahre bereithält.

 

 

? Wie seid ihr auf den Namen KULA gekommen?
SM: Nun, der Name lies sich eigentlich gar nicht vermeiden. Ron und ich kennen einander seit einer Ewigkeit und wir haben gemeinsam mit ein paar Freunden von 1979 bis 1983 ein Haus bewohnt. Das Haus stand in Sheffield und hatte einen Ruf als Boheme-Haus. Jeder kannte es unter dem Namen Hula Kula, ich weiß eigentlich nicht, warum. Ein recht schräger Vogel namens Fat Tony, der früher darin gewohnt hatte, hat es so genannt (wahrscheinlich nach dem ROXY MUSIC-Song). Ron und seine Kumpels nannten ihre Band nach dem Haus HULA, also war es fast logisch, dass wir dieses gemeinsame Projekt als Hommage nun KULA nannten.
RW: Ja, das legendäre Hula Kula-Haus! Ich habe mir das einmal genauer angesehen…. es stammt aus dem 17. Jahrhundert und gehörte einmal dem Duke von Avondale. Ich glaube, es ist jetzt ein Kindergarten. Dazwischen scheint es einmal ein richtiger Partyort gewesen zu sein, wo Leute wie Joe Cocker abgehangen haben.

? Wie war das damals im Hula Kula Haus? Wer hat dort aller gewohnt?
SM: Es war ein riesiges Haus mit drei Stockwerken und einem 3 Meter hohen Glasfenster bei der Türe. Es hatte auch einen Ruf als Spukhaus und fast alle, die dort wohnten, hatte ihre eigenen Geschichten dazu. David zum Beispiel sah immer wieder einen Indianer in einem Seidenhemd, und auch und meine damalige Freundin Josie hatten einige merkwürdige Erlebnisse, obwohl wir überhaupt nicht zu so etwas tendieren. Die Geschichten entstanden durch den Tod eines Kirchendieners namens Henry Cooper, der während der Grippeepidemie in den 60er Jahren im Haus unter angeblich mysteriösen Umständen gestorben ist. Wir haben seine Notenblätter auf dem Dachboden gefunden und jedes Mal, wenn sie abgestaubt wurden, passierten nachher komische Dinge. Die frühere Besitzerin hat uns auch viele Geschichten erzählt; sie und ihre Familie sind dann ausgezogen, weil es ihnen einfach zu unheimlich geworden ist in dem Haus. Es gab auch kein Schloss an der Tür, als kamen und gingen die Leute, wie es ihnen gefiel. Einmal kamen wir aus dem Pub zurück und fanden einen alten Mann schlafend in unserer Badewanne. Hula Kula war immer voll mit Malern, Musikern und anderen unkonventionellen Leuten. Freunde kamen und manche gingen dann nicht mehr. Eric Random war, da, 23 SKIDOO, A CERTAIN RATIO, John Balance (später COIL), der Grafiker Neville Brody. Eines morgens wachten wir auf und Kirsty McColl schlief auf der Couch. Die HULA-Typen schliefen dort, auch Paul von CLOCK DVA. Es war einfach ein riesiges Partyhaus, zu dem alle kamen, wenn die Pubs zu sperrten.
RW: Es war definitiv spukig dort! Oben waren die Schlafzimmer, unten die Küche, die dann in den Garten führte. Darunter war ein Keller, den HULA als Proberaum genutzt haben. Bei meinem ersten Besuch war ich alleine und setzte mich an einen großen Tisch und auf einmal sprang mich eine riesige schwarze Katze an. Das war Morticia, die härteste Katze von ganz Sheffield. Als sie starb, haben Mal, Paul Widger und ich sie im Garten begraben. Als währenddessen ein Sonnenstrahl auf den Kater fiel, öffneten sich seine Augen und wir rannten alle zurück ins Haus. Wahrscheinlich war es Katalepsie, aber er sah richtig böse dabei aus. Einmal war ich mit einem Freund unten in der Küche und wir hörten oben in den Zimmern eine ganze Menge Leute. Wir sahen dann oben nach, aber es war absolut niemand zu sehen. Ich habe nie herausgefunden, was damals wirklich los war. Manche Leute, zum Beispiel Mark Brydon von MOLOKO, wären nie in dem Haus geblieben. Es war aber eine tolle Zeit. Ich erinnere mich gerne an unsere Filmabende. Wir haben alles angesehen, von Politkdokus bis zu den letzten Underground B-Movies. „Wolfen“ und „Mad Max“ sind zum Beispiel auch gelaufen, viele von uns haben auch einen Walkman gehabt, mit dem wir aufgenommen haben. Das Zeug wurde dann über unsere Fernseher-Anlage gespielt und einiges davon ist dann auch auf Platte und CD gelandet.

? Bei welcher Gelegenheit entstand dann der Track „Tenement Noise“, das Kernstück der CD?rw spain 300 dpi
SM: Bei mir ist es irgendwie unangekündigt gelandet! Ich habe erfahren, dass die Aufnahme in einer Kiste mit Kassetten gefunden wurde, ich denke, Simon Dell, der vieles aus der Zeit archiviert, hat es aufgetrieben. Das Label Klanggalerie hat mir den Track vorgespielt, als ich in Wien war, Ron hat dann bestätigt, es auch zu haben, und im Endeffekt haben wir uns dann entschlossen, den Original Track um ein paar Remixe zu erweitern.
RW: Ja, es wäre sicher verlorengegangen, es ist eigentlich unglaublich, dass es irgendwie in Wien gelandet ist. Als Mal mich anmailte und mich fragte, ob ich die Aufnahme hätte, wusste ich zuerst gar nicht, worum es ging. Als ich es dann hörte, erkannte ich es sofort. Es beinhaltet Bassriffs und Gitarrenfragmente, die auf HULA’s „Black Pop Workout“ landeten.

? Warum wurde es damals, 1981, eigentlich nicht veröffentlicht?
SM: Ich glaube, es wurde ganz einfach zur Seite gelegt. Ron und ich haben damals gemeinsam mit den anderen HULA-Jungs viel aufgenommen, wenn wir im Haus waren. Wahrscheinlich sind wir einfach in eine andere Richtung gegangen, und die Aufnahme blieb dann auf einem Regal liegen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob es damals zu einem bestimmten Zweck aufgenommen wurde, oder ob wir einfach ein bisschen herumexperimentiert haben….
RW: Wir waren einfach nicht mit Trevor Horns Produktion zufrieden! (lacht). Nein, ernsthaft, es war meines Wissens nach nicht für eine Veröffentlichung geplant. Wir haben damals oft einfach herumgejammt. Ich hatte damals einen Akai 4000 DS und zwei billige Walkman-Mikros. Ich habe es geliebt, und wir legten einfach eine Menge Zeugs auf den Tisch, eine Melodica, Klarinetten, Tapes, Effektgeräte.

? Könnt ihr Euch vorstellen, noch weiter unter diesem Namen zusammenzuarbeiten?
SM: Ich bin 1983 aus dem Haus ausgezogen, Paul von CLOCK DVA hat mir damals ein Haus gesucht, als ich auf Tour mit CABARET VOLTAIRE war. Paul hat ein Haus für mich gefunden, das eine eigene Bar hatte! Wie hätte ich da Nein sagen können? Wir sind dann alle dort hingezogen… das erklärt wohl auch, warum wir manche Dinge dann nicht mehr weiterverfolgt haben.
RW: Ja, wir hatten dann auch alle viel mit unseren eigenen Projekten zu tun, tourten mit unseren Bands. Die Bar in Mals neuem Haus war übrigens mit Ziegelsteinen verkleidet, die aus einem Schweinestall stammten!

? Gibt es da vielleicht noch andere bisher ungehörte Zusammenarbeiten, die irgendwo vergraben liegen?
SM: Es sieht so aus, als tauchten ständig irgendwelche Dinge wieder auf. Wir haben damals eigentlich immer alles aufgenommen. Es gab diese Kassettenkultur, alles wurde archiviert.
RW: Es ist sicher nicht alles von guter Qualität, aber ich bin auch sicher, dass es noch eine Menge anderes Zeug gibt. Ich erinnere mich an ein Solostück namens „Drones For A Bigger Room“. Es ist „Tenement Noise“ nicht unähnlich.

mal 1? Habt ihr vor, nach „Tenement Noise“ neue Musik gemeinsam aufzunehmen?
SM: Ron und ich sind immer in Kontakt geblieben. Obwohl wir meist getrennt arbeiten, haben wir vor kurzem bei einem Western Works-Event (Anm: Name des damaligen CABARET VOLTAIR-Studios) zusammengespielt.
RW: Ich hoffe es! Ich bewundere Mals positive Einstellung und seine Leidenschaft für Musik. Ich habe Mal im letzten Jahr öfters gesehen als in den 20 Jahren zuvor, zuletzt habe ich ihn mit seiner neuen Band WRANGLER beim Sensoria-Festival in Sheffield gesehen, als sie gemeinsam mit CHRIS & COSEY gespielt haben.

? Wie seid ihr eigentlich die neuen Versionen des „Tenement Noise“ Stücks angegangen?
SM: Für mich haben die originalen Texturen der Nummer ganz klar eine Richtung vorgegeben, auch die Palette an Sounds, die ich verwenden wollte. Das Stück hat ja ein cineastisches Flair, ist düster und ich habe einzelne Elemente daraus genommen und etwas neues daraus gemacht, mit dem alten Stück sozusagen als Klangquelle.
RW: Ich habe eigentlich sehr lange überlegt, wie ich daran herangehen sollte. Da die Aufnehmen ja sehr Low-Fi waren, konnte man es nicht klassisch remixen. Es ging mehr darum, den Geist des Original einzufangen. Seit dem Split von HULA habe ich hauptsächlich für Soundtracks gearbeitet, also war für mich die Rückkehr zu Musik fast ein wenig angsteinflößend! Ich wollte unbedingt ein paar Beats einbauen und habe mich bei einem Urlaub in Frankreich inspirieren lassen. Ich habe dabei auch die Kathedrale von Reims besucht und dort ein paar Field Recordings gemacht, die dann in meine neue Version eingeflossen sind. Ich wollte auch Walter von Klanggalerie etwas spezielles dafür zurückgeben, dass er das Projekt ins Leben gerufen hat und mir damit wieder so richtig Lust auf das Musikmachen gemacht hat!

? Woran arbeitet ihr zur Zeit sonst noch?rw hydrophones 72dpi
SM: Ich bin mit meiner neuen Band WRANGLER ziemlich beschäftigt, wir spielen viel Live und nehmen auch ständige neue Stücke auf. Es freut mich auch, dass die alten CABARERT VOLTAIRE-Platten wieder aufgelegt wurden, denn so ist die Vergangenheit auch wieder Teil der Gegenwart. Mein anderes Projekt HEY RUBE hat auch eine EP fertig, allerdings sind noch keinen Release geplant. Des weiteren arbeite ich an zwei Büchern.
RW: Ich habe eine Menge Projekte, die ich fertig stellen muss. Ich habe gerade einen Kurzfilm namens „The Blast“ gedreht, der in Montreal gelaufen ist. Er handelt von einem Strand in meinem Heimatort, der als Müllplatz für allerlei Chemieschrott und anderes giftiges Zeug verwendet wird. Sogar die Anfangsszene für Alien 3 wurde dort gedreht! Dann habe ich auch ein anderes Projekt namens THE BURNING POOL mit einem Kollegen namens Neil Webb, es erscheint eine Platte mit DVD. Es entstand als Folge einer Installation, die wir für eine Ausstellung über DIY-Musik im Sheffield der Siebziger und Achtziger Jahre gemacht haben. Und vor kurzem habe ich mich auch mit meinen ehemaligen HULA-Kollegen Mark Brydon, John Avery und Nort getroffen und ich hoffe, das wir etwas Neues bei Klanggalerie veröffentlichen werden. Es kann ein bisschen dauern, da wir alle verstreut leben, aber der Anfang ist wahrscheinlich das schwierigste, und ich denke, es wird sich etwas Interessantes daraus entwickeln!

? Danke für dieses interessante wie kurzweilige Interview.

(Walter Robotka & Marco Fiebag)