STRAFE FÜR REBELLION

013STRAFE FÜR REBELLION wurde 1979 von Siegfried Syniuga und Bernd Kastner in Düsseldorf gegründet. Die Projekt fand schnell ihre eigene Sprache, weil die beiden Künstler viele selbstgebaute Instrumente verwendeten und diese recht unkonventionell einsetzte. Ein weiteres Merkmal der Experimental Akustik-Formation sind die ungewöhnlichen Aufnahmeorte ihrer Veröffentlichungen und die intellektuell-wissenschaftliche Herangehensweise an diese, weshalb STRAFE FÜR REBELLION eher der Avantgarde als dem Industrial zuzuordnen sind. Nach ihren produktiven Jahren in den 80er Jahren bis Anfang der 90er erschien jetzt nach fast 10 Jahren Pause ein neues Album namens „Sulphur Spring“ auf dem österreichischen Label Klanggalerie, welches Anlass für folgendes Gespräch war:

? Könnt ihr uns ein wenig über die Zeit der Bandgründung erzählen?
Ende der 1970er Jahre gab es in Düsseldorf eine sehr lebendige Musikszene, über KRAFTWERK, NEU bis hin zu DAF, FEHLFARBEN, MINUS-DELTA-T, und andere. Es gab damals in Düsseldorf einen besonderen Auftrittsort, wo Bands wie zum Beispiel RED CRAYOLA auftraten. Auch Martin Kippenberger hatte dort ein Forum. Die Nähe der Kunstakademie Düsseldorf trug dazu bei, dass da ein kochendes Nest entstand, welches Medien übergreifend war. Es bestand ein reger Austausch an Informationen und es gab Sessions. So entstand auch EKG, wo wir beide Mitglieder waren. EKG war eine Band strukturierte Formation. Es erschienen etliche Tapes und eine LP namens „Massa“. EKG war jedoch keine Rockband und es gab einen experimentellen Anspruch. Parallel dazu entwickelte Kastner und Syniuga 1979 die Formation STRAFE FÜR REBELLION. Wir sehen uns nicht als Band, sondern als Konzept und als Projekt. Wir begreifen uns als Klangsuchende und als Komponisten.

? Wo lag der Unterschied zu EKG?
Das Bandkorsett hatte uns eingeengt. Zum Konzept gehörte es auch, mit wechselnden Gastsängern und Musikern zu kooperieren. Das war im festen Verband einer Band schwieriger. Aber STRAFE FÜR REBELLION war von Anfang an nicht nur Musik! Wir verstehen uns nicht nur als Musiker, denn es gibt auch STRAFE FÜR REBELLION-Filme bzw. Videos, -Texte, -Installationen, -Performance und -Hörspiele (zum Beispiel „Die Zahl Pi“, „Antoniusschweine“ oder „Harmoniegenerale“) Außerhalb von STRAFE FÜR REBELLION sind wir beide bildende Künstler.

? Ich wollte gerade fragen, was ihr außerhalb der Band so treibt?
1980 ist S.M. Syniuga Gründungsmitglied der Musikzeitschrift SPEX in Köln gewesen. Später haben wir beide für diese Zeitung Artikel geschrieben.

? Was bedeutet eigentlich der Name STRAFE FÜR REBELLION?
Uns reizen immer scheinbare Widersprüche. Prometheus und Fidel Castro bedeuten beide „Strafe Für Rebellion“.019

? Wieso gab es seit 1995 kein neues Material von Euch zu hören?
Das stimmt so nicht. Wir haben immer produziert und aufgenommen, aber keine Tonträger veröffentlicht. Es gab sogar Auftritte, wenn auch selten. Wir haben vieles neu erarbeitet und umstrukturiert. So ist unser Klangarchiv durch regelmäßige Fieldrecordings weiter entwickelt worden und dazu haben wir öfter Klangexkursionen veranstaltet. Viele Klang- und Geräuschmaschinen sind entstanden. Auch ist unser Kompositionsschema stringenter geworden. Diese Zeit ohne Tonträgerveröffentlichung war einfach notwendig.

? Wie geht ihr denn an eine neue Veröffentlichung heran?
Unsere Herangehensweise an ein musikalisches Konzept basiert auf Sessions, auf Installationen und dem Klangarchiv. Dazu bearbeiten oder präparieren wir alle gängigen Musikinstrumente aus der Welt, derer wir habhaft werden können. Die Grundlage für neue Musikprojekte sind immer Arbeitspläne, Storyboards und Kompositionsschemen. Vom textlichen Inhalt her sind wir an den Naturwissenschaften interessiert, an Geschichte, Philosophie, auch Alltagsphänomenen – wir wühlen also nicht nur im Musikalischen. Uns interessiert etwa die Physikerin Marie Curie als suchende Wissenschaftlerin und Arthur Cravan (alias Fabian Avenarius) als inspirierenden Künstler. Er war eigentlich Boxer in den 1920er Jahren. Über seine Mutter war er mit Oscar Wilde verwandt. Eines Tages schwamm er im Pazifik und wurde danach nie wieder gesehen. Wir schätzen den englischen Philosophen, Sprachwissenschaftler und Staatsmann Francis Bacon, (geboren 1561). Er hat den Satz geprägt: „Wissen ist Macht“. Bei den Menschen hat er so etwas wie vier Grundverhaltensweisen unterschieden, er nannte das „Masken“. Das waren: Idola Specus, Idola Theatri, Idola Fiori und Idola Tribus. Der irische Maler mit gleichem Namen (19. Jahrhundert) ist übrigens ein Nachfahre von ihm. Bei dem Philosophen Gottlob Frege (geboren 1848 in Wismar) fasziniert das Forschen an der linguistischen Semantik. Nicht zu vergessen Wittgenstein… Für das Volk der Hamar in Äthiopien haben wir Respekt, genau wie für die Dogon in Mali mit ihrem rätselhaften Sidgifest, das nur alle 60 Jahre stattfindet. Wir kramen überall herum, wir sind halt Forscher und Suchende. Beim Suchen kriechen wir auch in die Gedärme eines Klaviers, dort haben wir neulich einen schlafenden Franz Liszt entdeckt.

? Hat sich die Musiklandschaft seit Euren Anfängen verändert?
Ist die Nach-FALCO-Zeit gemeint? Zwischendurch ist ja auch K.H. Stockhausen und der französische Komponist Gerard Grisey gestorben – und die RAMONES.

? Zum Beispiel wird heute viel mehr digital gearbeitet…
Analog ist lecker aber digital ist auch in Ordnung. Auch wir verwenden digitales Equipment, angefangen mit dem DAT Rekorder bis zum PC und Pro-Tools. Digitale Mikrophone sind noch nicht erfunden worden, das gleiche gilt für Lautsprecher. Wir können uns auch noch nicht beamen.

? Betrachtet ihr euch als Einzelkämpfer oder seht ihr Euch als Teil einer Szene, zum Beispiel Industrial?
Ob wir Einzelkämpfer sind? Nein wir sind Zweizelkämpfer. Es gibt tausende von Szenerien, sicher gibt es da auch gelegentlich Berührungspunkte. Anfang der 1980er Jahre waren wir häufig in den Niederlanden und London. Die sogenannten Tags interessieren uns nicht. Wir sind vielleicht irgendwo zwischen akustischer Kunst, Avantgarde, und Fieldrecordings angesiedelt. Zunächst mal sind wir allen musikalischen Stilrichtungen gegenüber offen eingestellt. Wir hören Klassik, Jazz, aber ebenso traditionelle Musik der Völker der Welt, wie etwa der Inuit aus Alaska, der Banda Linda Pygmäen aus Uganda oder alte maurische Lieder aus Ibiza und alte Kora Musik aus Simbabwe. Die Ari Ari Musik aus Melanesien mögen wir genau so wie Gamelanklänge aus Java. Wir interessieren uns für bioakustische Lautforschung eines zoologischen Instituts und für das historische Wachsplattenarchiv in Berlin. An Grunge sind wir vorbeigeschrammt, um bei Techno zu landen, das mit akustischen klassischen Instrumenten interpretiert wird. Der Industrial-Szene fühlen wir uns nicht wirklich nahe verwandt. Nur ein Bruchteil unseres musikalischen Arbeitens ist „industrial“. Es gibt da zwar keine Aversionen, aber das sind wir nicht! Bei unserer Arbeit fügen sich Gedanken und Assoziationen über andere Medien hinweg. Bei unseren Titeln „Windhuk“ und „Kamerun“ (ehemalige deutsche Kolonialgebiete) gab es gesuchte Bezüge zu Dien Bien Phu, einer Stadt in Vietnam. Nach der dortigen Schlacht (1954) mit der vietnamesischen Unabhängigkeitsbewegung wurde die Teilung des Landes in Nord und Süd eingeleitet und das Trauma des französischen Indochinakrieges endete. Am liebsten hören wir Musik am Kaminfeuer in einer schottischen Lounge, dann allerdings nur Sinustöne.

? Habt ihr schön Pläne für die Zeit nach “Sulphur Spring”?
Für die Zukunft planen wir etliche CD-Veröffentlichungen, wir basteln an einer DVD mit Konzertmitschnitten, Sessions, Filmen, und Musik.

? Wie würdet ihr Eure Musik jemandem beschreiben, der sie noch nie gehört hat?
Unsere Musik lässt sich nicht erklären, es sei denn, man hat das Bild eines Stummfilms im Kopf, in dem ein Klavier scheinbar selbständig eine Treppe hinab gleitet. Bei Eisenstein gibt es eine Szene, wo das gleiche mit einem Kinderwagen passiert. Oder man liest: Chemie: Fakten und Gesetze. Oder Dantes Inferno. Vor wenigen Jahren ist in einer süddeutschen Höhle (Geissenklösterle) von Archäologen eine 38000 Jahre alte Flöte aus dem Knochen eines Schwans entdeckt worden, der Klang dieser Flöte passt zu STRAFE FÜR REBELLION-Musik, aber der Ringmodulator auch. In den 1980er Jahren war The World (in New York) unsere Lieblingsdiscothek, heute planen wir ein Konzert in der Großkläranlage Düsseldorf.

? Danke für das Interview.

(Walter Robotka & Marco Fiebag)

Diskografie:

1983 „s/T“ LP+7“ Pure Freude
1984 „A Soundless Message Of Death“ LP WSFA
1986 „Santa Maria“ LP Touch
1987 „Der Säemann“ LP UN
1988 „5“ 12“ UN
1989 „Vögel“ CD Touch
1991 „Lufthunger“ CD Touch
1992 „Öchsle: Bad People Have No Songs“ CD Staalplaat
1993 „Moor“ CD Staalplaat
1995 „Pianoguitar“ CD Staalplaat
2014 „Sulphur Spring“ CD Klanggalerie