MONO – The Last Dawn/ Rays Of Darkness (CD)

mono 1Es fühlte sich seit längerer Zeit so an, als wären im Bereich des instrumentalen Rocks, des Postrock, alle Messen gesungen, jedes Riff gespielt, jedes erdenkliche Muster ausgereizt. Als Fan dieser Musik wurde man in den letzten 10 Jahren arg mit Veröffentlichungen verwöhnt, aber auch übersättigt. Die hier zu besprechenden Mono aus Japan gehören zu den Langzeit-Vertretern neben Bands wie Mogwai, Godspeed You Black Emperor, Ef und wie sie alle heißen.

War man mit den ersten Alben dem klassischen Muster/Aufbau, der typischen Leise-Laut-Malerei noch auf genretypische Weise verpflichtet, wurden auf den letzten zwei Platten „For My Parents“ und „Hymn“ mit allerlei Aufwand und großer Orchesterunterstützung Soundtrack-artige Monster geschaffen, die in ihrer Opulenz manchmal auf Grund der klassischen Einflüsse zu dick im Pathos trieben. Da wäre einiges weniger um o mehr gewesen, und konnte mich seinerzeit nicht so begeistern. Somit waren an die Veröffentlichung dieses neuen Parallel-Werkes( keine Doppel-CD) nicht die größten Erwartungen verknüpft. Aber eines vorweg, Mono begeistern, hauchen dem Genre Postrock wieder richtig Leben ein. Thematisch seziert Haupt-Songwriter Goto sein Innenleben, „The Last Dawn“ bemüht die eher leuchtend strahlende, hoffnungsvoll melancholische Seite, während „Rays Of Darkness“ die düstere, negative Aussichtslosigkeit in schrofferen musikalischen Farben taucht. Letztlich fließen beide Alben kontextmäßig trotz ihrer Alleinstellung ineinander, sind doch oben benannte Emotionen im ständigen Dialog, im ewigen Kampf miteinander.

Dies wird auch durch das tolle Cover-Artwork unterstützt, was bei näheren Hinschauen und richtigem Zusammenlegen ein ganzheitliches Bild ergibt. Mono schaffen es, die überbordende, an Filmklassik angelehnten Bombast-Elemente der Vorgänger auf ein Mindestmaß herunterzufahren, was dem epischen, ja ständig in Dramatik suhlenden Songs keinen Abbruch schafft, im Gegenteil ,ist die Wiederentdeckung organischer Rock-Elemente nur zu begrüßen. Somit finden die Japaner das gesunde Mittelmaß und glänzen sehr nachhaltig mit tollen Melodien, welche vor allem durch einfach nur süchtig machende Gitarrenriffs, die wie immer shoegazernd tief in feinen Mustern beginnend, sich zu Bergen von in Wall of Sound überschlagenden Epik-Monstern auflehnen, nur um dann im Äther zu verschwinden. Man nimmt sich Genre typisch die Zeit, lässt die Songs wie den 11-min Opener „The Land Between Tides And Glory “ mit kleinen Gitarrenmustern wachsen, nach und nach schichten sich weitere, dronige kleine Sound-Fragmente zu einem großen Ganzen, sägen und mahlen die Gitarren, bis man Haushoch türmend aufs feierlichste im Wall of Sound badet, nur um im Anschluss alles wieder in feingliedrige minimale Streicher-umgarnte Stille zurückfallen zu lassen.

Die Japaner schaffen diesen organischen, live eingespielten Sound immer in jeder Sekunde durchkomponiert klingen zu lassen, sämtliche Feinheiten (Xylophon, Piano, Streicher) zeugen von großer Musikalität, jederzeit fühlt man die Nähe zu Film-Soundtracks. Dramatische, pathetische Melodien stehen wie eh und je im Fokus, alles könnte auch zur Untermalung eines Kriegs-bzw. Coming of Age Dramas genügen, werden innere Zerrissenheit, Vergänglichkeit, Nostalgie in wehmütige, feierliche Song-Epen verwandelt, die so in dieser Form das Genre lange nicht hervorgebracht hat. Alles musikalisch in Widescreen getaucht, Bilderfluten mit jedem Akkord.

Wie passend, das die Platte bei mir mit dem 3-4 Anlauf bei abendlicher Dämmerung(Spaziergang durch herbstliche Farbenmuster) auf einem Mal eine Klarheit in sich trug, wie lange keine Platte dieses Genres, eher angelehnt an die wehmütigen Akkorde der letzten Alcest-CD, die auch auf ähnliche Weise mit tragisch-schönen Melodien in Moll die eigene Innerlichkeit zutiefst zu greifen schaffte. Beste Beispiele sind der Song „Kanata“, der unterstützt durch eine hoffnungslos wehmütige Gitarrenmelodie, nur in Schönklang, in Melancholie badet, gegen Ende mit tröpfelnden Piano große Verletzlichkeit zur Schau trägt. Das sich anschließende „Cyclone“ ist ähnlich geartet, Alcest-artige, fast Mandolinen artige Gitarren, werden durch schleppende Drums durch die Nacht geleitet, immer mit einer gewissen hoffnungsvollen Ahnung versehen(rauschartige Steigerung), wird immer das Licht am Ende des Tunnels gesucht. „Elysian Castles“ klingt mit schmachtenden Piano, feinen Streichern im Hintergrund und einer sich später integrierenden weinenden Gitarre erneut nach Film, verlorener Unschuld, nostalgischen Erinnerungen, Bild-Fetzen einer verklärten Vergangenheit, in Stille verharrender Gedankenspielerei…Herbst/Winter.

Somit kann „The Last Dawn“ durchgehend begeistern, atmet aufs feierlichste alle positiven Trademarks des Genres, weil Mono einfach tolle Melodien und kraftvolle eindringliche Stücke geschaffen haben, die letztlich aber schon tief im traurigen Moll-Akkorden baden. Was die sogenannte düstere Variante/Alternative „Rays Of Darkness“ betrifft, hier werden organische, rockige, noisige Elemente wie in „Recoil, Ignite“ oder dem Ausreißer „The Hands That Hold The Truth“ mit galligen Gast-Vocals von Envy-Shouter Tetsu Fukugawa in wesentlich rauerer Art und Weise performt, wühlen die Gitarren sumpfiger, härter, mahlender, lässt man den Schönklang der „Last Dawn“ einen bösen, wütenden Bruder-Part gegenüber stehen. Dieser aggressive Vocal-Part ist ein absoluter Weckruf und hätte subjektiv betrachtet ruhig noch mehr integriert werden dürfen. Das dronig noisige „The Last Rays“ beendet düster dieses Mammut-Werk, was sicherlich als Doppel-CD noch mehr Sinn gemacht hat, funktionieren beide Ebenen ineinander fließend aufs Beste und hätten dieser Album-Trennung nicht bedurft.

Letztlich egal, Mono haben sich hier kreativ ausgetobt, viele nachhaltige Melodien voller Pathos geschaffen, dass über 80 Minuten keine Langeweile aufkommt und in der richtigen Stimmung einfach nur als Kleinod verstanden werden muss.

(R.Bärs)