DIAMOND VERSION – CI (LP/CD)

DiamondVersionCIDIAMOND VERSION sind Olaf Bender und Carsten Nicolai aus Karl Marx Stadt und zum besseren Verständnis ein kurzer Blick dazu in die Vergangenheit des real existierenden Sozialismus: Mitte der 80er Jahre formierte sich im ehemaligen Chemnitz und damaligen Karl Marx Stadt eine für die bestehenden Verhältnisse recht ungewöhnliche Amateur-Band namens AG GEIGE, die mittels elektronisch erzeugten Sounds, skurrilen Texten und lustiger Kostümierung nicht nur in der Punk-Szene für einiges Aufsehen sorgte. Durch gut positionierte Rundfunkeinsätze beim Jugendsender DT64 erlangte die AG GEIGE gegen Ende des Jahrzehnts und kurz vor der so genannten Wende zu einiger Popularität, welche letztendlich zur Debüt-LP „Trickbeat“ beim staatlichen Platten-Label Amiga führte. Schnell verflog allerdings der Reiz des Ungewöhnlichen, denn im Grunde offenbarte sich die Musik nach dem Mauerfall nur als eine Kombination aus westlichen Vorbildern irgendwo zwischen KRAFTWERK, THE RESIDENTS und THE ART OF NOISE. Das zweite Album „Raabe“ floppte dann völlig und die Band löste sich noch vor dem eigentlich schon fertigen dritten Album auf. Olaf Bender gehörte in den letzten Jahren der AG GEIGE zum Kollektiv und gründete danach zusammen mit seinem Kollegen Frank Bretschneider das Label Rastermusic, welches mit absolut reduzierten Veröffentlichungen (musikalisch wie gestalterisch) bald wegweisend für das Minimal Techno-Genre werden sollte. Nachdem sich Frank Bretschneider Ende der 90er Jahre etwas aus der Arbeit zurückgezogen hat, führt Olaf Bender seit dem das Label zusammen mit Carsten Nicolai unter dem Banner Raster-Noton fort, was letztendlich zum großen Durchbruch führte, da man die bildenden Künste mit dem experimentellen Sound gelungen verknüpfen konnte und weltweit dafür Anerkennung erhielt. Das ein gemeinsames musikalisches Projekt der beiden Protagonisten so lange auf sich warten ließ, ist dafür schon etwas verwunderlich und letztendlich führte der Weg zum Debüt-Album „CI“ erst über fünf Vinyl-12“ und eine Support-Tour für DEPECHE MODE. Der Sound von DIAMOND VERSION stellt sich für mich als Techno für Nicht-Club-Gänger dar – dunkel, pochend, federnd, knarzig, schlank, gefährlich und auch irgendwie groovig oder eben wie ein virtueller Berghain-Besuch für Daheimgebliebene. Die 10 Tracks auf „CI“ dampfen jetzt die Essenz der EPs in knackigen Edits zusammen und bieten aber auch als Neuerung unerwartete Vokals von Leslie Winer, Kyoka, Atsuhiro und Neil Tennant von den PET SHOP BOYS. Die einzelnen Track-Titel bedienen sich dabei schadlos an den optimierten Slogans der Werbebranche, die nackt aus dem Kontext gerissen regelrecht verachtend erscheinen. Trotz aller Funktionalität und des ausgefeilten Minimalismus zeigen die Tracks auch nach mehreren Durchgängen absolut keine Abnutzungserscheinungen und es erschließen sich sogar immer noch neue Details im kühl durchkonstruierten Soundgewand! Das Album hat somit also alle Voraussetzungen zum Dauerbrenner und letztendlich Klassiker, der auch noch in einigen Jahren dem schmutzigen Geschäft der Werbung und des Marketing die hässliche Fratze vorhalten kann! Stellt sich am Ende nur die Frage, ob heute KRAFTWERK oder auch CLOCK DVA so klingen würden, wenn sie nicht irgendwann Angst vor der eigenen Courage gehabt hätten. (Marco Fiebag)