YEAR OF NO LIGHT – Vampyr (CD/LP)

Fast ein Jahr nach der Veröffentlichung von „Vampyr“ – der Neu-Vertonung von Carl Theodor Dreyers expressionistischem Horror-Klassiker VAMPYR – DER TRAUM DES ALLAN GREY, 1932) dröhnt das gigantische Konzeptwerk noch immer nach, und reiht sich in die Riege der Brüdern im Geiste CULT OF LUNA ein, die mit „Vertikal“ im letzten Jahr Fritz Langs 20er-Jahre Science-Fiction-Meisterwerk Metropolis eine neue musikalische Grundstimmung verpassten. Eine objektive Rezension erschien mir trotz der immensen Zeitspanne nicht in Worte zu fassen – zu groß der Respekt vor dem majestätischen Werk und Live-Soundtrack der genialen Franzosen aus Bordeaux. „Vampyr“ ist artifizielles Meisterwerk. Möglicherweise ihr ultimatives Opus Magnum!

Einst als einmaliger Live-Soundtrack für einen Roadburn-Auftritt 2011 konzipiert, kam es im Mai 2013 dann doch noch zur Veröffentlichung dieser Soundtrackspur für den Filmklassiker, der das synfonische Original überdeckt, aber auch ergänzend parallel zur Urmusik abgespielt werden kann. Tatsächlich handelt es sich bei dem siebzigminütigem Album um eine einzig lange Instrumental-Sequenz, die für die CD- und Vinyl-Fassung (Double LP) freundlicherweise in einzelne Stücke unterteilt, und im Falle der Vinyl-Edition auch dramaturgisch ineinander geschlossen zusammengefasst wurde. Und wer die allesamt großartigen Vorgänger-Werke von A YEAR OF NO LIGHT („Nord“, „Ausserwelt“, diverse Split-EPs) kennt, der weiß, dass bei dem sechsköpfigen Kollektiv, bestehend aus zwei Schlagzeugern, drei Gitarristen und Bassisten kein 08/15-Post-Doom-Metal zu erwarten ist. Hier wird sich im trostlosen Düstersound ergötzt. Eine Obsession der Kälte hat längst Besitz über die Musiker ergriffen. Die Saiten tief gestimmt. Die Aura bleibt grimmig.

Mittlerweile gibt es auf einschlägigen Videoplattformen die unterlegte YONL-Tonspur zum dazugehörigen Film, die zwingend in Verbindung zu diesen konsumiert werden muss. Kopfkino-Phrasen und Filmmusik-Plattitüden sind an dieser Stelle fehl am Platz, denn die definitive musikalische Wirkung entfaltet sich bei „Vampyr“ tatsächlich erst beim Zuschauen und Hören der Musik (im audiophilen Idealfall via Kopfhörer). Leitet zu Beginn noch ein schummriger Drone das Unheil ein, kommt es bereits nach sechs Minuten zum akzentuierten Gitarrenausbruch der für erste Gruselmomente sorgt und die Bilder mit seiner trostlosen Stimmigkeit perfekt in Szene setzt. Und das YONL die hohe Kunst von Drone-Dramaturgie beherrschen, haben sie sich sicher nicht zuletzt bei ihren vergangenen Kollaborationen mit NADJA oder THISQUIETARMY abgeschaut. Es folgt pumpende Perkussion der schwärzesten Art; unheilvolle Bässe generieren in Verbindung mit der morbiden Schwarzweiß-Ästhetik ein stimmungsvolles Ganzes, das weiteres Unheil ankündigt und auf die Sekunde getimt Schockwirkung provoziert. Für den Film generiert das ein Plus an maximaler Beklemmung.

Vor allem im zweiten Teil des Albums, ab Minute elf, erinnern kaltklirrende Gitarren an die poetische Wall-Of-Sound-Ästhetik von WOLVES IN THE THRONE ROOM oder LOCRIAN. Und nach einer halben Stunde bricht dann vollends die Hölle los. Wenn gegen Ende des Films noch eine sphärische Orgel den Sound komplementiert, ist die okkulte Messe perfekt! Das infernalische Black-Metal-Finale ist nicht nur stimmig und diabolisch, sondern an Transzendenz und innerer Geschlossenheit kaum noch zu überbieten! Die vampiristische Inszenierung ist abgeschlossen und lässt mich noch immer sprachlos zurück…

(Dimitrios Charistes)