CARLA BOZULICH – Boy (CD/LP)

I just want to fuck up the whole world“ (aus Deeper Than The Well) – Es gibt Musik, die funktioniert am besten via Kopfhörer (Sunn O))), Burial Hex, Locrian, Celeste, Lustmord). Es gibt Musik, die entfaltet ihren formvollendeten Glanz am ehesten live auf der Bühne (Sigur Rós, Mogwai, Ulver). Und dann gibt es Musik, die exklusiv für den Beischlaf konzipiert wurde (Bohren & Der Club Of Gore, Earth, I Like Trains, Spiritual Front). Das dritte Soloalbum – diesmal nicht als ihr finsteren Alter-Ego EVANGELISTA – von Art-Punkerin CARLA BOZULICH und Ex-GERALDINE FIBBERS-Frontfrau reiht sich in diese illustre Riege ein. Nicht, dass an dieser Stelle ausdrücklich vor Sex mit der Musik oben genannter Künstlern gewarnt sei, nein, es ist sogar dringlichst empfohlen, bringt schließlich mal wieder etwas Pepp ins verrostete Gitterbett, wenn man die Stoßbewegungen zu smoothen Sunn O)))-Drones oder dem infernalischen Geballer von Celeste vollzieht.

Allerdings meinen wir hier mit Sex nicht diesen Bravo-geschwängerten „Jetzt-fass-du-mich-hier-an-und-ich-dich-da, ach-wie-ist-das-schön-das-fühlt-sich-so-intensiv-an-„-Quatsch, sondern eher die Variante, die sich in schwarz gestrichenen Räumen, mit viel Kerzenwachs und formidablen Lustschreien abspielt. Richtig gut besorgen kann es uns CARLA BOZULICH auf „Boy“ allemal.

Zumindest wenn man den ersten beiden Stücken „Ain´t No Grave“ und „One Hard Man“ lauscht, die mit Baratmosphäre und Blues-Thema an die Musik von ANNA CALVI erinnern, mystisch, atmosphärisch und irgendwie auch so typisch TWIN PEAKS-Chanson, die im „One Eyed Jacks“ laufen könnte. Nachdem wir uns mit CARLA in den kommenden zehn Minuten schwitzend in den Laken gewälzt haben, folgt der Fall und die Erkenntnis am jämmerlich kosmischen Dasein. Die Zigarette danach. Das Philosophieren über die Welt. Weltschmerz. Todessehnsucht. Heroin-Chick-Ästhetik. Da wird sich trotz vollendetem Höhepunkt im Nihilismus gesuhlt und sich voll und ganz der schwarzen Romantik hingegeben. Licht erzeugt Schatten, und Sex im Dunkeln ist für manche von uns doch lustvoller. Nicht umsonst dominieren traurige Moll-Akkorde, schwere Kontrabässe und entrücktes, dumpfes Barschlagzeug das Szenario. Kann man zu kuscheln, oder eben mal wieder das verstaubte Buch „Bondage für Dummies“ unterm Bett hervorholen.

Während die Soundexperimente ihres Projekts EVANGELISTA verstörende Klangcollagen für Freunde elitärer Kunstmusik sind, fokussiert sie sich mit „Boy“ auf dunkle Pop-Songs mit eingängigen Strukturen; bezeichnet das Album selbstbestimmt als ihre „Popplatte“. Wer die Alben von COLD SPECKS oder PJ HARVEY kennt, weiß in etwa, wie sich das anhört. Dazu die morbide Faszination an dunklen Themen, die NICK CAVES „Murder-Ballads“, mit mehr Synthies, Loops und sphärischer Elektronik, nahestehen.

Zusammen mit Bandfreund und Schlagzeuger Andrea Belfi gab es im Vorfeld zur Inspirationssuche eine größere Weltreise, hier gibt die Künstlerin vor allem die türkische Metropole Istanbul als stilgebenden Einfluss an. Aufgenommen wurde „Boy“ dann – natürlich – in Berlin. Für die Instrumentierung zeichnet sich Bozulich alleine verantwortlich, konkret heißt das: Gitarren und Bässe, Synthesizer, Samples und Album- Artwork, während zahlreiche internationale Gastmusiker ihren Beitrag zum Album leisten durften. Man lausche hier zu sanften Violinen, Violas und Keyboards. Das Leben, die Reisen und die Gedanken von CARLA BOZULICH sind viel zu außergewöhnlich und interessant um an dieser Stelle weiter ausgeführt zu werden, erzwingen an dieser Stelle ganz klar ein baldiges Interview mit der adretten Dame in Schwarz.

Die bekennende Country-Fan-Dame hat mit „Boy“ ein unwiderstehliches, dunkles Album aufgenommen, dass ganz klar seinen Platz in den vordersten Rängen meiner Jahrescharts einnehmen wird. Die melancholische Atmosphäre, die vielseitige, detailverliebte, homogene, warme Produktion berühren, nein betören in ihrem Ausdruck und Erotik ungemein. Ob man die Platte zu rituellen Opfergaben hört, oder doch nach der „Best-Of-Kuschelrock“ auflegt bleibt jedem selbst überlassen. Tiefschwarz ist zumindest die Stimmung der Musik und muss stilecht auf der audiophilen 180g-Pressung konsumiert werden. Diese kommt mit Album-Kunstdruck und MP3-Code.

BLACK wünscht euch herzliche Stunden zu zweit (oder zu dritt).



(Dimitrios Charistes)