ALCEST – Shelter (CD)

Die Vorfreude war riesig als ein neues Album der Franzosen von Alcest angekündigt wurde. Schon das letzte Album „Les Voyages de l’Âme“ war ein großer Schritt weg vom Metal Richtung eigenständiger, atmosphärischer Sounds und ist bis dato eines der schönsten Alben ever im Bereich ätherischer Rock/Metal Sounds.

Dass bereits im Herbst als Appetizer funktionierende Video zur Single „Opal“ war in jedem Fall der perfekte Anheizer, lebt der Song auch als Opener der Platte von einer beeindruckenden hochmelodischen Gitarren-hookline, die seinesgleichen sucht. Extrem euphorischer lebensbejahender Shoegazer-Gitarrenrock, der von einer poppigen Melodie getragen sich aufs gemeinste in den Gehörgängen festbeißt…ein optimaler Auftakt. Mit dem folgenden „La Nuit Marche Avec Moi“ darf man weiter verweilen auf der eben  aufgesprungenen Euphorie-Welle, ist dieser Song mit einer wiederum unwiderstehlichen, süchtig machenden Melodie ausgestattet, die durch tolle Gitarrenriffs, ätherisch shoegazernde Sphärik und melancholischen Gesang zu glänzen weiß.  Das erinnert mich an die stets unterbewerteten Italiener von Klimt 1918, die auch auf schönste diesen Mix aus treibenden rockigen Effekt-beladenen Gitarren und Shoegazer/ Postrock-Elementen hinbekamen und sich immer auf sehr emotionale Weise in des Hörers Seele bohrten.

Die nun folgenden „Voix Sereines“ sowie „Léveil des Muses“ leben von drückenden, suchenden, zum Teil mit einen Hauch von Metallastiger Schwere umwehten Aura, alles etwas verschleppter, langsamer…sehr melancholisch weltvergessen. Frontmann Neige liebt und assoziiert viel mit dem Meer, und dieses verträumte, melancholische Element ist in jeder Zeile, jeder Sekunde zu spüren. Alcest erschaffen hier wieder mal  ihren völlig eigenen schwebenden Soundkosmos, der dieses Mal sicher auch durch die Zusammenarbeit mit dem isländischen Produzent Birgir Jon Birgisson (Sigur Ros) zur nächsten Evolution im eigenen Bandkontext führen musste, sind Referenzen an die Vorzeige-Isländer nicht von der Hand zu weisen. Bandkopf Neige versteht es wie kaum eine anderer, große Emotionen zu schüren, und das trotz einer ständig präsenten Unaufdringlichkeit, die vor allem durch den zurückgenommenen französischen Gesang, der immer irgendwie so eine gewisse Unschuld vermittelt, unterstrichen wird. Alcest leben von ihren einnehmenden Arrangements, lassen sphärische Gitarrenteppiche den Hörer durch neblige Weiten driften, niemals düster, immer greifbar wehmütig, aber oft von einer hoffnungsvollen Euphorie beseelt.

Seltsam dass gerade Musiker, Bands wie Alcest, Anathema oder über viele Jahre auch The Gathering,die in den frühen Jahren eher dem Metal-Genre zugeordnet werden mussten, nach Jahren durch eine Verfeinerung, Sensibilisierung ihres Sounds in oftmals sphärisch, psychedelische Weiten mit einer besonderen Emotionalität punkten, die sich von der reinen Genre-Klassifizierung wie Shoegazer, Postrock oder Black-Metal komplett abhebt, hat man doch einen völlig eigenen Ausdruck erreicht, der sicher mit diesen Genreelementen spielt, diese aber eher einer gewissen Verbeugung/Tribut an oder vor Großmeistern wie Slowdive (RIP) darstellen durfte.

Metal-Fans, die mit den Erstwerken von Alcest noch glücklich wurden, spielten immer wieder Blast-Parts oder nordische Metalparts eine gewisse Rolle, können sich spätestens jetzt verabschieden, ist der nächste Schritt mit „Shelter“ Richtung atmosphärischen Pop/Rock genommen. Dazu passt natürlich, dass man sich auf dem tollen „Away“,dem vorletzten Song der Platte, mit Slowdive-Sänger Neil Halstaed eine Koryphäe gattern konnte, der mit der Leihgabe seiner tollen Stimme letztlich eine perfekte Verlinkung zu Indie/Alternative-Pop-Größen wie The National oder Elbow schafft, die Alcest optional für die Zukunft eine weitere Verschiebung im Sound zutrauen lässt. Definitiv ein klasse Song, der hymnisch pastoral an englische Steilklippen, Meer und viel Weite suggeriert. Der 10-minütige  balladig folkige Rausschmeißer  „Delivrance“ fadet sehnsüchtig driftend dem Ende der Platte entgegen, lassen Gesang und Melodie schon irgendwie Parallelen an spacige ruhige Porcupine Tree/ Anathema denken.

Tolle Platte eines Musikers, eines Visionärs, eines Träumers, der seine Einflüsse nicht verleugnet, aber immer mehr in Richtung alternativer moderner Pop-Elemente like Sigur Ros voranschreitet, dies immer mit hohem emotionalen Ausdruck. In einer Zeit, geprägt von Schnelligkeit, Technologie, Reizüberflutung, einem Overkill an sinnentleerten Informationen sind Alcest ein ruhendes Meer, ein Zufluchtsort. In diesem Sinne…take the dream!

(R.Bärs)