ERNST JÜNGER – Mein Gegner ist die Sprache. Orginaltonaufnahmen 1954 – 1995. (CD-BOX)

Das Cover der vom Label BRIGADE KOMMERZ herausgegebenen CD-Box Mein Gegner ist die Sprache führt auf eine falsche Fährte: in seiner Zeichnung beschwört der Totalkünstler Jonathan Meese einmal mehr den „Erzsoldaten“ Ernst Jünger und bedient damit ein ebenso gängiges wie abgegriffenes Klischee. Lässt man dieses jedoch hinter sich und taucht ein in die 10 Tonaufnahmen aus fünf Jahrzehnten fällt vor allem auf, das Jüngers Stimme so gar nicht nach Kasernenhof klingt oder gar „Totalstgehorsam“ einfordert. Stattdessen trifft man auf den eigentlichen, den ausgesprochen facettenreichen Ernst Jünger, der den Schlamm der Schützengräben lange hinter sich gelassen hat und zu einem der bedeutendsten Beobachter und Ausdeuter des an Katastrophen so reichen 20. Jahrhunderts avancierte.

So begegnet einem in der Rede Jüngers auf seinen Bruder Friedrich Georg aus dem Jahr 1968 der manische Leser, der schon von Kindheitstagen an fest in der Welt der Bücher verwurzelt ist, während er sich in der Erinnerung an Kubin als feinsinniger Kunstinterpret präsentiert. Der Vortrag Forscher und Liebhaber von 1965 sowie die 1967 aufgenommene Lesung aus Subtile Jagden zeigen den Insektensammler und -forscher Jünger, während die Rede bei der Verleihung des Goethepreises von 1983 und die Lesungen aus Autor und Autorschaft zeigen, auf welch hohem gedanklichen Niveau Jünger sein schriftstellerisches Wirken und dessen Intentionen reflektiert. Herzstück der 3 CDs dürfte aber das Interview sein, das Jünger anlässlich seines 70. Geburtstages Curt Hohoff gewährte. Wesentliche Themen dieses Zwiegesprächs sind der surreale Charakter vieler Werke Jüngers sowie der Wandel vom Heroischen zum Humanen, den der einstige Nationalrevolutionär vollzogen hat. Der Umstand, dass Jünger seine fertig ausformulierten Antworten vorliest, um auf ebenso vorgelesene Fragen zu antworten, verleiht dem Dialog etwas Hölzernes und unfreiwillig Komisches, ohne dass allerdings die inhaltliche Substanz des Gesagten darunter litte. Ein weiteres Interview fand 1995 in Hause Jüngers anlässlich eines Besuches des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges in Wilflingen statt. Jünger besticht hier durch die entwaffnende Offenheit, mit der der er einräumt, von der zeitgenössischen Literatur Lateinamerikas und Spaniens so gut wie nichts zu kennen, wie er sich überhaupt der nach 1888 entstanden Literatur weitgehend verweigert habe. Den Abschluss der CD-Box bildet ein Gespräch mit dem LSD-Erfinder Albert Hofmann, in dem Jünger über seine unter ärztlicher Aufsicht durchgeführten Drogenexperimente berichtet, die er zu einer Zeit durchführte, als die Drogenjünger und Jüngerverächter der Hippie- und Posthippie-Ära noch Milch tranken.

Für Kenner des Werkes Ernst Jüngers liefern die versammelten Tonaufnahmen inhaltlich wenig Neues, als historische Dokumente sind sie jedoch von unschätzbarem Wert, machen sie doch auch deutlich, dass Jünger keineswegs ein begnadeter Redner oder Vorleser war: für den Waldgänger ist die Zwiesprache mit der Welt vor allem ein Monolog ohne Publikum. Für diejenigen jedoch, die Jünger bisher verschmäht haben, eröffnet sich die hervorragende Möglichkeit, sich dessen Gedankenwelt anzunähern, um dann in einem nächsten Schritt vom gesprochenen zum geschriebenen Wort vorzustoßen.

M. Boss