JOB KARMA – Interview

JOB KARMA sind längst keine Unbekannten mehr, sind die Polen doch neben ihrem markanten Postindustrial-Sound für ihre Live-Auftritte und vor allem ihre faszinierend verrückten Videos bekannt. Darüber zeichnet MACIEK FRETT für das multimediale WROCLAW INDUSTRIAL FESTIVAL verantwortlich. Das WIF ist neben dem MASCHINENFEST das wohl größte regelmäßig stattfindende Festival für eigenwillige Elektronik und verschiedene Facetten der Industrial Culture – wenn man denn von dieser sprechen möchte. Zuletzt erschien 2012 die Gemeinschaftsproduktion mit SIEBEN, „Anthems Flesh“, unter dem Projektnamen 7JK, außerdem ein Re-Release des lange vergriffenen Debüt-Albums „Newson“. Aber beginnen wir ganz am Anfang….

? Was bedeutet JOB KARMA eigentlich wirklich?

AURELIUSZ: Es gab viele Interpretationen über die Jahre. Die erste war, soweit ich mich erinnern kann, dass es auf die Notwendigkeit zu arbeiten anspielen sollte. Karma als etwas, das über unseren Willen hinausgeht. Wir haben das von einem buddhistischen Freund gehört. Wir mochten das, obwohl wir überhaupt keine Arbeitsverpflichtungen hatten zu dieser Zeit. Die andere erwähnenswerte Interpretation war, dass der Name auf Hiob aus der Bibel anspielt – als Metapher für den gegenwärtigen Menschen, der zu einer Existenz verurteilt ist, die von unbekannten Autoritäten über ihm gelenkt wird.

MACIEK: Wir mögen es, wenn die Fans den Namen auf ihre Weise interpretieren. Der Name sollte auch beliebig ausgelegt werden können. Eine Interpretation, die mich amüsiert hat, war, das Wort JOB in das russische Wort für FUCK zu übersetzen.

? Wie kam es überhaupt dazu, dass ihr zusammen Musik gemacht habt?

AURELIUSZ: Ich hatte die Idee zu einer Band schon seit der Mittelschule, wusste aber niemand geeigneten dafür. Vor Job Karma habe ich eigentlich nur ein bisschen herumgespielt, und mehr oder weniger erfolgreich Sounds erzeugt. Die frühen Tage waren sehr spontan und unvorhersehbar. Ich habe in den Neunzigern immer dasselbe gehört, bin immer auf dieselben Konzerte gegangen. Maciek hat dann die ersten analogen Instrumente gekauft, einen Roland Juno und einen Bruel & Kjear Oszillator. Uns genügte das, um unsere ersten Sounds zu erzeugen. Dann ging alles ganz schnell, man konnte zuhause aufnehmen. Keinen Job zu haben, war dabei sehr hilfreich.

MACIEK: So gegen Ende der Achtziger habe ich bei zwei lokalen Bands in Wroclaw gespielt und gesungen. 1997 habe ich mich ernsthaft begonnen, für Musik zu interessieren. 1997 begleiteten wir dann die Noise Maker’s Fifes auf ihrer Tour durch Polen, da haben wir viel gelernt. Meinen ersten Synthi habe ich in München gebraucht gekauft. Ich hatte danach kein Geld mehr für die Heimfahrt, also bin ich per Anhalter mit dem Synthie unter dem Arm zurück nach Polen gefahren. 1998 haben wir dann unser erstes Konzert zu einer Ausstellung von Arkadiusz Baginski gespielt. Er ist bis heute für die visuelle Gestaltung unserer Konzerte verantwortlich.

? Polen stand in den 1980ern unter Kriegsrecht, die Medien waren der Zensur unterworfen. Wie kamt ihr überhaupt zu dieser Art von Musik?

AURELIUSZ: Zu Beginn war unser Zugang zu alternativer Musik sehr beschränkt. Es gab wenig Radio, das hinter den Eisernen Vorhang blickte. Wir haben auch untereinander Kassetten ausgetauscht

MACIEK: Nur wenige konnten sich Platten aus dem Westen besorgen, jene, die gute Kontakte hatten. Also war es wichtig, zu tauschen. Zu dieser Zeit verband Musik die Menschen wirklich komplett. Auf diese Weise habe ich zum ersten Mal Einstürzende Neubauten, SPK und Throbbing Gristle gehört. Auch das Radio funktionierte damals ganz anders: man konnte am Nachmittag ganze Platten von Joy Division, Bauhaus oder Swans hören, heute komplett unvorstellbar. Ich war mit 13 ein großer Synthpop-Fan. Als ich dann zum ersten Mal Swans hörte, wusste ich, dass ich in eine andere Richtung gehen wollte.

AURELIUSZ: Ich kam zu Beginn von politisch motiviertem Anarcho-Punk über Hardcore zur Elektronik. Industrial entdeckte ich, als ich nach Wroclaw zum Studieren gezogen bin.

? Gab es damals eine aktive Szene in Polen?

MACIEK: Zu Beginn war es leicht, Konzerte zu organisieren. Es gab so viele Möglichkeiten und Orte dafür. Was wir unter dem Namen „Jugendliche auf der Seite der Maschinen“ auf die Beine gestellt haben, war sogar in der alternativen Szene neu. Es kamen Fans aller mögliche Genres, Punk, Metal, sogar Reggae. Heute ist die Szene viel genrespezifischer und unser Festival viel professioneller. Die Zahl der Städte, in denen man etwas organisieren kann, ist leider geschrumpft. Dafür gibt es umso mehr neue Bands!

AURELIUSZ: Als wir begannen, hatten sich die Grenzen eben erst geöffnet. Die Leute waren damals extrem interessiert an neuer Musik. Leute haben auch CDs gekauft und waren neugierig.

? Wie habt ihr dann euer Wroclaw Industrial Festival begonnen?

AURELIUSZ: Wir wollten unsere früheren Konzertreihen auf eine größere, professionellere Ebene heben. Wir haben damals alles selber finanziert und nur über Ticketverkäufe Geld herein bekommen.

MACIEK: Wenn ich eine Band sehen wollte, musste ich damals nach Prag fahren. Da kam ich auf die Idee, meine Lieblingsbands selber einzuladen. Ich hatte damals ein bisschen Geld in Norwegen verdient und dachte, ich könnte das schon finanzieren. Zu unserer großen Überraschung bekamen wir viel mediales Feedback, eine der großen Zeitungen des Landes meinte, unser Festival wäre eines der wichtigsten kulturellen Ereignisse der Stadt. So wurde das Kulturamt in Wroclaw auf uns aufmerksam und begann uns zu unterstützen. Von Jahr zu Jahr haben wir dann größere Namen eingeladen, und heute machen Gäste aus dem Ausland schon die Hälfte unseres Publikums aus.

? Was macht ihr denn außerhalb von JOB KARMA und der Organisation des WIF?

MACIEK: Ich betreibe mit Arkadiusz Baginski einen Verein namens „Industrial Art“. Als solcher führen wir verschiedene Musikfestivals in Wroclaw durch und laden Bands zu Konzerten ein. Ich bin auch glücklicher Vater, der lange Wanderungen im Gebirge und Rotwein liebt.

AURELIUSZ: Ich arbeite als Architekt und Grafikdesigner. Seit 1999 leite ich auch griechisch-römische Ausgrabungen in Alexandria für die Universität Warschau. Und dann habe ich auch eine vier Jahre alte Tochter.

? Ihr habt soeben das frühe Album „Newson“ auf CD wiederveröffentlicht…

AURELIUSZ: Sowohl „Newson“, also auch „98 Mhz to Extinction“, das als Bonus auf der CD ist, sind 1999 entstanden und im Jahr 2000 erschienen. Alle Aufnahmen haben wir in unserem Black Hole Studio gemacht. Als wir gerade fertig damit waren, kam die Polizei in unsere Wohnung. Sie waren auf der Suche nach einem Hacker, der über unsere IP-Adresse eine Bank gehackt hatte. Als sie unser ganzes technisches Zeug sahen, waren sie davon überzeugt, die richtigen gefunden zu haben. Selbst als sich dann herausstellte, dass wir nichts damit zu tun hatten, haben sie unsere Rechner einbehalten und durchsucht. Vielleicht waren sie ja so die ersten, die unser Album gehört haben…

? Wie kam es zu eurer Zusammenarbeit mit MATT HOWDEN? „Anthems Flesh“ erntete ja positives Feedback auf breiter Flur.

MACIEK: Wir haben uns 2004 am WIF kennengelernt und Sieben seitdem mehrmals eingeladen. Vor drei Jahren trafen wir uns auf einem Festival in Estland und beschlossen dort, gemeinsam eine EP aufzunehmen. Das hat uns dann soviel Spaß gemacht, dass wir eine Band gründeten.

AURELIUSZ: Da wir weit entfernt voneinander leben, schicken wir Daten hin und her. Wir komponieren zu Matts Vocals und er spielt um unsere Elektroniksounds herum. Es macht uns viel Spaß, wir denken bereits an das zweite Album.

? Eure Pläne für die Zukunft?

MACIEK: Ich möchte mich möglichst bald in mein Studio verbarrikadieren und sowohl an neuem Material für Job Karma als auch 7JK arbeiten. Außerdem möchten wir so viel wie möglich live spielen und jeden Tag genießen.

(Walter Robotka / Andreas Plöger)