CHRIS CONNELLY – Interview

Den in Edinburgh geborenen CHRIS CONNELLY zog es in den 80er Jahren zunächst nach London, um wenig später zu einer zentralen Figur des musikalischen Underground von Chicago zu werden. Neben seiner umfangreichen Solo-Karriere hat CONNELLY bei unzähligen Bands mitgewirkt – von MINISTRY über die REVOLTING COCKS zu ACID HORSE (zusammen mit CABARET VOLTAIRE). Darüber hinaus arbeitete er u.a. mit KILLING JOKE, MURDER INC., PUBLICE IMAGE LTD. und DAMAGE MANUAL. Wir haben ihn interviewt.

? Wie war es denn, mit MINISTRY zusammenzuarbeiten?

Das war etwas, was ich in meinen frühen Zwanzigern gemacht habe und es hatte einen guten und auch einen schlechten Einfluss auf mich. Ich versuche es eigentlich immer noch zu verstehen. Ich glaube, ich war zu jung und habe mir zu sehr selbst geschadet, um es zu genießen. Aber was soll’s…..

? Zwei deiner Alben erschienen auf David Tibtes Label Durtro, bei deinem sonstigen Umgang überrascht das. Wie kam es dazu?

Ich kenne David seit über 30 Jahren! Er ist einer meiner engsten Freunde, und jeder, der ihn kennt, weiß, was für ein großzügiger Typ er ist. Er und sein Labelmanager Mark Logan haben zwei Alben von mir herausgebracht. Davids Musik hat mich immer auf einer ganz tiefen persönlichen Ebene berührt, ich finde sie unheimlich inspirierend, es ist nicht nur die Musik selbst, sondern auch seine Seele, die da durchklingt.

? Viele deiner Soloarbeiten sind straighte Rockalben. In jüngster Zeit habe ich das Gefühl, dass du mehr zum Experiment und zur Abstraktion neigst…

Das kann sich wieder ändern, aber du hast recht: seit dem Jahr 2000 sind meine Arbeiten viel abstrakter geworden. Ich habe einen alten Weg verfolgt und versucht, einen impressionistischeren Blick auf die menschliche und politische Landkarte zu werfen. Mit „The Episode“ habe ich damit begonnen, und besonders mit den drei darauffolgenden Alben weitergemacht („Forgiveness & Exile“, „How This Ends“, „Day of Knowledge“). Ich habe da ganz lange Stücke geschrieben und danach nach passenden Sounds dafür gesucht. „Day of Knowledge“ ist wahrscheinlich das erfolgreichste davon, denn da habe ich den besten Fokus gefunden und die Inhalte wurden konkreter und definitiver. Es geht darin nämlich darum, wie ironisch es ist, dass wir uns immer Gedanken um die Hölle machen, während die Hölle, die wir auf Erden kreieren, noch viel schlimmer ist (ich denke an Syrien, Tschetschenien), als alles, was wir uns vorstellen können. Ich setze mich dabei mit religiösem Extremismus auseinander, selber bin ich aber überhaupt nicht religiös.

? Wie passt da deine neue Rockband, THE HIGH CONFESSIONS, dazu?

Wir haben da bereits ein zweites Album im Kasten, sind aber alle viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, um es zu veröffentlichen.

? Deine letzten Konzerte erinnerten mehr an eine Show von David Bowie. Viele Leute finden ja, deine Stimme wäre seiner sehr ähnlich, was ja durchaus als Kompliment zu verstehen ist. Was hältst du davon?

Wir sind nicht getourt, wir haben nur lokal ein paar Shows gespielt. Und meine Stimme ist ähnlich, aber nicht annähernd so gut. Das Ganze ist rein aus Spaß entstanden, wir haben damit begonnen, als wir dachten, er habe sich endgültig zur Ruhe gesetzt! Aber es macht Spaß, anderer Leute Musik einzustudieren. Es ist irgendwie wie ein Theaterstück spielen, man braucht eine ganz andere Art von Disziplin dafür.

? Neben der Musik hast du auch eine Autobiografie und einen Roman geschrieben – wieso das?

Ich habe jetzt eine ganze Weile keine Prosa mehr geschrieben – wieder eine neue Disziplin! Aber ich habe wieder begonnen, klassische Songs zu schreiben, ich bin mitten in einem neuen Album.

? Hast du mit dem Label Wax Trax, auf dem ja viele deiner Bands waren noch zu tun?

Involviert nur insofern, als es Teil meiner Geschichte ist, über die ich auch gerne spreche. Und viele der Überlebenden aus der Zeit stehen mir auch noch sehr nahe.

? Zum Abschluss, gibt es Pläne für dich, zu touren oder mal in Europa zu spielen?

Ich liebe das, was ich mache. Aber Touren kommt für mich zurzeit nicht in Frage, weil die Musik neben meinen Kindern die zweite Geige spielt. Mein Sohn ist 6 Jahre alt, meine Tochter 3, und ich liebe es, Vater zu sein. Ich war von den beiden noch keine Nacht getrennt! Meine Zukunft bringt also Puppenkleider, Malkreiden, Bilderbücher – du weißt, was ich meine!

? Danke für das Gespräch!

Bild 1: CASEY MITCHELL, Bild 2: PAUL ELLEDGE

(Walter Robotka / APL)