GAVIN W. SEMPLE – Austin Osman Spare. Kunst und Magie (BUCH)

Fragt man nach dem bekanntesten Okkultisten des 20. Jahrhunderts, fällt in der Regel als erstes der Name Aleister Crowley. Ausschlaggebend hierfür sind allerdings weniger Crowleys außerordentliche Leistungen als Magier und Mystiker, sondern vielmehr sein schillerndes Leben voller Affären und Skandalen. Als Meister der Selbstvermarktung verstand es der extrovertierte Crowley virtuos, einen derartig schlechten Ruf zu erwerben, um auch noch Jahrzehnte nach seinem Tod für Gesprächsstoff auf dem Boulevard zu sorgen. Gänzlich anders verhält es sich mit Crowleys Zeitgenossen Austin Osman Spare, einem introvertierten Maler, dessen Leistungen als Erneuerer der Magie erst posthum die ihnen zustehende Würdigung erfahren haben. Der 1886 in London geborene und in einfachen Verhältnissen aufgewachsene Spare war zunächst selbst ein Schüler Crowleys, beschritt aber später ganz eigene magische Pfade, nachdem sein Versuch gescheitert war, in Crowleys Orden Argenteum Astrum aufgenommen zu werden. Spares Entdeckungen auf dem Gebiet der Sigillenmagie sowie die von ihm angestoßene Befreiung der Zeremonialmagie von allerlei veraltetem Ballast haben postmoderne Entwicklungen wie die Chaosmagie erst möglich gemacht. Daher verwundert es kaum, dass sich etliche Freistilokkultisten und Undergroundkünstler, stellvertretend seien hier nur Jhonn Balance, John Contreras und Genesis Breyer P-Orridge genannt, immer wieder auf Spares Werk berufen und seine Kunst gesammelt haben.

In Deutschland ist Austin Osman Spare nur einem überschaubaren Kreis von Experten und Interessierten bekannt, deutschsprachige Literatur über ihn suchte man nahezu vergebens. Diese Lücke schließt nun der vorliegende Band von Gavin  W. Semple. Hierbei handelt es sich aber nicht um eine stringent geschriebene Biographie, sondern um eine Sammlung von vier Essays, die der Autor zwischen 1995 und 2004 zu verschiedenen Aspekten von Spares Leben und Schaffen veröffentlicht hat. Eröffnet wird der Band mit dem Aufsatz Zos-Kia, der in Spares Zauberei und ihre zentralen Begriffe einführt. Vor allem erläutert Semple Spares Methode der Todeshaltung, die eine radikale Erneuerung der Zeremonialmagie  darstellt. Bei dieser Technik versetzt der Magier sich Mittels Hyperventilation in einen todesähnlichen Ruhezustand, der es ihm ermöglicht, die irdischen Begrenzungen von Geist und Physis zu überwinden. Zwei weitere Aufsätze sind der Kartomantie gewidmet, hatte Spare doch u.a. ein System entwickelt, mit dem sich mittels Spielkarten, die von ihn selbst entworfen worden waren, die Ergebnisse von Pferderennen vorhersagen lassen sollten. Da Spare nahezu veramt gestorben ist, scheint diese Vorhersagemethode allerdings nicht ganz ausgereift gewesen zu sein. Der abschließende Essay Wer hätte jemals so gedacht ist eine Ausdeutung von The Book of Pleasure, Spares eigentlichem Hauptwerk aus dem Jahr 1913, in dem er seine Lehre von Willen, Verlangen und Glauben darlegt und vor allem die von ihm entwickelte Sigillenmagie erläutert. Deren Ziel ist es, verkürzt gesagt, mittels gezeichneter Muster, die aus miteinander verbundenen Buchstaben bestehen, die Kräfte des Unbewussten zu wecken und magische Transzendenz zu erlangen. Semple zählt The Book of Pleasure neben Crowleys Buch des Gesetzes sowie The Book of Shadows des Hexenmeisters Gerald Gardner zu den drei Grundbüchern des modernen Okkultismus. Abgeschlossen wird der Band durch eine ausführliche Chronologie des Lebens Austin Osman Spares.

Besonders hervorzuheben ist die Fülle von Zeichnungen und Gemälden, mit denen die Essaysammlung illustriert ist. Die qualitativ hochwertigen Reproduktionen liefern einen repräsentativen Querschnitt des malerischen Schaffens A. O. Spares, das man in dieser Breite in einer deutschsprachigen Publikation noch nicht sehen konnte. Leider widmet Semple den künstlerischen Arbeiten nur einige allgemeine Bemerkungen (etwa die, das Spare aufgrund seiner früh praktizierten Technik des automatischen Zeichnens als ein Vorläufer des Surrealismus gelten kann) und verzichtet auf tiefere Analysen der Gemälde und Zeichnungen. Dessen ungeachtet ist Semples Buch eine glänzende Einführung in das magische System von Austin Osman Spare und eignet sich hervorragend als Vorbereitung auf die Lektüre der Gesammelten Schriften des malenden Magiers, deren deutschsprachige Neuauflage die wiederbelebte Edition Ananael für das Frühjahr 2013 angekündigt hat.

(M. Boss)