GAVIN BADDELEY/ DANI FILTH – Das Kompendium der dunklen Künste (BUCH)

Neben seiner Biographie über Marilyn Manson ist der englische Journalist Gavin Baddeley vor allem durch sein Buch Lucifer Rising bekannt geworden, einer Expedition durch den vielschichtigen satanischen Untergrund des 20. Jahrhunderts und seiner kulturhistorischen Wurzeln. In ähnlichen Gefilden  bewegt sich auch Baddeleys jüngstes, gemeinsam mit dem Musiker Dani Filth verfasstes Werk Das Kompendium der dunklen Künste, eine etwas aus den konzeptionellen Fugen geratene Geschichte der 1991 in der englischen Provinz gegründeten Black-Metal-Band Cradle of Filth. Für die Puristen unter den Black-Metal-Fans ist diese Band schon lange ein rotes Tuch, hat sie doch durch ihre Zusammenarbeit mit dem Major-Label SONY sowie die offensive Selbstvermarktung mittels Merchandisingprodukten gegen einige ungeschriebene Gesetze der Szene verstoßen. Auch musikalisch sprengen Cradle of Filth permanent die Grenzen des Black Metal: so holen sie sich mal einen Chor ins Tonstudio, ein andermal ein Kammerorchester, und regelmäßige Ausflüge in andere Genre des Rock unterstreichen nur die kreative Eigenständigkeit der Gruppe. Auch die Texte aus der Feder von Dani Filth, Mastermind und einzig verbliebendes Gründungsmitglied von Cradle of Filth, gehen weit über das sonst im Metal übliche Niveau hinaus, zeugen sie doch von der breiten literatur- und kulturhistorischen Bildung ihres Verfassers und dessen Liebe zu einem eher altmodischen Englisch.

Mit der Chronologie der Cradle-Alben als roten Faden, entfalten Baddely und Filth im Kompendium ein schillerndes Panoptikum des Okkulten, Phantastischen und Abseitig-Morbidem, also all jenen Phänomenen, die die englischen Extremrocker in ihren Songs erforschen. Ihre Spurensuche beginnen die Autoren natürlich in England, dem Mutterland allem Dunklem und Makabren, und befassen sich u.a. mit den Legenden um König Artus, den Bluträuschen von Hexenjägern sowie den Exzessen der Hellfire Clubs. Rasch richten Baddely und Filth aber ihre Blicke über die Grenzen der britischen Inseln hinaus: so widmen sie sich der literarischen Decadence mit ihren Protagonisten Gautier, Baudelaire, Huysmans und Oscar Wilde und lassen sich von Femme Fatales wie Kleopatra, Salome oder dem amerikanischen Stummfilmstar Theda Bara verführen. Des Weiteren erkunden die Autoren die dämonischen Aspekte der Märchenwelten, wie sie von den Gebrüdern Grimm aufgeschrieben und Walt Disney gezeichnet wurden und beleuchten das Schattenreich der Gothic-Ästhetik von seinen Anfängen in der englischen Romantik bis in die Gegenwart. Natürlich fehlen kulturhistorische Exkurse zu Werwölfen und Vampiren ebenso wenig wie eine kurze Geschichte der Schauerliteratur, wobei sich das Augenmerk des Autoren-Duos sich besonders auf Autoren wie E. A. Poe, H. P. Lovecraft und Clive Barker richtet. Weitere Themen sind Satanismus und schwarze Magie, Massenmörder und Horrorfilme sowie Drogen und Sex. Zudem präsentieren Baddely und Filth zahlreiche, z. T. bis dato unveröffentlichte Interviews u.a. mit Filmlegende Christopher Lee, Church-of-Satan-Gründer Anton LaVey, Regisseur Dario Argento, den Rockmusikern Tom Araya, James Hetfileld oder King Diamond sowie dem Fetisch-Künstler Nigel Pengrove. Garniert wird das Ganze mit einer Fülle launiger Anekdoten aus dem Alltag von Cradle of Filth und der obskuren Welt des Black Metal. Vor allem besticht der Band aber durch eine Vielzahl von Abbildungen, darunter Promofotos von Cradle of Fillth, Filmstills, Plattencover, alte Grafiken – und wann hat man schon mal Anton LaVey beim Einkaufen in einem  Warenhaus gesehen?

Kurzum: Das Kompendium der dunklen Künste ist ein reich bebildertes Coffee-Table-Book für schwarze Seelen; man kann es von Anfang bis Ende lesen, als Nachschlagewerk benutzen, gelegentlich in ihm schmökern oder es einfach nur anschauen. Zwar hat man etliches von dem, worüber Baddeley und Filth schreiben, schon anderswo gelesen, selten aber so komprimiert in einem einzigen Buch gefunden. So hebt sich das Kompendium deutlich von der sonstigen Rockliteratur ab und verleiht dem Medium Bandbiographie eine ganz neue Qualität.

(M. Boss)