MAARTEN VAN DER VLEUTEN – Are You Worthy? (CD)

„Ihr Name war Blutige Marie, sie war der Terror des Meeres…“ – nach „The Scars Remain“, dem 2011er (Konzept?) Doppel-Album auf Tonefloat, legt Maarten Van Der Vleuten mit „Are You Worthy?“ sein neues Album vor. Und auch wenn der Soundkosmos, die Klangästhetik sofort vertraut erscheint, mit dem Titeltrack als Opener, der eine Unmenge von fast gegeneinander laufenden Schichten vereint und zu einem Labyrinth schachtelt, das nicht nur wegen der derartige Assoziationen beflügelnden Stimmfetzen (die sich ebenfalls in diesem Labyrinth befinden) wie eine historische arabische Altstadt erscheint: mit engen, undurchdringlichen wie unüberschaubaren Gassen, mit Teppichen verhängten Türöffnungen in Richtung andere Geheimnisse, unerwarteten Winkeln; es ist doch auch anders: überraschenderweise angetrieben durch elektronische Beats mit einer Haltung zwischen Aufbruch und lässigem Groove. „Are You Worthy?“ fällt damit geradezu mit der Tür ins Haus, geht ohne jedes Intro direkt auf die Hörer zu und entlässt diese am Ende über eine Orgelfläche aus der dunklen Altstadt: auf die offene Landschaft von „Note To Self: Aye Aye, Bye Bye“; hell, mit quirligen Rinnsalen und einem Erzähler weit hinter einem harmonisch ebenso wie mit dem Rhythmus nach vorn schauendem Aufbau…

„About Things Left Behind“ greift diesen Aufbau in abstrakterer Form wieder auf, allerdings auch in der Stimmung dunkler, wie in Erwartung eines Twists in düsterere Bereiche. Maarten Van Der Vleuten dies mit Stück Nummer 5, „Schau Hinein“, dann tatsächlich tut, nimmt „By The Sum Of Habits“ die Hörer mit zu einer neuen Interpretation von Space-Trip: Sequencer-Arpeggios-Synths, vorbeidriftende Soundwolken und (wieder) Harmonien, die scheinbar dauernd neue Höhen erreichen und so weiter und weiter gehen, ohne je den fernen Planeten zu erreichen und am Ende im All zerrinnen.

„Schau Hinein“ ist dann so etwas wie ein echter Schnitt: nicht nur wegen des vollständigen Verzichts auf jede Rhythmik: die düsteren, verwehten Musikfragmente werden von einer bis zur Unverständlichkeit zerstörten Stimme beherrscht, die einer mittelalterlichen Beschwörung zur Ehre gereichen würde. Mit einer tiefen Verschränkung von Steigerung in Musik und Sprache. Die in „Blutige Marie“ zum bestimmenden Element wird: unterlegt von düsteren, fast industrial-Style Synths und ergänzt durch filmmusikhafte Abschnitte erzählt eine Stimme die Geschichte der „Blutigen Marie“, einer (echten? fiktiven?) Piratenchefin, die sich den Beinamen „Terror des Meeres“ verdient hatte, aber außerhalb ihres Schiffs leider nicht schwimmen konnte, was ihr letztlich zum Verhängnis werden sollte. Als Geschichte, in der Wortwahl, in der Umsetzung eine Art moderner Moritatengesang; packend und skurril zugleich.

„Distorted Soul, Awaken!“ scheint dann auch die Coda zu sein: flächenhaft dunkler Abspann einer düsteren Geschichte. Tatsächlich aber gerät diese vermeintlich einfache Deutung schon im ersten Drittel des Stücks ins Wanken, wenn ein Takt beginnt, sich einzuschleichen und auch die Flächen erweitert werden: Maarten Van Der Vleuten führt mit „Distorted Soul, Awaken!“ und dem abschließenden „Me, Comfort Me, Embrace Me“ langsam wieder zur Stimmung des Anfangs von „Are You Worthy?“ zurück; wenn auch nicht ganz so uplifting wie am tatsächlichen Start, sondern mit etwas mehr Gefühl von „Abschluss“ in den Harmonien.

„Are You Worthy?“ ist keine einfache Platte, aber auch keine schwierige in dem Sinne, dass sie sich den Hörern versperrt; es ist die eigene Atmosphäre Maarten Van Der Vleutens, die entdeckt werden will, auf die es sich einzulassen gilt; zwischen Track und Konzeptalbum, mit Stücken, deren minimalistisches Arrangement bei aller Detailschärfe und Ausarbeitung auch immer etwas vages enthält. Irritierend und schön zugleich.

(N)