GRAUZONE – 1980-1982 (2CD)

Wer kennt ihn nicht, den Song „Eisbär“ von GRAUZONE, welcher im Zuge der Neuen Deutschen Welle zum Hit, für die Schweizer Band letztendlich aber zum Fluch wurde. GRAUZONE kamen ja eigentlich aus dem Punk und hatten eher wenig mit der kommerziellen Ausrichtung der NDW zu tun, wurden aber dafür instrumentalisiert und vereinnahmt, ähnlich wie zur gleichen Zeit die FEHLFARBEN mit ihrem Song „Es geht voran“. Derartige Missverständnisse waren natürlich weder für das Bandgefüge der FEHLFARBEN noch für GRAUZONE gut und so trennte man sich nach drei Singles und einer LP wieder. Deshalb blieben GRAUZONE im Gedächtnis der Mehrheit ein „On Hit Wonder“ und nur wirklich interessierte Hörer wussten um die experimentelle wie seiner Zeit innovative Soundforschung der Band. Ihre Mischung aus Super-8-Filmprojektionen, Tapeschleifen, klirrend-kalten Gitarren-Riffs, New Wave-Bass, monotonen Schlagzeug-Beats und simplen Synthesizer-Melodien mit den doppeldeutigen deutschsprachigen Texten war damals nicht so einfach in eine Schublade zu pressen und leider überdauerten GRAUZONE die Zeit nicht so dominant, wie zum Beispiel die DAF. 1998 erschien dann unter dem Titel „Die Sunrise Tapes“ erstmals eine Werkschau der Band, die sämtliche Aufnahmen von GRAUZONE auf einer CD vereinte, aber auch einige Fehler enthielt. Vor zwei Jahren hat sich dann endlich das Schweizer Label Mital-U dem Oeuvre angenommen und dieses ansprechend in Form einer Doppel-CD neu aufgearbeitet. Das bereits bekannte Material wurde dazu neu gemastert und um bisher unveröffentlichte Aufnahmen ergänzt. Beim Hören ist man dann wirklich angenehm überrascht, wie frisch jetzt der schließlich schon rund 30 Jahre alte Sound klingt und mehr als verwundert, warum das damals in der NDW eingeordnet wurde, wo das Ganze doch eher eine Affinität zu Punk, Minimal, Wave und Industrial aufweist. Insgesamt sind hier 21 Tracks enthalten und die offenbaren mit Songs wie „Raum“, „Moskau“ oder „Wütendes Glas“ richtige Minimal-Perlen, die auch heute noch für volle Tanzflächen in den Indie-Clubs sorgen könnten. Selbst der eigentlich abgedudelte „Eisbär“ tönt beim Wiederhören plötzlich richtig fett sowie dunkel wavig und hat am Ende ja schon immer so geklungen, man hat es halt nur nicht so wahrgenommen. Abgerundet wird die Doppel-CD im Digipack durch ein dickes Booklet mit vielen Fotos, den Texten und Hintergrundinformationen. Warum man das Material aber auf zwei CDs aufgeteilt hat, wo es doch problemlos von der Spielzeit auf eine CD gepasst hätte, hat eventuell noch konzeptionelle Gründe, aber das man den Track „Schlachtet!“ weggelassen hat, ist mehr als ärgerlich! Das Künstler sich manchmal von ihren „Jugendsünden“ distanzieren ist ja an sich nichts neues und auch wenn der Text heute nicht mehr politisch korrekt sein sollte, gehört doch gerade dieser Song mit auf so eine Werksausgabe. Wer also nicht auf diesen punkigen Hit mit krassen Text verzichten will, muss sich auf die Suche nach dem seltenen Original-Vinyl der LP machen oder auf die bereits oben erwähnte Compilation-CD „Die Sunrise Tapes“ zurückgreifen. Alle anderen sind mit „1980-1982“ natürlich bestens und umfassendst bedient, um GRAUZONE und den sogenannten Swiss-Wave wieder neu zu entdecken. (Marco Fiebag)