V.A. – Replace (CD)

„Die Elektronische Musik, die Elektroakustische Musik und die Musique concréte galten oft als realisierte Utopien von Fortschrittsideen, die genauso oft jenseits der Aufnahmefähigkeit und des -willens der Hörer lagen. […] Außerhalb [des] medialen Reservats war eine als utopisch gedachte oder empfundene Musik durchaus skandalfähig.“ – so das Booklet zur vorliegenden Compilation „Replace“, die bei Edition Degem in Kooperation mit dem Deutschen Musikrat erschien. Die anhaltende Debatte, über die einen beträchtlichen Teil öffentlicher Ausgaben im Kulturbereich für aus der Sicht ihrer Macher schwer zu erfassende Kunst, zu der eben auch die Klangkunst zählt, aus der Sicht ihrer Kritiker als abgehobenes Werk selbstverliebter Kunstschnösel verschrien, gibt dieser Feststellung Recht. Wer kennt nicht diesen Moment in Kunstausstellungen, bei denen sich die Bedeutung von Bildern erst durch angestrengte Lektüre des beigegebenen Textes erschließen will – oder gar nicht. Ähnlich verhält es sich mit den 14 Klangskulpturen von Künstlern wie Denise Ritter, Sam Auinger, Sciss, Frank Niehusmann oder Ludger Kirsters. Nicolas Wieses „The Revolution Will Have Been YouTubed #01“ wird durch den Titel decodierbar. Was sich ´der Künstler dabei gedacht hat´ wird aber erst durch die Lektüre des Booklets deutlich. In diesem ist jedes Stück, von der Klangcollage hin zur mathematisch Abstrakten Geräuschfigur (z.B. Matthias Ockerts „frutas transversales“) im Booklet näher erläutert. „Replace“ will erarbeitet werden und fordert Konzentration. Die bemerkenswert gute Produktion lädt zu einem Abend mit Kopfhörer und Booklet auf dem Lesetisch ein, denn erst dann ist man fähig nicht nur Sinn oder Bedeutung zu finden, sondern auch im Wechselspiel mit dem Gehörten zu entwickeln. Jeder Ton ein Pinselstrich, jedes Geräusch eine Farbverschiebung. „Replace“ versammelt hier die Vertreter die Vertreter der elektroakustischen Kunst und bietet ein auch auf intellektueller Ebene sehr ansprechendes Hörerlebnis.

(AnP)