“Ich beobachte in letzter Zeit immer mehr zum Teil recht junge Leute, die ihre Tracks untereinander austauschen, zumeist via Internet. Da habe ich ein paar unerbittliche Sachen gehört, die mich durch ihre absolut non-kommerzielle Ausrichtung begeisterten.“ Diese Aussage wurde von Jürgen Weber im Herbst 2009 getätigt. Erstaunlich daran ist zweierlei. Zum einen beweist er ein feines Gespür für eine Entfaltung, die sich am besten unter dem Begriff “new home recording“ subsumieren ließe. Natürlich hat es das Zuhause Aufnehmen und Komponieren schon länger gegeben. Jedoch haben die technischen Entwicklungen der letzten Jahre diese Art des subkulturellen Wirkens schier unglaublich dynamisiert. Aufnehmen zu können, ohne ein Tonstudio besuchen zu müssen, Files via Internet austauschen, eine eigene Netzseite anlegen, um von dort aus Veröffentlichungen in Kleinstauflagen verkaufen zu können und schließlich die Tatsache, dass es durch das Internet leichter geworden ist, Kontakte zu Gleichgesinnten zu generieren, schneller eigene Netzwerke zu bilden – all dies zusammen schlägt sich massiv auf die musikalischen Subkulturen nieder. Etablierte Labels verlieren immer mehr an Einfluss, neue gründen sich. Wahrscheinlich hat es nie zuvor in der Geschichte der Popkultur ein derartiges Nebeneinander (aber auch Miteinander) tausender Klein- und Kleinstlabels gegeben. Dieser veränderten und forcierten Entwicklung des Agierens von Zuhause aus versuchte das BLACK in diversen Interviews der letzten Zeit bereits nachzuspüren. Dies also zum einen. Zum anderen weist Weber im oben erwähnten Interview auf Kleinstauflagen und Eigenvertrieb hin. Man könnte fast denken, dass der NOVY SVET-Mastermind auch Bryan W Bray mitgemeint hat, als er seinerzeit über unabhängiges Agieren und eine “absolut non-kommerzielle Ausrichtung“ sinnierte. Bryan W Bray und sein Projekt GATES weist all die Entwicklungen auf, die Jürgen Weber 2009 vorwegnahm. Das “Unerbittliche“ der GATES´schen Arbeiten findet sich in jedem Drone, in jedem Riff, in jedem Noise-Fetzen. GATES haben sich in kürzester Zeit ein eigenes musikalisches Vokabular erspielt, das sie nach eigenen Regeln deklinieren und konjugieren. In Kleinstauflagen veröffentlichen sie ihre Ergebnisse, immer im Gedanken an die “Magie, die physische Tonträger“ ausstrahlen. Bryan W Bray operiert im Verborgenen, ohne sich künstlich zu tarnen. Es ist ein Verborgensein, was sich nur scheinbar als solches darstellt. Tatsächlich äußert sich in dieser Art des Wirkens ein absolutes Desinteresse an den teilweise immer noch bestehenden Strukturen der Prä-Internet-Ära, zumindest was die Frage von Veröffentlichungen und Konzerten anbelangt. Doch welches Selbstverständnis steckt dahinter? Sich in ein musikalisches Thema vergraben, dort Formen ausprobieren und diese anschließend auf Tonträger zu fixieren – so könnte eine Beschreibung klingen. Nun gibt es allerdings in letzter Zeit, wie bereits angedeutet, verstärkt immer mehr Labels, die ihren Fokus ausschließlich auf Nischen gerichtet haben. Dabei sind bestimmte Vorlieben derart ausgefeilt, dass man an diesem Punkt versucht ist, von einer Neuerung zu sprechen. So sind zwei dieser Label auf GATES gestoßen – Land Of Decay und Handmade Birds. Beiden waren in letzter Zeit diverse Besprechungen und Interviews gewidmet. Nun also ist GATES Teil dessen. Dass dies zu einem Interview mit Bryan W Bray führen muss, liegt auf der Hand …
? Seit wann gibt es GATES?
Im Frühling 2008 hat alles mit GATES angefangen. Ich hatte einige kompositorische Ideen im Kopf und wollte neue musikalische Terrains erforschen.
? Kannst du in diesem Zusammenhang noch einmal genauer die Entstehungsgeschichte nachzeichnen?
Es begann als ein Projekt, bei dem ich allein Zuhause aufnahm. Die ersten paar Sachen, die ich hervorbrachte, basierten auf meinem Drang mit verschiedenen Techniken zu experimentieren – verschiedene Stimmungen, verschiedene kompositorische Ansätze zu nutzen und mit Hilfe von Improvisationen, Themen und Aufnahmemethoden zu entwickeln. Dies führte dazu, dass ich genügend Material für ein Album zusammenbekam. Als es fertig war, dauerte es noch eine Weile bis es veröffentlicht wurde, weil ich zu diesem Zeitpunkt neben anderen Projekten und Veränderungen in meinem Leben vor allem in den Vorbereitungen und Planungen für die Aufnahme eines Albums mit meiner Band ORCA steckte. Die Musik und das Artwork waren bereits im Mai 2009 fertig, jedoch erschien das Album erst im August 2010. Als die Platte draußen war, stellte ich eine Band zusammen und wir begannen damit, das Material live zu präsentieren.
? Du hast bereits deine Band ORCA angesprochen. Kannst du für uns kurz deine persönliche musikalische Entwicklung skizzieren?
Das ist schwierig zusammenzufassen, denn eigentlich mache ich seit ungefähr 20 Jahren Musik, aber die letzten 5 oder 6 Jahren haben für mich einschneidende Veränderungen gebracht. Ich habe mich davon entfernt, vordergründig in Bands zu spielen und zu jammen. Ich begann Ende 2005 damit live mit einer Vielzahl von Musikern zu spielen und frei zu improvisieren. Das war zur selben Zeit als ich mit ORCA Live-Auftritte absolvierte und dabei überwiegende durchkomponierte Songs spielte, die nur wenig Platz für Improvisationen boten. Ich trat zudem mit GARDENIA, einem weiteren Soloprojekt von mir live auf, das auf Improvisationen basiert. Durch das Eintauchen in die Welt der Improvisationen haben sich meine kompositorischen Fähigkeiten und meine Kommunikation mit anderen Künstlern entwickelt und mich auf eine vollkommen neue Ebene mit reiferen Möglichkeiten geführt.
? Nun gestaltet sich das Beschreiben von Musik immer als schwieriges Unterfangen. Wie würdest du selbst deine Musik umschreiben?
Bei GATES geht es für mich um Transzendenz. Es ist ein Ritual und führt zu einem Gefühl, das weit über meine eigenen Vorstellungen hinausgeht. Ich versuche diese zu kanalisieren. Wenn wir live spielen oder ich Zuhause probe, möchte ich den Punkt erreichen, an dem ich meinen Körper verlassen kann, somit das eigene Bewusstsein wegfällt und alles in Vibrationen und Mustern aufgeht.
? Du sprachst das Thema Improvisationen an. Wie sieht dein Kompositionsprozess aus?
Besonders bei GATES habe ich nie versucht etwas zu erzwingen. Ein Experimentieren stand immer im Vordergrund und es ging weniger um konkrete Ziele oder spezielle Ideen. Ich hatte das Gefühl, dass ich auf etwas gestoßen war und kanalisierte dies, indem ich mein eigenes musikalisches Vokabular verwendete. Also ja, ich mag auf jeden Fall die Momente, wenn die Inspiration mich erreicht, bevor ich etwas beginne. Dadurch dass GATES auf verschiedenen Labels veröffentlichen, verfügen wir mittlerweile über einen größeren zeitlichen Rahmen. Dennoch ist es wichtig, einen bestimmten Stichtag zu haben, an dem alles fertig sein muss. Bis jetzt funktioniert das ganz gut.
? Gibt es deiner Meinung nach bestimmte immer wiederkehrende Emotionen, die deine Musik hervorruft?
Ja, das würde ich schon sagen – aber das was ich in meiner Musik finde, ist oft vollkommen anders als das, was andere darin sehen. Es gibt bei GATES ein hohes Maß an Spannung und Traurigkeit sowie ein Gefühl der Einsamkeit. Ich habe viele andere Aufnahmen, die nicht so dunkel und nachdenklich sind wie bei GATES. Dadurch ist es sehr schwierig bestimmte Emotionen zu benennen, die vielleicht all meine Arbeiten durchziehen.
? Welches Equipment verwendest du? Welche Rolle spielt dabei das Zuhause Aufnehmen?
Das variiert ziemlich. Mein Equipment hat sich in den letzten Jahren mehrmals verändert, da ich umgezogen bin sowie neue Aufnahmemethoden und neue technische Geräte ausprobiert habe. Bis jetzt habe ich sehr einfache und grundlegende Methoden für das Aufnehmen, Abmischen und Mastering meiner Musik verwendet. Es ist im Augenblick alles sehr einfach: eine handvoll Mikrofone und Aufnahmeequipment für meinen Computer. Ich versuche sehr viel mit Dingen, wie zum Beispiel mit verschiedenen Mikrofonen, zu experimentieren, um das Beste aus dem, was ich technisch zur Verfügung habe, herauszuholen.
? Hast du während des Kompositionsprozesses einen bestimmten Sound im Ohr?
Ja, bis zu einem gewissen Grad. Sehr oft beginne ich allerdings einfach mit dem Aufnehmen, ohne konkreten Ideen zu folgen. Ich lasse die Musik sich organisch entwickeln. Ich würde eher sagen, dass ich häufig mit der Vorgabe einer bestimmten Richtung beginne, wodurch die Entwicklung der jeweiligen Komposition beeinflusst wird.
? Wie gesagt, du hast schon mehrmals das Thema Zuhause Aufnehmen angesprochen. Welche Rolle spielt die Umgebung für deinen Kreativitätsprozess?
Die Umgebung ist sehr wichtig für mich. Eine falsche Umgebung kann für mich den Fluss eines Projektes negativ verändern. Das ist zum Beispiel häufig der Fall, wenn man sich den Proberaum mit anderen teilt. Wenn ein gemeinsamer Proberaum mit zu vielen Sachen vollgestellt ist und unglaublich chaotisch ist, überträgt sich das auf einen. Aber manchmal gibt es keine Möglichkeiten, eine geeignete Umgebung zu finden und deshalb muss man lernen damit umzugehen. Wenn man in einer großen Stadt lebt, muss man mit den vielen Dingen, die um einen herum sind, zurechtkommen. GATES haben einmal in einem Gebäude geprobt, in dem sich viele kleine Proberäume befanden. Wir hatten dort unseren eigenen Proberaum, aber wir mussten eine Miete für die PA von Pau`s Synthesizer bezahlen. Er konnte damit sehr niedrige Frequenzen erzeugen und ich muss nicht erwähnen, wie laut unsere Gitarren waren. Während unserer Proben ging die Tür zum Flur plötzlich auf und jemand, der in einem Nebenraum probte, kam rein und war davon genervt, wie laut wir waren. Er stand nur da, ohne etwas zu sagen und machte eine “Was zum Teufel macht ihr denn hier?“-Geste. Bevor ich ihm ein “Hau ab!“-Zeichen zeigen konnte, drehte er sich um und schmiss die Tür, so fest er konnte, hinter sich zu. Offensichtlich hatten wir ihn und seine Band gestört, aber solche Sachen passieren eben manchmal.
? Kann Musik ein Angriff auf die Welt der Fakten sein?
Wenn ihr damit meint, dass Musik eine Art Spielplatz für die phantasievolle Welt von wundervollen abstrakten Formen, grandiosen Ideen und Geschichten ist und einen starken Kontrast zur Realität darstellt, in der man sich mit den Nöten des täglichen Lebens auseinandersetzen muss, dann kann ich diese Frage mit ja beantworten.
? Man kann deine Musik direkt bei dir kaufen. Hast du eine Vorstellung von deiner Hörerschaft bzw. bekommst du viele Rückmeldungen?
Ich kenne einige Leute, die die Musik hören, weil sie online bei mir Alben gekauft haben. Vereinzelt habe ich mit ihnen einen Emailaustausch, der mal kürzer und manchmal umfangreicher ist. Eine Veröffentlichungsmöglichkeit ergab sich für mich, als jemand bei mir etwas gekauft hat, der ein eigenes Label betreibt. Mittlerweile aber ist es auch so, dass ich nicht immer weiß, wer meine Musik hört oder wer zu den Auftritten kommt. Vor allem vor Ort ist es ermutigend zu sehen, dass sich eine Hörerschaft entwickelt, die jenseits unserer gemeinsamen Freunde ist. Es ist schön zu sehen, dass sich Leute für die Musik interessieren, die sich außerhalb dieser Gemeinschaft befinden. Auch online ist dies spürbar. Ich erhalte Bestellungen aus der ganzen Welt. Bis jetzt waren die Leute uns gegenüber sehr ermutigend und unterstützend.
? Welche Musik hast du früher gehört? Was hat dich geprägt, gar musikalisch sozialisiert?
Als ich jung war, hörte ich aufgrund der Platten und Kassetten meiner Eltern eine Menge Musik. So habe ich LED ZEPPELIN entdeckt. Als Teenager war ich ein großer Metal-Fan und war später auch in den Metal/Hardcore/Post-Hardcore-Szenen involviert. Metal war wirklich die erste Sache, die mich in meinem Inneren berührt hat und mich seitdem nicht mehr loslässt. Ich habe mich immer angezogen gefühlt von intuitiver und progressiver Musik. Als kleines Kind habe ich THE BEACH BOYS gemocht. Meine Eltern hatten die meisten ihrer Alben auf Kassette, was wahrscheinlich dazu geführt hat, dass ich die Musik von Bands wie MR. BUNGLE liebe. Außerdem besaßen sie eine Menge 60er Jahre Musik und Soundtracks der 80er Jahre. Vielleicht beruht auf diesem Umstand die Liebe zum Sound analoger Synthesizer? Ich denke, dass meine Haupteinflüsse von Künstlern kommen, die eine wirkliche Vielfalt von Musik während ihrer Karrieren kreiert haben.
? Wodurch fühlst du dich derzeit inspiriert?
Ich habe dieses Jahr sehr viel Musik gehört, teilweise ganze Diskografien. Zum einen höre ich viel neue Musik, zum anderen habe ich aber auch viele ältere Alben wieder entdeckt. Zum Beispiel höre ich “Ride The Lightning“ (METALLICA) zurzeit mehrmals im Monat, nachdem ich das Album jahrelang nicht angehört habe. Vor kurzem habe ich ENSLAVED das erste Mal live gesehen und legte danach für fast eine Woche ihre Alben jeden Tag auf. Im Sommer hörte ich einen Monat ausschließlich Black Metal. Das war die Zeit als ich mit Pau Torres gemeinsam an dem Material für die GATES-Veröffentlichung auf Land Of Decay gearbeitet habe. Unlängst habe ich sehr viel Arvo Pärt gehört. Ich neige dazu, mich auf eine bestimmte Art oder einen bestimmten Stil von Musik zu fokussieren, was dann über Wochen andauern kann. Im Bereich der bildenden Kunst habe ich Wolfgang Hutter entdeckt, der umwerfende Arbeiten kreiert. Es gibt zudem viele zeitgenössische Künstler, deren Werke mich inspirieren. Denis Forkas Kostromitin`s Arbeiten sind fantastisch und durch ihn bin ich wiederum auf Wolfgang Hutter gestoßen. Ruben Sawyer´s Arbeiten (Rainbath Visual) sind großartig. Kevin Gan Yuen besitzt einen einzigartigen Ansatz bezüglich seiner Arbeiten. Er ist ein Freund und zudem für die Visuals bei GATES verantwortlich. Seine Kunst ist atemberaubend. Und ich liebe die Illustrationen und Design-Arbeiten von Demian Johnston (Dead Accents).
? Welche Musik möchtest du darüber hinaus unseren Lesern empfehlen?
Eigentlich alle Künstler, die ich bereits genannt habe. Außerdem möchte ich noch folgende Labels empfehlen: Handmade Birds, Ivory Antler, Utech, Etude, Dead Accents, Taiga, Seige, Small Doses und Auris Apothecary.
? Du hast einige streng limitierte Veröffentlichungen herausgebracht. Welche Idee steckt dahinter?
Die Gründe dafür liegen vor allem in den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln und in der Nachfrage. Die meisten Tonträger von mir habe ich auf meinem eigenen Verlag Astral Ra veröffentlicht. Jede Veröffentlichung hat ein handgemachtes Cover und ist aus meiner eigenen Tasche finanziert. “Moths Have Eaten The Core“ erschien ursprünglich in einer Auflage von 100 Exemplaren und es hat ungefähr ein Jahr gedauert bis das Album ausverkauft war, obwohl immer noch einige Kopien zu haben sind. GATES befinden sich nicht an dem Punkt, an dem 100 Exemplare eines Albums schnell verkauft werden, deshalb ist es wichtig, sich im Vorfeld Gedanken darüber zu machen, wie viele Exemplare man anfertigt. Aufgrund der ganzen Download-Möglichkeiten sind viele Leute dazu übergangen, keine CDs mehr zu kaufen, außer wenn sie sich von der Verpackung angesprochen fühlen. Die Kassette für “The Prevailing Wind“ war die einzige Veröffentlichung, die wirklich sehr schnell ausverkauft war. Ich glaube, es hat gerade mal einen Monat gedauert. Die Limitierung lag bei 50 Kopien und wahrscheinlich ist dieses Medium für viele heutzutage interessanter als eine CD. 2012 wird dieses Album auf Vinyl veröffentlicht und ich hoffe, dass es sich dann ebenfalls schnell verkaufen wird. “A Precessional Winter“ wurde in einer Limitierung auf 30 CDRs veröffentlicht. Es ist eher als eine Art Dokument zu verstehen und deshalb nicht für eine größere Verbreitung gedacht, obwohl es mittlerweile auf diversen Blogs zu finden ist. Die Aufnahme klingt sehr rau und roh, aber die darauf mitgeschnittene Performance war gut und ein wichtiger Moment für die Entwicklung von GATES. Im Grunde würde ich jedem gern alles, was GATES veröffentlicht haben, zugänglich machen, aber manchmal muss man nach den Tonträgern “jagen“. Ich denke, dass dieser Umstand in gewisser Weise das Besondere an der Musik bewahrt. Wenn man einen physischen Tonträger erwirbt, dann hat das etwas Magisches. Das möchte ich festhalten, gerade in einer Zeit, in der fast alles im Internet zur Verfügung steht. Dabei soll auch nicht unerwähnt bleiben, dass die Künstler eine Menge Zeit und Geld in die physischen Tonträger investieren.
? Vor Jahren ist man auf neue Bands nur entlang der Veröffentlichungen bestimmter Labels gestoßen. Glaubst du, dass gegenwärtig eine Labelzugehörigkeit überhaupt noch eine Relevanz hat?
Die Dinge haben sich hin zu einem Punkt entwickelt, an dem eigentlich jeder ein Label betreiben und Musik veröffentlichen kann. Das hat dazu geführt, dass großartige Musik in Umlauf gekommen ist, die wahrscheinlich ohne das Internet nie solch eine Aufmerksamkeit erlangt hätte. Jedoch gibt es auch eine Menge mittelmäßige und schlechte Bands, die durch die Möglichkeiten des Internets ebenfalls eine große Unterstützung und Verbreitung erfahren. Gerade weil das so ist, scheinen Leute wieder mehr auf bestimmte Labels zu achten. Labels sind in der Lage einen Künstler zu betreuen. Wenn ein Label ein Album herausbringt, das mir gefällt, dann interessiere ich mich auch für dessen andere Veröffentlichungen. Labels haben die Möglichkeit anspruchsvolle Musik zu veröffentlichen, da die Leute sich auf jeden Fall die neuen Sounds anhören werden, wenn sie das Label mögen. Außerdem sind Labelbetreiber meistens die Leute, die sich neben den jeweiligen Künstlern am meisten um die Musik kümmern. Das ist ein Grund dafür, dass ich mich mit GATES auf Handmade Birds “Zuhause“ fühle. Wenn man sich die Liste der Bands anschaut, kann man eine große Vielfalt sehen. Dennoch ist alles sorgfältig ausgesucht und es existiert eine Art roter Faden bei allen Alben, die R. Loren veröffentlicht. Dies hat er auch in mehreren Interviews erwähnt und es ist großartig mit jemanden zusammenzuarbeiten, der eine ähnliche Sichtweise auf Musik hat wie ich. GATES werden “durch seine Ohren“ nicht nur auf “noise“ oder “drone“ reduziert. Bis jetzt sind fast all seine Veröffentlichungen ausverkauft, einige sogar bereits während der Pre-Order-Phase. Und wenn Alben nicht ausverkauft sind, gibt es nur noch eine geringe Stückzahl. Ich denke, dass er noch eine handvoll Exemplare von “They Hide In The Shadows“ hat, für die die daran interessiert sind.
? Vor kurzem ist eine Wiederveröffentlichung von “Moths Have Eaten The Core“ mit neuem Artwork erschienen. Es wurde von Kevin Gan Yuen (SUTEKH HEXEN) gestaltet. Was kannst du uns über das Re-Release berichten?
Die Wiederveröffentlichung erscheint bei Ivory Antler Records. Sie gaben mir die Möglichkeit etwas zu veröffentlichen, bis Handmade Birds mein neues Album herausbringt. Ich hatte meine Arbeiten an “The Prevailing Wind“ beendet und die erste Auflage von “Moths Have Eaten The Core“ war fast ausverkauft. Deshalb ergab eine Wiederveröffentlichung Sinn. Die Musik und die Verpackung werden im Grunde genommen ähnlich im Vergleich zur ersten Auflage sein. Verändert hat sich nur die Farbe des Covers, die nun violett ist, zudem gibt es noch einige andere kleine Details, die anders als beim Original sind. Kevin war so freundlich, wieder das Artwork zu gestalten, das meiner Meinung nach jetzt eine noch stärkere visuelle Präsentation der Musik darstellt.
? Du hast bereits angesprochen, dass das neue Album von GATES auf Handmade Birds erscheinen wird. Zudem hat Handmade Birds eine Live-CD mit dem Titel “They Hide In The Shadows“ herausgebracht. Wie kam es dazu?
Eigentlich wollte ich “They Hide In The Shadows“ selber veröffentlichen und fragte R. Loren, ob er einige Kopien zusammen mit dem anderen Live-Album “A Precessional Winter“ im Handmade Birds Store anbieten könnte. Daraufhin schlug er vor, das Album auf Handmade Birds zu veröffentlichen, als eine Art Einführung in die Labelfamilie.
? “They Hide In The Shadows“ ist in einer Music Gallery in Toronto aufgenommen worden. Würdest du sagen, dass jeder Veranstaltungsort einen bestimmten Sound besitzt und wenn ja, versuchst du das während eines Auftritts zu berücksichtigen?
Auf jeden Fall! Es gibt genauso viele Veranstaltungsorte, wo ich nicht mehr auftreten möchte, wie Veranstaltungsorte, wo ich immer wieder gern auftrete. Wenn wir die Möglichkeit für einen Soundcheck haben und der Tontechniker cool ist, können wir mehr oder weniger ahnen, wie wir klingen werden, wobei es sich bei der Art der Musik von GATES im Vorfeld nicht genau abschätzen lässt, wie die Dinge sich letztendlich entwickeln werden. Die Music Gallery, in der “They Hide In The Shadows“ aufgenommen wurde, ist im Übrigen einer dieser Orte, wo ich gerne noch mal auftreten würde.
? Inwieweit spielt die Visualisierung bei den Auftritten von GATES eine Rolle?
Ich denke, dass es in letzter Zeit eine größere Bedeutung bekommen hat. Wir haben uns dahin entwickelt, dass wir gut zusammen als Gruppe performen. Wir versuchen immer durch die Beleuchtung bestimmte Stimmungen zu evozieren. Ich möchte auf jeden Fall, dass wir dem Publikum ein vollkommenes Erlebnis vermitteln und nicht nur als ein paar Typen wahrgenommen werden, die auf der Bühne seltsame, aggressive und abstrakte Musik spielen.
? Ihr seid schon mit vielen verschiedenen Künstlern (zum Beispiel WOLVES IN THE THRONE ROOM, LOCRIAN, MAMIFFER, MENACE RUINE) aufgetreten. Gibt es Auftritte, die dir besonders im Gedächtnis hängen geblieben sind?
Die Show mit WOLVES IN THE THRONE ROOM war unglaublich. Wir spielten in einer Art Loft, der mit Zweigen und Blättern verziert war. Der Duft von Laub war den gesamten Abend da. Ich habe eine Woche danach immer noch Reste von Blättern und Zweigen in meinem Pedal Board gefunden. Das war wahrscheinlich eine der packendsten Shows, bei der ich in der letzten Zeit war. Da zusätzlich noch die lokale Band THANTIFAXATH auftrat, war das Line Up an diesem Abend sehr vielseitig und machte die Show einzigartig. Die Show mit MAMIFFER, LOCRIAN und HOUSE OF LOW CULTURE fand am selben Veranstaltungsort statt, die Atmosphäre war dabei jedoch intimer. Das Konzert fand während des NXNW hier in Toronto statt, dadurch war das Promoten des Abends ein Albtraum. Es war großartig mit all diesen Bands zu spielen, besonders HOUSE OF LOW CULTURE, die ich zum ersten Mal live gesehen habe. Aaron Turner ist ein sehr bescheidener und freundlicher Mensch. Tyler und Caleb (MARE), die gemeinsam mit MAMIFFER auftraten, sind Freunde von uns und es war toll, sie in der Band spielen zu sehen. Die Typen von LOCRIAN sind alle super und wahrscheinlich durch diesen Abend ist ihr Interesse geweckt worden, Material von GATES auf ihrem Label Land Of Decay zu veröffentlichen. Im Mai sind wir mit MERZBOW aufgetreten und das war eine wirklich umwerfende Erfahrung und gehört definitiv auf meine persönliche Performance-Favoritenliste. MERZBOW ist ein Ungetüm in Bezug auf seinen Einfluss und seinen Platz in der experimentellen Musik. Es war unbeschreiblich, den Abend mit ihm zu gestalten, besonders weil wir als einzige Band vor ihm auftraten. Der Veranstaltungsort war voll und der Soundtyp war klasse. MERZBOWs Auftritt war großartig und unsere Show empfand ich persönlich ebenfalls als sehr gelungen. Wir haben an diesem Abend eine Menge Alben verkauft und sind auch noch gut bezahlt worden. All diese Dinge fallen selten zusammen, aber genau diese Show hat mich in meinem Tun bestätigt, zumindest hat sie mir gezeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
? Wie sehen eure Zukunftspläne aus? Wird es auch Live-Auftritte in Deutschland geben?
Momentan versuchen wir eine Westküsten-Tour für Juni oder August gemeinsam mit SUTEKH HEXEN zusammenzustellen. Wir sind gerade noch in der Vorbereitungsphase, aber ich hoffe, dass das klappen wird. Ein weiteres Ziel ist eine Tour an der Ostküste, wobei wir gern in Städten, wie Chicago oder Detroit auftreten wollen, hoffentlich zusammen mit einer anderen Band an Bord. Wir würden zudem gern durch Europa touren, vielleicht Ende 2012 oder Anfang 2013. Wenn jemand uns dabei unterstützen mag, kann er uns gern kontaktieren.
? Lass uns noch mal einen Blick auf eure anstehenden Veröffentlichungen werfen. Es wird eine limitierte Kassette bei Land Of Decay sowie ein neues Album bei Handmade Birds erscheinen. Was kann der Hörer erwarten?
Die Veröffentlichung auf Land Of Decay hat vorläufig den Titel “Eintraum“ und setzt sich aus Material zusammen, an dem Pau Torres und ich letzten Sommer für eine Performance gearbeitet haben. GATES wurde ein Auftritt angeboten, aber nicht alle Mitglieder konnten diesen Termin wahrnehmen, deshalb beschlossen wir beide die Show als Duo unter dem Namen EIN TRAUM zu absolvieren. Ursprünglich war geplant, dieses Material als Nebenprojekt zu veröffentlichen, aber musikalisch passt es zu dem was GATES machen, deshalb ergab es am Ende mehr Sinn, es unter diesem Namen auch zu veröffentlichen, zumal Land of Decay es auf Kassette herausbringen wollten. Die Musik ist auf eine bestimmte Weise direkter, aber immer noch sehr abstrakt, zudem sehr noisey und strukturiert, sowie mit einer Menge Black Metal-Riffs versetzt. Bezüglich des Albums auf Handmade Birds habe ich große Ambitionen. Es befindet sich gerade noch in der Vorbereitungsphase, deshalb ist es an dieser Stelle noch zu früh etwas dazu zu sagen.
? Was bleibt noch zu sagen?
Vielen Dank für das Interview! Danke für das Lesen desselben und das Hören unserer Musik! Kontaktiert uns, wenn ihr uns beim Planen der Tour oder etwas anderem unterstützen wollt (urforms@gmail.com). Danke!
Fotos: K. Orzechowski
(D.L., S.L.)
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