MATT ELLIOTT – Interview

Gespräche mit Matt Elliott sind immer fruchtbar. Zum einen reflektiert er wie kaum ein anderer Künstler sein Wirken. Mit “The Broken Man“ steht im nächsten Jahr sein neues Album in den Regalen, das wie keines seiner Vorgänger vom freigelegten inneren Glutkern Elliotts zeugt. Der Engländer versteckt sich dabei nicht hinter der Schutzmauer des Immergleichen. “The Broken Man“ sperrt dem Hörer den Mund staunend auf. Elliott beweist einmal mehr, welch Händchen er für Melodien hat. Instrumentierung und Lyrics sind auf eine Art symbiotisch verwoben, so dass man konzedieren muss, dass so viel zu lange nichts mehr geklungen hat. Dies zum einen. Zum anderen findet sich im THE THIRD EYE FOUNDATION-Mastermind ein Gesprächspartner, der Gedanken formuliert, die weiter gehen, als die üblichen Ansagen in den Binnenraum einer Subkultur. Elliott ist ein ebenso begnadeter wie gnadenloser Schimpfer. Seine Worte sind gewählt, in einen dicken Batzen Ingrimm gepackt und in die Welt geschleudert. Auch hier unterscheidet er sich fundamental von den vielen lendenlahmen Zeitgenossen, von den Euphemismusschleudern und netzwerkelnden Quasseldrosseln. Elliott ist dabei politisch. So spitzt er zu, überzeichnet und – wie gesagt – schimpft er, jedoch ohne zu jammern und zu klagen. Zeit für ein Gespräch, vor allem vor der Kulisse einer Welt, der die Idee des Fortschritts abhanden gekommen ist und in der der Fortschritt dennoch weitergeht. Zu diesen  und anderen Fragen nun Matt Elliott höchstpersönlich…

? Seit unserem letzten Gespräch sind zwei Jahre vergangen. Uns würde zunächst einmal interessieren, wie sieht gegenwärtig dein musikalischer Alltag aus?

Nun, das hängt wirklich davon ab, was ich tue. Im Moment bin ich zum Beispiel im Urlaub. Laut Dr. Oliver Sacks steckt ein Künstler permanent in seinem Werk und das stimmt im Kern, weil die Inspiration einen zu jeder Zeit und an jedem Ort treffen kann.

? Dein neues Album “The Broken Man“ erscheint am 16. Januar. Was kannst du uns über die Entstehung des Albums berichten?

Die Songs entstanden in einer für mich emotional dunklen Zeit. Musik ist fast eine Art Therapie für mich. Sie zwingt mich zum einen, mich mit Dingen zu konfrontieren, andererseits ermöglicht sie mir auch, mich vor Dingen zu verstecken. Sie ist Teil einer Blase, in der ich lebe. Ich habe mittlerweile erkannt, dass wir alle in Blasen leben, die wir selbst konstruieren. Das Album ist in Yanns Studio aufgenommen worden, worüber ich sehr glücklich bin, weil Gwen, die Tontechnikerin, die Yann (Tiersen) ausgewählt hat, großartig ist. Früher habe ich immer alles allein aufgenommen, aber mir ist bald bewusst geworden, dass es zu Schwierigkeiten kommen kann, wenn man alles alleine macht. Mit dem Älterwerden wurde mir auch klar, dass es gut ist, sich auf andere Menschen einzulassen. Dadurch kann ich mich auf die Kompositionen fokussieren und muss nicht darüber nachdenken, wie ich zum Beispiel die Mikrophone anordne. Es ist auch gut am Ende noch mal eine andere Meinung zu hören. Ich habe der Tontechnikerin vollkommen vertraut, da ich bereits mit Gwen beim THIS IMMORTAL COIL-Projekt zusammen gearbeitet habe. Sie ist nicht nur eine großartigere Tontechnikerin, es ist mehr als nur ein Job für sie. Yann hat das Album abgemischt, dafür bin ich ihm für ewig dankbar. Er hat der Veröffentlichung eine eigene Note hinzugefügt. Es hat fast drei Jahre gedauert, das Album aufzunehmen und abzumischen.

? Gibt es Unterschiede bezüglich des Aufnahmeprozesses im Vergleich zu deinen anderen Alben?

Wie ich bereits gesagt habe, durch die Art und Weise wie es aufgenommen worden ist, hatte ich eine Menge Möglichkeiten, zwischen den Studio-Sessions Dinge zu überdenken. Aber vor allem hat es mir eine große Freude bereitet, das Album aufzunehmen.

? Welche Rolle spielt ein Begriff wie Routine in diesem Zusammenhang?

In meinem Leben gibt es so gut wie keine Routinen. Ich bin ständig unterwegs, obwohl ich mich oft nach etwas mehr Stabilität sehne. Was meine Aufnahmen angeht, versuche ich meine Herangehensweise an jedes Album zu ändern. Das zwingt mich immer wieder einen neuen Anfang zu finden und auf unterschiedliche Art und Weise zu arbeiten.

? “The Broken Man“ ist das erste Album nach deiner Trilogie “Songs“. Ist in “The Broken Man“ ebenfalls der Auftakt zu einer neuen Trilogie zu sehen?

Nun die Trilogie endete als Trilogie. “The Broken Man“ ist ein Album, das für sich selbst steht und nicht als Teil einer kommenden Trilogie fungieren wird (obwohl ich Trilogien mag).

? Dein neues Album wirkt sehr nachdenklich, oft melancholisch und traurig. Kannst du unseren Höreindruck nachvollziehen?

Ja, wie ich bereits erwähnte, entstand das Album während einer Phase in meinem Leben, die mich fast zerstört hat.

? Im Lauf deines Wirkens erscheinen uns die ästhetischen Aspekte (zum Beispiel bei der Covergestaltung) immer stärker ausgefeilt. Gibt es dabei Leitlinien, denen du dabei folgst?

Ich habe Regeln in meinem Kopf, die ich nicht genau benennen kann, weil ich sie nicht fixiert habe (auch wenn ich weiß, dass das keinen Sinn ergibt), aber ich habe einen Rahmen von Ideen aufgebaut, der vor allem sich darum dreht, welche Dinge ich nicht bei meinen Arbeiten verwenden werde.

? Was kannst du uns über das Artwork deines neuen Albums berichten?

Vania Zouravliov war die erste Person, an die ich gedacht habe. Ich vertraute ihm vollkommen beim Gestalten des Artworks. Er macht immer einen fantastischen Job und er ist meiner Meinung nach der größte lebende bildende Künstler. Ich fühle mich sehr geehrt mit ihm zu arbeiten. So lange er glücklich ist, mit mir zu arbeiten, werde ich weiterhin mit ihm kollaborieren. Ich denke, dass sich unsere Werke perfekt ergänzen.

? Warum hast du dich entschieden, einen Download für 2 Euro anzubieten, bevor das Album offiziell veröffentlicht wird? Wie bewertest du in diesem Zusammenhang den  aktuellen Stand  von Musik?

Nun die Musikindustrie hat Probleme, die meisten Plattenfirmen halten an einem Geschäftsmodell fest, das sich selber überholt hat. Ich habe bei den letzten Alben erkannt, dass man die Musik nicht kontrollieren kann und es unmöglich ist, zu bestimmen, wie Menschen heutzutage Musik konsumieren sollen. “The Broken Man“ ist das erste Album in 8 Jahren, bei dem wir gezwungen waren, das eigentliche Veröffentlichungsdatum einzuhalten. Die Gründe dafür liegen bei den Leuten der Musikindustrie, die Promos, nachdem sie sie erhalten, sofort ins Internet stellen. Dieses Verhalten schadet mir und dem Label. Ich bin ein Underground-Künstler und meine Plattenfirma ist ein kleines Independent-Label und wir benötigen die Gewinne aus dem Verkauf der Musik, um die Produktionskosten zu decken. Mir ist aber auch bewusst, dass mp3s viel zu teuer sind und es ist nicht gerechtfertigt, für ein mp3-Album genauso viel zu bezahlen wie für ein physisches Format. Ich wollte den Leuten die Möglichkeit geben, das Album in dem Format zu kaufen, wie es ihnen am besten gefällt und wie es ihr jeweiliges Budget zulässt, deshalb bestand ich darauf, dass der Download wenig kostet. Es ist ein Experiment und ironischerweise ist das Album nicht als freier Download nach einigen Tagen im Internet aufgetaucht. Irgendein Journalistenarschloch hat dann schließlich doch das Album hochgeladen, was mir wirklich zu denken gibt, welche Leute in der Musikindustrie arbeiten. Es ist ein Versuch, die Menschen von der Kultur des kostenlosen Herunterladens wegzubekommen und bisher ist es ein kleiner Sieg für uns.

? Welches Statement gibt der Musiker Matt Elliott mit dem Album “The Broken Man“ ab?

Das ist schwer zu sagen. Jedes Album ist eine Art Studium für mich. Ich bin ständig dabei Musik zu studieren und dieses Album ist das Ergebnis davon.

? Kann der Titel des Albums auch als eine Erklärung zur aktuellen (politischen) Situation verstanden werden oder besitzt es nur eine persönliche Ebene?

Dieses Album soll nichts Politisches ausdrücken, wobei die gegenwärtige politische Situation viele Menschen beschäftigt, aber es wird dadurch zu einigen spannenden Dingen kommen. Ich habe das Gefühl, dass es nächstes Jahr zu einigen interessanten Veränderungen kommen wird.

? Wie reagierst du auf die andauernden globalen Hysterien? Gibt es Fluchtpunkt, die du suchst – Nischen, in die du dich zurückziehst?

Häufig kann ich die Leute nicht verstehen, die normale Jobs haben, warum sie nicht spontan gegen die jetzige Situation angehen. Wenn ich jeden Tag in einer überfüllten Metro während des Berufsverkehrs sitzen müsste oder jeden Morgen für eine Stunde im Stau stünde, würde ich verrückt werden. Die Dinge werden immer härter für jeden einzelnen. Hier in Europa haben die Menschen zurzeit sehr unter den ganzen Kürzungen zu leiden. Die Bildung der Jugend versagt und keiner fragt, wohin das ganze Geld verschwindet. Wenn man bedenkt, wie viel Geld durch Steuern eingenommen wird, müssten wir massenhafte Ressourcen haben, aber das Gegenteil ist der Fall. Wir bezahlen mehr und mehr und erhalten immer weniger zurück. Dieser Umstand wird zweifelsohne zu einer Art von Revolution führen. So war es immer in der Vergangenheit. Anfänge sind bereits erkennbar. Der Unterschied zu früher sind die heutigen Kommunikations- und Organisationsmöglichkeiten. Ich bin mir sehr sicher, dass der Siedepunkt bald erreicht sein wird.

? Du hast schon an vielen Orten live gespielt. Stellst du Auswirkungen und Einflüsse, die der Besuch dieser Orte bei dir hinterlässt, selber fest?

Das ist fast unmöglich für mich zu beantworten. Manchmal gibt es Dinge, die einen starken Einfluss auf mich haben, ohne dass ich es sofort bemerke. So viele Dinge haben mich berührt und ich habe so viel Glück gehabt, so viele wundervolle Menschen getroffen zu haben. Aus jeder Begegnung habe ich etwas gelernt. Es ist schwierig so etwas genau zu quantifizieren.

? Was bedeutet dir ein Begriff wie Subkultur (heute)?

Subkultur oder Underground sind die Orte, wo alles passieren kann. Manchmal kommt es zu einem Durchbruch, der wiederum alles für immer verändert. Banksy ist ein gutes Beispiel aus dem nicht-musikalischen Bereich dafür. Der Underground ist der einzige Ort, an dem man Innovation finden kann, weil der überwiegende Teil der Leute dort durch Hingabe und dem Bedürfnis des Ausdrucks angetrieben wird. Oft sind die Leute gezwungen mit Limitierungen verschiedenster Art zu arbeiten, ein Umstand, der nicht selten zugleich ein kreativer Katalysator ist. Viele Bands, die großartige Musik machen, beginnen zu verkrampfen, nachdem sie bei einem Major unterschreiben und ihnen  versprochen wird, dass nun alles möglich ist sei. Bei Major Labels arbeiten nur Arschlöcher, die versuchen alles zu formalisieren und alles Besondere und Schöne sich einzuverleiben und es so zu zerstören. ZOLA JESUS ist ein gutes Beispiel dafür. Früher veröffentlichte sie dunkle, schöne und ehrliche Alben. Mittlerweile ist sie bei einem Major unter Vertrag und macht glorifizierten 80er Jahre Techno. Das ist tragisch und bitter.

? Du warst an dem Projekt THIS IMMORTAL COIL beteiligt. Dieses Projekt basiert auf zweierlei Gedanken. Zunächst sind dabei diverse Musiker des Labels Ici D`Ailleurs involviert, ähnlich wie es seinerzeit bei THIS MORTAL COIL auf 4AD war. Zudem wurden dabei von euch Stücke von COIL gecovert. Du hast u.a. deine Version von “Love `s Secret Domain“ beigesteuert. Was bedeuten dir COIL persönlich?

Ich liebe COIL, aber bin ich eher mit PSYCHIC TV und CURRENT 93 aufgewachsen. Diese Bands hatten eigentlich musikalisch einen größeren Einfluss auf mich als COIL. Seitdem ich jedoch an dem THIS IMMORTAL COIL-Projekt beteiligt war, habe ich die Musik von COIL wiederentdeckt und noch mehr schätzen gelernt. “Love`s  Secret Domain“ ist mein Lieblingsalbum von COIL und hat es mich sprichwörtlich umgehauen, als ich es das erste Mal hörte. Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht wirklich sicher, ob wir mit unserer Version den Song ausreichend gewürdigt haben.

? Wann ist für dich eine Coverversion gelungen?

Das ist verdammt selten der Fall. Ich spiele Coverversionen, weil es mir Spaß macht, aber normalerweise ist es schwierig einen Song zu verbessern, der bereits veröffentlicht worden ist. Ich denke, dass Johnny Cash`s Version von “Hurt“ da eine Ausnahme ist. Dieser Song ist ein Beispiel dafür, wie jemand aufgrund seiner Sensibilität und seiner Herangehensweise das Original “verbessern“ kann.

? Welche Facette Matt Elliott´s  kommt live am besten zur Geltung?

Viele meiner Songs eignen sich gut, um sie auf einer Bühne zu performen. Dennoch gibt es einzelne Songs, bei denen es fast unmöglich ist, sie live zu spielen, vor allem wenn ich allein auf der Bühne stehe (was ich am liebsten mache), aber dadurch fühle ich mich auch herausgefordert und gezwungen, die Songs zu überarbeiten, damit ich sie live umsetzen kann.

? Wird es Live-Auftritte nächstes Jahr von dir in Deutschland geben?

Ja, hoffentlich Anfang März.

? Unterhältst du dich dann gern mit dem Publikum nach den Shows?

Ich unterhalte mich immer sehr gern mit Leuten.

? Gegenwärtig flirren überall die Listen mit den Lieblingsalben des zu Ende gehenden Jahres umher. Hast du eine solche Liste und wenn ja, wie sieht diese aus?

Ich höre eigentlich nur DIRECTORSOUND. Um ehrlich zu sein, bevorzuge ich es mittlerweile eher zu Live-Konzerten zu gehen

? Welche Pläne stehen für 2012 an?

Touren, Touren, Touren und ich werde nächsten Monat damit beginnen, an einem neuen Matt Elliott-Album zu arbeiten.

? Was bleibt zu sagen?

Danke für euer Interesse. Momentan ist es fast unmöglich ein Leben durch Musik zu finanzieren, deshalb bin ich für jede Unterstützung dankbar.

Fotos: cetrobo.com

Danke an CVG für die Unterstützung!

(D.L., S.L.)

 

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