GILES COREY – Interview

Selten gestattet ein Schaffender dererlei Einsicht in sein Wirken und umhüllt diese gleichzeitig so gekonnt, wie Dan Barrett. Sein Soloprojekt GILES COREY überwältigt in jeder Hinsicht. Auf der inhaltlichen Ebene finden sich mit den Themen Suizid und Depression die beiden Hauptstränge des Albums. An diese knüpfen sich Nebenstränge, beschweren das ohnehin Niederdrückende, das sich irgendwo dort befindet, wo die Enden der Hauptstränge ins tiefste Schwarz verschwinden. Musikalisch liefert Barrett ein kaum beschreibbares Unikum ab, das sich von fast jeder Stilrichtung zu bedienen und nähren weiß – und doch dominiert das Folkige. Ob es nun der Soundtrack einer Rückkehr oder der des Ganges vor das finale Gericht ist, wird in diversen Publikationen heiß diskutiert. >Hermetiker< raunen die Einen, >Überwältiger< zischeln die Anderen. Ist Barrett am Ende ein Überschreiter, ein >Wiederbringer<? Auf jeden Fall berührt er, versetzt jene, die seine Arbeiten rezipieren, in Aufruhr. Die für dieses Interview verantwortlichen Redakteure hat indes am stärksten bewegt, dass dies Barrett`sche Album ein klare Beleg dafür ist, dass es immer noch Ungehörtes und Neues zu entdecken gibt. Vielerlei Fragen stellen sich und daher soll jener, an den sich die Songs “heranschleichen“, es nun am besten selbst erklären. Auftritt Dan Barrett!

? Kannst du uns zunächst einen Überblick über dein musikalisches Wirken geben?

Ich war noch nie wirklich interessiert daran, Musik von anderen Leuten zu spielen. Daher begann ich sehr früh damit, mittels all jener Instrumente, derer ich habhaft werden konnte, zu musizieren. So nutzte ich u.a. auch einen Rekorder, den ich erhielt, als ich in der 5. Klasse war. Während ich die “Middle School“ besuchte, spielte ich in verschiedenen Bands und es gab eigentlich nur wenige Monate, in denen ich seitdem in keiner Band Mitglied war. Als sich die eher traditionelle Tourneeband, in der ich war, auflöste, suchte ich nach einem Projekt, welches die daraus entstandene Lücke füllen sollte. Ich konnte aber keines finden, da sehr viele Freunde mittlerweile weggezogen waren. Deshalb begann ich damit, zu Hause aufzunehmen.

? Warum hast du dein Projekt GILES COREY ins Leben gerufen und welche Gründe stehen hinter der Namenswahl?

Der Name kam vor der Band. Ich dachte, dass er sehr bewegend und sinnträchtig klingen würde. Außerdem wollte ich für mein “Soloprojekt“ einen Namen, der nicht mit meinem richtigen Namen übereinstimmt. Ich habe das Projekt gegründet, weil ich einige Songs auf der Akustikgitarre geschrieben hatte, die zu keinen meiner existierenden Projekte passte.

? Vor einiger Zeit ist dein Album erschienen. Was kannst du uns über den Entstehungsprozess berichten?

Es hat eine lange Zeit gedauert. Ich hatte fast 3-4 Jahre vor der Veröffentlichung damit begonnen, Songs zu schreiben. Auf halben Weg veränderte sich die Zielrichtung des Projekts und ich begann damit Erlebnisse aus meinem wahren Leben in meinen Songs zu verarbeiten. An diesem Punkt gewann das Projekt eine Eigendynamik, die ich vorher so nicht erwartet hatte. Ich denke, dass so etwas auf alle Projekte zutrifft, die sich gut entwickeln.

? James Plotkin hat das Album gemastert. Wie bist du mit ihm in Kontakt gekommen?

Er wurde mir von Aaron Turner (Hydra Head) empfohlen. Ich bin ein Fan von KHANATE, deshalb habe ich mich sehr gefreut, dass er mit mir zusammen gearbeitet hat.

? Deinem Album liegt ein Band bei, der Lyriks, Fotos und andere Texte beinhaltet. Was kannst du uns über das Buch berichten?

Das Buch ist eine Erweiterung und Entwicklung der Themen des Albums. Es erzählt viel über dessen Hintergrundgeschichte und über die Menschen, welche in ihr vorkommen. Es sollte das Hörerlebnis vielschichtig machen. Das Hören des Albums ohne die Geschichte zu lesen, ist ein Erlebnis, aber die tiefere Bedeutung und Metaphorik erschließt sich einem erst nach der Lektüre.

? Welche Rolle spielt das Album für dich persönlich? Es hat ja sehr lange gedauert, bis es schließlich abgeschlossen war?

Es zu schreiben und zu veröffentlichen, hatte eine sehr kathartische Funktion für mich. Immer noch ist es schmerzhaft für mich, aber ich muss das hinter mich lassen, um einen objektiven Blick zu erhalten, wenn ich mir das Album anhöre. Bei den meisten Alben, an denen ich beteiligt war, gelange ich zu einem Punkt, an dem mir die Musik nicht mehr gefällt. Ich höre nur die Fehler und sehe die Sachen, die ich verändern würde. Trotzdem bin ich sehr stolz auf dieses Album. Auch wenn es ein schwieriger Prozess war.

? Dein Album ist voller dunkler Ideen. Auf uns wirkt es wie ein Buch, dessen Seiten von Depression schwarz eingefärbt sind. Kannst du dich in diesem Eindruck wieder finden?

Ja. Ich denke, dass es vielschichtig ist – aber es geht nicht nur um Depression oder Suizid. Es sind die beiden Hauptstränge, die Ideen, welche alle anderen Teile miteinander verbinden. Ich hoffe, dass ich den Leuten zeigen konnte, dass es mehr als nur eine Interpretation dieser Ideen gibt.

? Wie kann man sich deinen Arbeitsprozess vorstellen?

Ich neige dazu viele kleine Stücke eine ganze Weile zu sammeln. Ich speichere sie dann auf meinem Notebook oder auf meinem Computer oder schreibe sie auf Papier. Nach einer gewissen Zeit werden diese Anfangsideen kohärenter und verbinden sich miteinander, wodurch wieder etwas Neues entsteht. Ich arbeite sehr langsam und auch nicht durchgängig. Vielleicht sollte ich das besser machen. Für gewöhnlich gibt es Phasen, in denen ich sehr produktiv bin und viele Dinge fertig stelle. Dann wiederum gibt es Phasen über Monate hinweg, in denen nicht viel passiert und wenn überhaupt, ich nur einige Kleinigkeiten an den Stücken verändere.

? Wir haben gelesen, dass du dir beim Schreiben eine Plastiktüte über den Kopf ziehst, die du – von wenigen Löchern abgesehen, komplett verdichtest. Kannst du die Beweggründe dafür nennen, die dich dazu veranlassen?

Das war nur einmal der Fall. Diese Art von Haube nennt sich Voor`s Head Device. Ich wollte das einfach mal ausprobieren. Es war eine erschreckende Erfahrung, deshalb kann ich nur jedem davon abraten.

? Erfährst du etwas über dein Inneres, wenn du schreibst?

Auf jeden Fall, aber vor allem schlechte Dinge. Während des Spielens benutze ich immer eine ähnliche Methode. Ich muss versuchen aus diesem Schema auszubrechen, um meinen Stil erweitern zu können. Jede Art von Kunst ist gut, um zu lernen, wie man am besten arbeiten kann – zu wissen, wie man tickt.

? Dein Album ist sehr emotional und berührend. Wirst du von deinen Ergebnissen auch manchmal überwältigt?

Eigentlich fast immer. Die Songs schleichen sich an mich heran. Gerade die  Stücke, von denen ich denke, dass sie großartig sind, fallen in der Regel am Ende durch. Andere hingegen, die ich zunächst verworfen habe, entwickeln sich auf einmal zu etwas Besonderem. Das ist dann immer sehr aufregend und löst mitunter Schwindelgefühle bei mir aus. Eigentlich ist es unbeschreiblich.

? Ist Schmerz eine Quelle, aus der du Inspiration ziehst?

Ja. Wenn ich mich gut fühle, habe ich nicht das Bedürfnis Musik zu schreiben, sondern immer nur dann, wenn ich mich schlecht fühle.

? Welche Rolle spielen Fragen der Erinnerung und Rückblende für dich als Künstler?

Ich versuche nicht zu viel zurückzuschauen, ich versuche Musik über meine aktuelle Situation zu schreiben. Ich höre mir häufig bereits veröffentlichte Sachen an und überdenke die alten Songs. Was ich daraus gelernt habe, versuche ich in meinem gegenwärtigen Schreibprozess zu transformieren. Das ändert sich vielleicht, wenn ich älter werde,  aber das ist es, was mich zurzeit antreibt.

? Bei dem Begriff Authentizität zucken viele zusammen. Wie füllst du diesen Begriff mit Inhalt und welche Rolle spielt er für dich?

Ich denke, dass Authentizität aufregende Dinge auf eine ehrliche Art und Weise kombiniert. Das was ich mache, ist nichts Besonderes. Andere Leute haben dies schon ähnlich getan. Ich nehme einfach die Elemente von dort und die Einflüsse von hier und versuche wahrhaftig in dem zu sein, was ich mag und was mich bewegt. Wie gesagt, es ist nicht vollkommen originell, aber es einzigartig genug, um aufrichtig zu sein.

? Du sprachst vorhin den Begriff Katharsis an. Welche Rolle spielt das Kathartische in deinen Arbeiten?

Das ist das, nach dem ich suche. Das ist das, was ich möchte. Katharsis ist Entlastung und darum mag ich Musik und das Schreiben von Musik.

? Wenn wir diversen Darstellungen, die dich porträtieren, folgen, geht es dir in deinem Projekt GILES COREY darum, zu erforschen, was das Leben lebenswert macht. Stimmt das und wenn ja, was macht das Leben in deinen Augen lebenswert?

Was das Leben lebenswert macht, ist die Tatsache, dass es nichts anderes gibt. Das Leben ist alles, was man hat. Es muss nicht perfekt sein, aber es muss erfüllend sein. Wenn man für etwas anderes lebt, belügt man sich selbst und verschwendet so das eigene Leben.

? Welche Möglichkeiten bietet dir die Musik solcherlei Fragestellungen nachzuspüren?

Musik kann dir etwas über eine andere Person berichten, sie kann dir einen Einblick in seine Realität geben. Es ist eine Möglichkeit, von jemandem etwas zu erfahren. Man erhält eine Ahnung davon,  wie es sich anfühlt, so zu sein, wie sein Gegenüber.

? Ist Robert Voor  auch als eine Art lyrisches Ich von Dan Barrett zu sehen?

Ich bin durch Voor beeinflusst. Es sind sicherlich gegenseitige Echos vorhanden.

? Glaubst du, dass das vollständige Werk eines Künstlers, nur vom Künstler letztendlich selbst verstanden werden kann?

Wahrscheinlich. Ich höre nie die Musik, die andere Leute hören, wenn sie meine Songs hören. Für mich haben diese Songs eine bestimmte Bedeutung. Niemand anderes kann diese Bedeutung heraushören. Hoffentlich ist meine Musik etwas für andere Leute. Für mich klingt sie unvollkommen.

? Du hast ein eigenes Label namens Enemies List Home Recordings. Was bewegt dich, ein eigenes Label zu betreiben?

Enemies List wurde gegründet, um Musik zu veröffentlichen, die Zuhause aufgenommen worden ist. Es ist ein kleines Label, das immer nur geringe Auflagen herausbringt, damit die Kosten niedrig gehalten werden und die Gewinnmargen übersichtlich bleiben. Niedrige Kosten führen dazu, dass wir mehrere nicht profitable Alben veröffentlichen können, ohne dabei in irgendwelche Engpässe zu geraten. Das ist eine stabilere Grundlage als dies bei Labels der Fall ist, die nach dem Prinzip “veröffentliche viel, damit der Gewinn groß ist“ arbeiten. Unsere Tonträger besitzen zwar eher einen lo-fi-Charakter und sind häufig durch Metal beeinflusst, dennoch agiert das Label in keinem festen Genre. Wir veröffentlichen Musik, die uns gefällt und die uns wichtig und originell erscheint. Unsere Releases und Künstler werden aufgrund der Ästhetik und der Produktionsmethoden zusammengehalten und nicht aufgrund einer bestimmte Szene.

? Manche Künstler/ Labelbetreiber befürchten, dass es in Zukunft nur noch Downloads und keine richtigen Alben mehr geben wird. Wie sieht deiner Meinung nach die Zukunft aus?

Früher habe ich das gedacht, aber mittlerweile nicht mehr. Der Markt für “richtige Tonträger“ wird noch kleiner werden als das jetzt schon der Fall ist und Downloads werden in Zukunft einen noch größeren Raum einnehmen als bisher, aber im Allgemeinen glaube ich, dass der physische Tonträger nicht ganz verschwinden wird. Leute mögen physische Tonträger aus Gründen, die weit über “das ist ein Gegenstand mit Musik drauf“ hinausgehen. Es gibt immer noch einen Sammlerinstinkt und es hat etwas Ursprüngliches, etwas Physisches besitzen zu wollen. Ich glaube nicht, dass es ein Format sein wird, das eine Bedeutung für große Labels haben wird, aber für Labels unserer Größe werden physische Formate auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen.

? Welche Musik schätzt und hört Dan Barrett privat?

Mein Musikgeschmack verändert sich ständig. Im Grunde höre ich nicht viel Musik – eigentlich nur, wenn ich arbeite. Ich höre mittelalterliche Chormusik, wenn ich schreibe, weil ich Musik mit unverständlichem Gesang benötige, um mich konzentrieren zu können. Die Musik  versetzt mich in einen bestimmten Zustand, durch den ich die Worte zusammenfügen kann. Wenn ich Musik beiläufig höre, greife ich auf meine alten Favoriten zurück – THE SMITHS, SISTERS OF MERCY, JOY DIVISION – Songs, die ich in- und auswendig kenne. Ich höre manchmal auch neue Veröffentlichungen, aber zwischen den Sachen, die ich für das Label geschickt bekomme, dem Schreiben von eigenen Songs und dem Hören von NPR bleibt nur wenig Zeit, deshalb hat sich mein Musikkonsum signifikant heruntergeschraubt.

? An welchen Projekten arbeitest du im nächsten Jahr?

Im kommenden Jahr wird es etwas Neues von HAVE A NICE LIFE geben und von THE AMERICAN BLACK CHAMBER, dabei handelt es sich um eine Art minimalistisches Chor-Projekt. Außerdem arbeite ich an einem Projekt namens NAHVALR.

? Wann werden wir dich in Europa erleben können?

Ich bin bis jetzt noch nie in Europa aufgetreten, aber ich würde das gern machen. Wir bräuchten jemand, der uns den Flug bezahlt. Holt uns nach Europa!

? Dan, was bleibt nun noch zu sagen?

Wenn jemand Interesse hat, ich bin sehr aktiv bei Twitter und suche immer nach neuen Leuten, mit denen ich interagieren kann (@enemieslist). Danke!

Danke an CVG für die Unterstützung!

(D.L., S.L.)

 

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