PARADISE LOST – Draconian Times MMXI (CD/ DVD)

Was ist der Verlust des Paradieses, wenn nicht das Ende der Kindheit? Miltons gleichnamiges, im 17. Jh. n. Chr. entstandenes Epos schildert in Blankvers die Verbannung des Engels Luzifer aus dem Himmel, seinen Fall in die Hölle, die Erschaffung des Paradieses und die Vertreibung des in Versuchung geführten ersten Menschenpaares aus dem Garten Eden. Der Sündenfall wird von Milton interpretiert als Verlust jeder Selbstverständlichkeit und Unbeschwertheit Adams und Evas im Umgang miteinander und mit der sie umgebenden Welt: Geboren sind der Geschlechterantagonismus und die Notwendigkeit, durch harte Arbeit den Lebensunterhalt zu sichern. Man wird schließlich erwachsen.

Als im Jahr 1995 das Album „Draconian Times“ der britischen Metal-Band PARADISE LOST erschien, wusste ich zwar so gut wie nichts über mittelalterliche Versepen und englische Dichter; vom bevorstehenden Verlust der Kindheit ließ sich dafür umso mehr erahnen. Draconian Times, harte Zeiten, schienen in der Tat anzustehen, denn das Ende der Schulzeit war bis dahin für mich und die meisten meiner Freunde nur eine sich Jahr für Jahr verschiebende Hypothese gewesen. Nun rückte die Vertreibung aus dem Paradies, als das uns die eigentlich verhasste Lehranstalt plötzlich erscheinen wollte, in unmittelbare Nähe, und mit ihr die Frage, wie das Leben im unbestimmten Danach in Angriff zu nehmen wäre.

Klare Ziele, Vorstellungen und Pläne hatten wir erst mal nicht. Dem Vorbild der noch von den Fünfzigern geprägten Eltern mit ihrer Wohlstandsmentalität wollte man nicht nacheifern, doch auch die Konsumverweigerungshaltung des Grunge war mittlerweile nur ein weiteres Produkt geworden, das in Form von Holzfällerhemden und ausgewaschenen Hosen bei C&A käuflich zu erwerben war. Wohin also mit den letzten Ausläufern einer Teenage Angst, die uns vorgaukelten, was die Zukunft bereithalte, sei zwar unklar, auf jeden Fall aber schlechter als all das, was wir hinter uns zurückließen?

Wie vermutlich jede Generation vor uns traten wir aus der Luftblase der Adoleszenz und fühlten uns betrogen, unvorbereitet auf die Anforderungen und Aufgaben, die uns erwarteten. Ohne es zu wissen, jammerten wir auf dem höchstmöglichen Niveau. Der Soundtrack, der uns beim ziellosen Umherfahren mit unseren ersten, von den Eltern geborgten Golfs und Polos begleitete, bestand aus einer kruden Mischung aus SMASHING PUMPKINS, MASSIVE ATTACK und ein paar „klassischen“ Rock-Alben der Sechziger, doch zur obligatorischen Zukunftsangst und Weltuntergangsstimmung angesichts der aktuellen Umbruchphase in unserem Leben wollte all das nicht so recht passen.

Ich erinnere mich noch an das handbeschriftete Tape, das mir eines Tages ein Freund in die Hand drückte, der (im Gegensatz zu mir) ausschließlich Heavy Metal hörte. Die krakelige Handschrift, die auf dem Label die Worte PARADISE LOST vermerkte, konnte ich fast nicht entziffern. Angesichts des Albumtitels „Draconian Times“ schwante mir aber im wahrsten Sinne des Wortes Böses: Wenn mich nicht atonales, satansanbetendes Gekreische erwartete, dann mindestens teutonische Lieder über schwerterschwingende Fantasy-Helden etwa, die ihren Sieg über Orcs und böse Zauberer besingen und am Ende die errettete Jungfrau erobern. Kurz, ich erwartete all das, was mir bestimmte Spielarten des Heavy Metal immer als traurige Form von Weltflucht hatte erscheinen lassen, bei der picklige Jungs sich mit aufgepumpten Muckibudenbesuchern identifizieren durften. Auch eine Form der Angstbewältigung, sicher aber nicht meine.

Auf einer längeren Autofahrt legte ich das PL-Tape dennoch ein und war natürlich überrascht: Statt eines martialischen Intros ein äußerst melancholisches Klaviermotiv, das sofort mit meiner eigenen altersbedingten Beklommenheit in Dialog trat. Genau wie die bald darauf einsetzenden Gitarren, die ein langsames, wie zähe Lava aus den Boxen quellendes Riff spielten, zu dem ein Männerchor ein abgründig tiefes „Ooohhh….“ anstimmte. Die Wucht dieses fast sakralen, düsteren Sounds zog mich sofort in ihren Bannkreis, und passenderweise trug das Stück, wie ich später herausfand, den Titel „Enchantment“. Nun standen die Türen des Metal auch mir offen! Denn der Sänger, der sich da melodisch und druckvoll zugleich die Schatten von der Seele sang, sah mit seiner blonden Lockenmähne, den leicht eingefallenen Wangen und dem kleinen Kruzifix um den Hals gar nicht nach Steroiden und Nautilus-Maschine, sondern wie ein nihilistischer Jesusverschnitt aus. Mit seinem verzweifelten Pathos und dem ab und an aufblitzenden englischen Zynismus, der zu erkennen gab, dass er all die Verzweiflung seiner Texte selbst nicht ganz ernst nehmen konnte, erreichte er jenen obskuren Ort in mir, der schon die ganze Zeit nach einem Gleichgesinnten und Verbündeten gesucht zu haben schien.

Die semantisch vage gehaltene, aber opulente und düstere Bildsprache der Lyrics kartographierte bis ins Detail jene Weltuntergangsstimmung der letzten Teenagerjahre, die einen glauben macht, es gäbe kein Leben, nachdem man einmal zwanzig ist: „Opaque the dissident establishment that we all suffer / Refill the porous shell with words that mean so many things / Words mean so many things“, heißt es im letzten Stück des Albums, „Jaded“, oder, in „Elusive Cure“: „Take a pact, hide the fuel that´s gathered here / Pale in view a fool resigns and taken over / Skin your pride, it´s stripped and taken from you / Buried deep are the souls that are waiting for you and only you / You may attempt to proceed / The sharpest point is aimed at you / Where the pain strikes is clear“. Für mich kam da statt der im Metal verbreiteten teufelsanbetenden Bosheit einfach ein allumfassendes Unbehagen an der prinzipiellen Korrumpierbarkeit und Verletzlichkeit der menschlichen Existenz zum Ausdruck, sowie eine Verzweiflung über das, was man so die transzendentale Unbehaustheit der modernen menschlichen Existenz nennen könnte, wenn Nick Holmes es nicht in besagte anschauliche Bilder verpacken würde, die derlei trockenes Theoretisieren überflüssig machen.

An die erhabene Klasse des 1995er Albums konnten PARADISE LOST wohl nie wieder heranreichen: Es folgte eine lahme poprockige Phase, in der sie vermutlich etliche Fans verloren. Der „Draconian Times“-Nachfolger „One Second“ geriet zur milden Enttäuschung, denn ob poppig oder nicht (das ist doch im Grunde egal), die Songs waren größtenteils zu simpel gestrickt, um noch derart zu fesseln, wie es „Enchantment“ oder „Forever Failure“ vermochten.

All das scheinen 2011 auch PARADISE LOST selbst bemerkt zu haben. Schon das letzte Album „Faith Divides Us, Death Unites Us“ zog sowohl hinsichtlich der Covergestaltung als auch der Songstrukturen wieder Register, die auf die erfolgreiche Phase Mitte der Neunziger verwiesen. Jetzt geht man aufs Ganze und nimmt im Rahmen eines Konzerts anlässlich des Geburtstages von „Draconian Times“ das von den Fans heiß geliebte alte Album noch einmal komplett als Liveversion auf. Das Ergebnis: Die vorliegende CD bzw. DVD. In der Reihenfolge des Original-Albums werden alle Songs von „Draconian Times“ gespielt, wie wir sie kennen und lieben, die DVD enthält noch die Zugaben „Faith Divides Us, Death Unites Us“, „Say Just Words“, „One Second“, „As I Die“, „True Belief“ und „Rise Of Denial“ sowie ein etwas aussagearmes Bandinterview, dafür aber sehr sympathische Gespräche mit den treuesten Fans.

Was lässt sich daran anderes beobachten als der verzweifelte Ausverkauf einer in die Jahre gekommenen Metalband? An erster Stelle die umfassende Professionalisierung der beteiligten Musiker, allen voran des Sängers Nick Holmes. Als Frontmann ohne Instrument hat er eine enorme Entwicklung hinter sich: Anfang der Neunziger fiel es ihm hörbar schwer, vom reinen Death Metal-Gebrüll der ersten Bandjahre zu halbwegs melodischerem Stimmeinsatz zu wechseln, beim Livegesang schien er oftmals an seine Grenzen zu stoßen und traf die Tonlage nicht, verschiedentlich blieb ihm gar die Stimme weg. Ganz anders 2011: Aus dem im Grunde unsicheren Frontmann ist ein stimmgewaltiger, versierter Sänger geworden, der mühelos zwischen Shouting und ruhigeren Gesangspassagen wechselt, in die sich sogar der Ansatz eines Tremolo schleicht. Die Art seines Auftretens als abgründiger Entertainer erinnert mehr an Nick Cave als an den Headbanger´s Ball. Doch auch die übrigen Musiker haben im Lauf der Jahre eine Routine erworben, die den Auftritten der Band im vergangenen Jahrtausend noch fehlte. Angesichts des Rückblicks auf die 1995 vollbrachte Großtat präsentiert man das Material mit angemessenem Stolz und Selbstsicherheit. Kein Wunder bei all der nostalgischen Euphorie, mit der das Fanpublikum im Londoner Forum es den „alten Helden“ dankt – schwenkt die Kamera einmal ins Publikum, sind nur strahlende und die Texte mitschmetternde Gesichter zu sehen.

So werden die Live-Version der neuen alten Platte PARADISE LOSTs und die dazugehörige Konzert-DVD zu einer freudigen Wiederbegegnung mit alten Freunden: Trotz aller Düsternis und Schwarzmalerei der „Draconian Times“-Phase geht es PARADISE LOST sichtlich gut beim Abfeiern des bejahrten Albums. Mittelschwere Bedenken angesichts eines solchen Material-Recyclings und des perfiden Spiels mit der konsumbereit stimmenden Nostalgie der Fans sind deshalb zwar nicht gänzlich vom Tisch, aufgrund der Qualität des neuen „Produkts“ aber wahlweise zu vernachlässigen. Die Zukunftsangst, die 1995 auf „Draconian Times“ verewigt wurde, wird hier von der eigenen Zukunft eingeholt, und die erweist sich schließlich als besser, als man damals dachte.

(M.Reitzenstein)

Format: CD/ DVD
Vertrieb: CENTURY MEDIA
 

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