Seit 2005 schickt Denovali Records seine Veröffentlichungen in die Welt und bringt so den Alltag ihrer Hörer zum Schwingen. Mittlerweile hat sich das Label dergestalt entwickelt, das es in puncto musikalische Bandbreite, Artwork und Liebe zum Detail Maßstäbe setzt. Konsequent ignoriert es dabei die Begrenzungen, die seitens der Genrefetischisten an alle Labels herangetragen werden. Allein die sonore Qualität der auf dem Label veröffentlichten Bands und Künstler dient als Leitfaden. Das ganzheitliche Konzept zieht so immer mehr Hörer unterschiedlicher musikalischer Interessen an. Betrieben wird Denovali von Timo Alterauge und Thomas Hack. Daneben taucht der Name Denovali auch im Zusammenhang des gleichnamigen Swingfests auf, welches von Timo Alterauge und Thomas Hack veranstaltet wird. Betrachtet man allein das Line Up des diesjährigen Festivals spielten dort u.a. neben Thomas Köner, BOHREN & DER CLUB OF GORE, KODIAK, N, NADJA, Tim Hecker auch SUNN O))) auf. Derweil sind Label und Swingfest Garanten dafür, die Hörer ihrer Veröffentlichungen und die Besucher des Festivals musikalisch zu beschenken und gleichzeitig ein ums andere Mal zu überraschen. Darüber und über all jene anhängenden Fragen gab Timo Alterauge im folgenden Interview bereitwillig Auskunft.
? Alle jene, die sich in subkulturellen Zusammenhängen bewegen, wirken entlang des alten Musters der Selbstausbeutung. Man steckt Zeit, Liebe und Geld in das, was man tut, immer mit der Gewissheit, dass man einen bestimmten Hörer- oder Leserkreis hat, der sich ebenfalls entlang dieser Muster bewegt. Vordergründig ist es meist eine Frage, ob die eigene Leidenschaft zum Schwingen gebracht wird. Findet ihr euch in dieser Beschreibung wieder und wenn ja, wie wirkt sich das subkulturelle Muster konkret auf eure Arbeiten als Denovali Records aus?
Erstmal vielen Dank für das ausführliche Interview. Na ja, ehrlicherweise denken wir gar nicht in den Mustern “Mainstream“ vs. “Subkultur“. Wir möchten uns mit dem was wir realisieren auch nicht zwanghaft von anderen Herangehensweisen abgrenzen – noch möchten wir etwas mit bestimmten Szenen zu tun haben. Primär haben wir großes Interesse an Kunst und versuchen – gemäß unserer Möglichkeiten – Menschen zu unterstützen, die wir für talentiert halten. Entscheidend für den Fortgang von Denovali ist also eigentlich nur was uns zwei Labelbetreiber bewegt und antreibt. Die Erwartungen des Hörers sind uns erstmal vollkommen egal. Das heißt nicht, dass wir der großen Anzahl an konstanten Unterstützern nicht dankbar wären – aber unser Ziel wird es nie sein mit dem was wir machen bestimmten Gruppen zu gefallen oder ausgewählte Leute zu erreichen. Gejammer über zu wenig Anerkennung für dieses oder jenes Album oder jenen bestimmten Film ist mir sowieso zuwider – genauso wie ich das Abgrenzen von Anderen über den Musik-, Literatur- oder Filmgeschmack schwach finde – aber so tickt die Generation Facebook heute vielleicht.
? Jedes Label, jede Band kann retrospektivisch auf diverse Impulse zurückblicken, die ausschlaggebend dafür waren, dass man heute tut, was man tut. Welche Impulse haben euch angetrieben? Wo wurzelt eure Liebe zur Musik?
Interesse an Musik hatten wir beide schon immer. Ich denke im Laufe der Jahre (auch schon vor Betrieb des Labels) ist einfach das Bewusstsein für Qualität gestiegen. Mit 15, 16 hätten wir wohl beide die Musik von Birds of Passage oder Mount Fuji Doomjazz Corporation nicht verstanden bzw. war unsere Herangehensweise an Musik damals sicherlich eine andere. Ich denke entscheidende Impulse haben im Laufe des Lebens bestimmte Künstler gegeben, die man entdeckt oder getroffen hat.
? Euer Label bildet eine große musikalische Bandbreite ab. Verrät dieser Umstand auch etwas über eure Hörgewohnheiten?
Definitiv. Wie sollte es auch anders sein. Wir mögen bestimmte Jazzkünstler genauso wie Drone oder eine gewisse Ausprägung von Elektroniksounds. Wir halten Genres an sich und eine eingeschränkte Veröffentlichungslinie gemäß bestimmter Genrenormen für Nonsens.
? Könnt ihr euch noch an den Moment erinnern, als ihr den Tonträger der ersten Denovali-Veröffentlichung in den Händen hieltet? Welche Gedanken/ Gefühle bewegten euch dabei?
Bei der ersten 7’’ haben wir die Cover noch selbst geklebt. Wir waren glaube ich am ehesten froh, dass die Platten endlich fertig waren.
? Gibt es eine Veröffentlichung auf ihr im Nachhinein besonders stolz seid?
Da gibt’s eigentlich keine bestimmte, die wir herausstellen möchten. Generell ist es für uns eine große Sache mit Künstlern wie dem Kilimanjaro Darkjazz Ensemble oder Dale Cooper Quartet zusammenarbeiten zu können – das hätten wir beim Start des Labels nicht erwartet.
? Was hat sich für euch über die Jahre in Bezug auf euer Wirken bei Denovali geändert?
Da die Menge an Veröffentlichungen pro Monat rasch angestiegen ist, nimmt das Label wesentlich mehr Zeit in Anspruch als früher. Es ist aufgrund der Releasedichte und gestiegenen Bekanntheit mancher Künstler auch mehr Geld im Spiel bzw. eher im Umlauf (weil die Kosten ebenfalls rasant angestiegen sind) – das bemerkt man in der alltäglichen Arbeit aber dann doch weniger als zuerst gedacht. Generell ist es hin und wieder einfach zu viel Stress und die Leidenschaft schwindet etwas, weil zu sehr andere Dinge als die Musik im Vordergrund stehen – dessen muss man sich dann dringend bewusst werden und eine Auszeit einlegen.
? Ob nun die jüngsten Besprechungen zu BLUENECK, OMEGA MASSIF oder zu KODIAK/ N – euren Veröffentlichungen wird mit viel Wertschätzung begegnet. Was bedeutet euch diese Wertschätzung persönlich?
Ehrlicherweise ist das für uns nicht wirklich von Bedeutung. Eigentlich sollte die Wertschätzung ja den Bands/ Künstlern gelten. Wir wählen einfach nur bestimmte Künstler aus und unterstützen sie mit dem Siegel Denovali. Wenn manche das dann als Gütesiegel ansehen, ist das natürlich eine nette Angelegenheit – pragmatisch gesehen ist uns hinsichtlich dessen aber eher wichtig, dass die Leute welche vielleicht nur ein, zwei oder drei Denovali-Bands kennen sich hoffentlich auch mit anderen Künstlern des Labels auseinandersetzen. Darüber hinaus freut es uns natürlich, dass sich viele Fans für die Sache begeistern können – Kritiken der Presse nehmen wir eigentlich kaum wahr und ernst.
? Seid ihr an Rückmeldungen seitens eurer Hörer interessiert?
Ich persönlich halte es generell für schwierig über Musik zu reden bzw. mache ich das ungern – vielleicht auch weil wir den ganzen Tag damit zu tun haben. Da widme ich mich in der freien Zeit vielleicht lieber anderen Gesprächsthemen. Generell freuen wir uns – wie gesagt – natürlich sehr, wenn Menschen die Sache Denovali etwas bedeutet. Ich bin ansonsten aber eher Fan des stillschweigenden Musikhörers, der sein Interesse durch die Anwesenheit auf Konzerten oder seine Unterstützung durch Plattenkäufe bekundet. Fankult entspricht nicht so ganz unseren eher zurückhaltenden Persönlichkeiten.
? Gerade in subkulturellen Zusammenhängen spielt Vinyl seit einigen Jahren wieder eine größere Rolle. Was bedeutet euch die gute, alte Vinylplatte?
Vinyl ist unter ästhetischen Gesichtspunkten schon das beste Format – vor allem auch aufgrund der Größe und Haptik. Der Prozess des Auflegens und Wendens der Platte zeugt ebenfalls eher von Wertschätzung gegenüber der Musik als das bloße An- und Weiterklicken in Mp3-Listen.
? Wie stellt sich der Kontakt zwischen euch und neuen Bands her? Gibt es da feste Abläufe? Welche Rolle spielt Freundschaft in diesem Zusammenhang – und was füllt den Freundschaftsbegriff in eurem Verständnis mit Leben?
Das sind meistens eher zufällige Abläufe. Wir finden etwas via Reviews, durch Empfehlungen, Blogs etc. oder ein Mitglied einer bestehenden Denovali-Band gründet ein neues Projekt – wir hören rein – finden es vielleicht gut – kontaktieren den Künstler, um ein wenig über die Musik an sich zu reden. Dann folgt eine etwas längere Phase des gegenseitigen Kennenlernens und wenn man eine gleiche Basis findet, veröffentlicht man Platten zusammen. Uns ist die persönliche Ebene definitiv wichtig. Im Laufe der Zeit werden die meisten Künstler des Labels eigentlich auch zu guten Bekannten oder sogar Freunden. Von großer Bedeutung ist in dem Kontext eigentlich ein gewisser Grad an gegenseitiger Loyalität.
? Ihr – so scheint es für uns – nehmt euch sehr viel Zeit, um die auf eurem Label vertretenen Künstler zu unterstützen. Wir haben gelesen, dass ihr euch auch um das Artwork kümmert. Legt man die Cover eurer Veröffentlichungen nebeneinander, hat man das Gefühl, dass diverse kleine Mosaike ein großes Ganzes ergeben. Welche Rolle spielt die Covergestaltung in der Denovali-Philosophie?
Ja, das stimmt – die Artworks und die Verpackung sind sehr wichtige Elemente. Bezüglich dessen gehen wir auch keinerlei Kompromisse mehr ein – mittlerweile wird so lange diskutiert bis etwas entsteht das allen Beteiligten gefällt. Ein manchmal nerviger – aber auch spannender Prozess. Gewisse Dinge aus der Anfangszeit des Labels würden wir sicherlich mittlerweile anders machen bzw. den Künstlern heute sagen, dass wir ein anderes Artwork suchen müssen, das allen Parteien zusagt. Für uns steht die Coverkunst auf gleicher Ebene mit dem musikalischen Output.
? Der Name Denovali gibt einen Fingerzeig in Richtung des Georg Friedrich Freiherrn von Hardenberg, besser bekannt als Novalis. De Novali war ja einst der Beiname der Familie, aus grauer Vorzeit stammend. De Novali könnte man mit jenen, die “Neuland roden“ übersetzen. Findet ihr in dieser Übersetzung ein Leitmotiv für eure Arbeit, wenn ihr die Welt nach Ungehörtem abgrast?
Da hat aber jemand sehr gut recherchiert. Bislang hat das glaube ich keiner so wirklich entdeckt. Zur Bedeutung des Namens in unserem Kontext sagen wir aber dennoch nicht mehr. Man muss ja nicht alles ausplaudern.
? Novalis ist ja neben den Schlegel-Brüdern einer der wichtigsten Köpfe der Frühromantik. Ein Kerngedanke war für sie, dass sie “auf einer Mission“ seien. Nun ist Mission natürlich ein unglaublich wirkmächtiges Wort. Würdet ihr dennoch zwischen diesem Gedanken und euren Arbeiten eine Parallele sehen, eventuell ähnlich dem Neurot Recordings-Gedanken “spirit of sound“?
Wir sind auf keiner Mission und wir schreiben uns auch nichts auf unsere Fahnen. Es gibt natürlich zu viele Umstände und Gegebenheiten auf der Welt, die uns genauso wenig gefallen wie anderen – aber deswegen statten wir das Label nicht mit irgendwelchen pseudoideellen plakativen Parolen aus. Wenn die Musik, die wir veröffentlichen (trotz ihrer depressiveren negativen Ausprägung) manchen Leuten hin und wieder gewisse Minuten oder Stunden von Freude/ Flucht ermöglicht, ist das doch schon mal ein ganz guter Anfang oder vielleicht mehr als andere in ihrem Leben je erreichen werden. Ich habe nichts dagegen, wenn Menschen im persönlichen Umfeld Gutes und Allgemeinwohlförderndes realisieren oder sich gar auf sinnvolle Art und Weise politisch engagieren – wenn mir allerdings jemand unter dem musikalischen Deckmäntelchen erzählen möchte, dass beispielsweise die DIY-Attitüde ein wichtiges Element zu einer besseren Welt ist oder mit sonstigen pseudogesellschaftskritischen Ansätzen um sich wirft, dann das doch eher ohne uns. Wir bieten lieber den Soundtrack zum Untergang – die schleimig kritische Weltverbessermusik gibt’s woanders.
? Wir haben gelesen, dass ihr auch das Booking für eure Künstler übernehmt. Uns würde zunächst interessieren, welche Faszination Konzerte auf euch als Hörer ausüben?
Früher waren wir beide eigentlich sehr viel unterwegs – heute ist das eher seltener geworden. Zum einen vielleicht aus Zeitgründen – zum größeren Teil aber sicherlich, weil die Geschichten, die uns interessieren kaum stattfinden oder wir sie wenn selbst organisieren müssen. Die Leute von thepostrock.de machen in Bochum unregelmäßig Drone- und Ambientkonzerte. Da gehe ich noch recht gerne hin. Es ist familiär, äußerst entspannt und entspannend.
? Könnt ihr, wenn ihr zum Beispiel bei Konzerten eurer Künstler dabei seid, die Live-Atmosphäre ähnlich genießen, wie bei Konzerten von Bands, die ihr nicht veröffentlicht? Oder anders gefragt – lässt der Organisationsaufwand bei Konzerten eurer Künstler zu, dass ihr vom Drumherum loslassen könnt, um euch nur im Augenblick des Live-Spiels aufzuhalten?
Wir veranstalten mittlerweile nur noch unser Festival – alle anderen Konzertaktivitäten haben wir eingestellt. Beim Swingfest fehlt uns leider sehr oft die Zeit, die einzelnen Konzerte aufmerksam zu verfolgen. Das ist in der Tat wirklich schade – aber einer muss den Mist ja organisieren und koordinieren. Manchmal wäre man sicherlich lieber einfach nur der Besucher.
? Gibt es Konzerte, die ihr im Laufe eures Hörer und Labeldasein besucht habt, die immer noch nachhallen, eventuell dem nahe kommen, was man als “perfekten Abend“ bezeichnen könnte?
Da gibt’s sicherlich mehrere. So ein, zwei Konzerte von Bohren und der Club of Gore (u.a. das beim diesjährigen Swingfest). Petrels war dieses Jahr beim Festival auch extrem gut. Ansonsten eher die kleinen unscheinbaren als die großen mit Getöse.
? Seht ihr in Live-Konzerten auch einen Raum, der echtes Erleben in der digitalen Gesellschaft ermöglicht? Können Konzerte, auch so verstanden, Rückzugsorte sein?
Konzerte sind für viele sicherlich eine gute Flucht aus dem Alltag – aber da bedarf es keiner schicken Ambientveranstaltungen im Kunstkontext – das sind sie auch für Fans von Marianne und Michael oder Hansi Hinterseer. Viel erstrebenswerter wäre es vielleicht ja eher sich den Dauerrückzugsort zu schaffen.
? Das Denovali Swingfest 2011 versammelt über drei Tage eine große Zahl an Ausnahmenbands. Uns würde interessieren, ob ihr in den Tagen davor Zeit findet, um rückschauend selbst sogar ein bisschen zu staunen, welche Entwicklung Denovalis (als Label und Veranstalter) sich in diesem Fest niederschlägt?
Verrückt ist es. Wir hätten vor 3, 4 Jahren ja auch nicht damit gerechnet, dass 600 Leute pro Tag aus aller Welt anreisen, um sich den sperrigen Quatsch anzugucken, den Thomas und ich da zusammenstellen. Wir sind immer sehr erstaunt und halten das an den 3 Tagen selbst nicht für real. Auch wenn wir nicht immer alle Künstler intensiv verfolgen können, gehört das 1. Oktoberwochenende schon immer zu den besten Tagen des Jahres. Vor allen Dingen freut es uns, dass das Publikum mit so viel Begeisterung dabei ist und wirklich intensives Interesse an der Musik selbst zeigt.
? Welcher organisatorische Aufwand steckt hinter einem solchen Festival?
Damit sind wir das ganze Jahr beschäftigt – in den Monaten vorher mal mehr und mal weniger. 5, 6 Tage rund um das Festival bedeuten zumeist maximal 3, 4 Stunden Schlaf pro Nacht.
? Gibt es eurerseits schon eine Vorfreude auf dieses letzte Wochenende auf das erste Wochenende im Oktober?
Ja, wir freuen uns jetzt schon wieder sehr – gerade weil die Abläufe mittlerweile besser eingespielt sind und man mehr Zeit hat an der ganzen Sache Spaß zu entwickeln. Auch die Tatsache dass es wirklich nur das eine Wochenende im Jahr ist, macht es schon zu etwas Besonderem.
? Welche Veröffentlichungen auf Denovali blickt ihr noch in diesem Jahr entgegen?
Im Dezember erscheint das neue 2. Soloalbum von Birds of Passage samt Single – gerade heute haben wir den ersten Song online gestellt. Zudem steht das neue 3. Album von Les Fragments De La Nuit in den Startlöchern und im Januar kommt das erste Album unseres neuen Labellieblings Petrels heraus. Nochmals vielen Dank für die Fragestunde.
(D.L., S.L.)
Bandfotos: BIRDS OF PASSAGE, THE KILIMANJARO DARKJAZZ ENSEMBLE, BLUENECK, AUN, HEIRS, CELESTE
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