OMEGA MASSIF – Interview

Wenn von “DER“ Subkultur gesprochen wird, ist etwas Gesprächsgegenstand, was es so natürlich nicht gibt. Subkulturen differenzieren sich gegenwärtig in einem Maße aus, dass man genau in dieser Aufsplittung – Spötter sprechen von Zersplitterung – so etwas wie eine Tendenz entnehmen kann. Eine Tendenz vom Großen ins Kleine. Vom Allgemeinen ins Genaue. Vom Universelleren zum Spezielleren. Einerseits. Andererseits ist dabei jedoch erstaunlich, dass auch die Berührungspunkte zwischen diesen Klein- und Kleinstkulturen wachsen. Noch erstaunlicher ist allerdings, wenn ein Album erscheint, das eine Reaktion aus all diesen (ob nun parallel oder wurzelstockartig) Klein- und Kleinstkulturen zur Folge hat und so dann doch ein gemeinsamer Nenner gefunden wird. Wenn also ein Album solch unterschiedliche Interessen und mannigfaltige Geschmäcker erreicht, kommt ihm die Aura des Besonderen zu. Besonders kann an dieser Stelle nicht Konsens meinen. Besonders zielt hier auf den eigentlichen Wortsinn, nämlich auf das Herausheben aus dem Veröffentlichungsstrom der Mitmusizierenden. Mit “Karpatia“ ist OMEGA MASSIF ein solches Album gelungen. Wenn ein Rezensent einem Album eine “spezielle Mischung aus Brachialität, Präzision und Lässigkeit“ zuschreibt, dann ist mehr als nur angedeutet, dass sich jemand, hier konkret OMEGA MASSIF, an den großen Wurf getraut hat. Zeit also das Quartett aus Würzburg zum Gespräch zu bitten, wobei Michael Melchers (Gitarre) stellvertretend für die anderen Bandmitglieder antwortete. Nun also Vorhang auf für jene, die “das Riff ehren“…

? Ihr habt vor kurzem auf dem Denovali Swingfest gespielt. Welche Eindrücke habt ihr dort gewonnen?

Das diesjährige Denovali Swingfest war das insgesamt dritte in Folge für uns. Wie  die Jahre zuvor zeichnete sich das Festival auch in diesem Jahr durch ein enorm interessiertes Publikum und ein spannendes Line-up aus. Das Swingfest war und ist jedes Mal eine tolle Erfahrung.

? Geht ihr an solch ein Festival nur als Musiker heran – oder gab es auch Bands/ Projekte, auf die ihr euch als Musikhörer gefreut habt?

Generell ist es natürlich eine feine Sache, wenn man nicht nur selbst spielt, sondern auch als Fan vor anderen Bands stehen kann. Das diesjährige Festival hatte wieder einige Highlights, z.B. BOHREN UND DER CLUB OF GORE.

? Euer aktuelles Album “Karpatia“ ist in aller Munde. Könnt ihr die Eindrücke beschreiben, als euer Album “im Kasten war“? Welche Empfindungen überkamen euch in diesem Augenblick?

Eine gewisse Erleichterung und Glückseligkeit machte sich auf alle Fälle breit, das Ding endlich auf Festplatte gebannt zu haben. Da die Aufnahmen durchaus zeitintensiv und anstrengend waren, brauchten wir alle erst mal ein wenig Abstand zu “Karpatia“.

? Wie beurteilt ihr die Resonanz auf “Karpatia“?

Bisher gab es eigentlich nur gute bis sehr gute Resonanzen zur Platte. Das freut uns natürlich.

? Lest ihr Kritiken? Gibt es Formen oder Inhalte von Besprechungen eurer Arbeiten, denen ihr ablehnend gegenübersteht?

Generell finde ich es schon spannend, wie Dritte unser Werk beurteilen. Und dass positive Kritiken schmeicheln, möchte ich gar nicht erst bestreiten. Was allerdings hier und da einen faden Beigeschmack hinterlässt, sind beispielsweise Lobpreisungen in großen Metal-Magazinen, wenn man bedenkt, dass ein Review nur stattfindet, wenn zuvor das Label ein gewisses Kontingent an Anzeigen schaltet. Ziemlich bigotte Geschichte.

? Habt ihr – während des Kompositionsprozesses – einen bestimmten Sound im Ohr? Gibt es einen Punkt, auf den ihr “hinkomponiert“?

Eigentlich nicht. Das neue Album ist etwas metal-lastiger geworden, ohne dass das beabsichtigt war. Insgesamt ist unser Sound episch und monolithisch angesiedelt, auch wenn wir auf “Karpatia“ mit “Wölfe“ unseren schnellsten und kürzesten Song bisher veröffentlicht haben. Vieles “passiert“ einfach – ein durchaus positiver Aspekt würde ich sagen.

? Welche Facetten muss in euren Augen (und Ohren) ein neues OMEGA MASSIF-Album abbilden?

Ein OMEGA MASSIF-Album sollte schlichtweg unterhalten und das Riff ehren. Es sollte kein Instrumentalalbum sein, bei dem man das Gefühl hat, man habe schlichtweg den Gesang vergessen mit drauf zu packen. Wir versuchen Stimmungen zu vertonen, die wir zur besseren Zugänglichkeit mit möglichst prägnanten Bildern versehen. Im besten Fall beginnt das Kopfkino mit der Betätigung der “play“-Taste.

? Ist Inspiration maßgeblich für euer künstlerisches Wirken – und wenn ja, gibt es Muster, mit denen ihr die Muse lockt?

Eine direkte Initialzündung braucht es in der Regel nicht. Meist entstehen erst durch das Jammen im Proberaum bestimmte Emotionen und Stimmungen, an denen wir dann festhalten und versuchen diese weiter auszuformulieren.

? Gab es während des Kompositionsprozesses Momente, in denen ihr von einem Ergebnis überwältigt worden seid?

Überwältigt ist vielleicht zuviel gesagt. Aber die Intensität, die der Song “Karpatia“ erreicht hat, obwohl er eigentlich nur als kurzes Zwischenstück geplant war, da es lediglich eine Interpretation des letzten Riffs von “Aura“ ist – das hat uns doch ziemlich verblüfft, muss ich sagen.

? Wenn ihr dem Publikum das erste Mal live neue Stücke präsentiert, gibt es da eurerseits ein anderes Maß an Aufregung oder Erwartungen im Vergleich mit der Präsentation älterer Stücke?

Neue Stücke sind immer etwas Besonderes. Meist fehlt noch Spielroutine und gepaart mit einer gewissen Portion Aufregung während der Liveshow sind neue Stücke im Set eigentlich immer mit Nervenkitzel verbunden. Hinzukommt die innere Anspannung, ob Songs, die auf Platte oder im Proberaum funktionieren, auch beim Publikum ankommen.

? Spielen gewisse Routinen für euch als Band eine wichtige Rolle? Einige Künstler berichten zum Beispiel immer wieder von ihrem “inneren Autopiloten“, der vor allem bei Live-Auftritten anspringt.

Routine kann das Leben deutlich erleichtern. Wir wissen nach etlichen Konzerten, wie wir unser Equipment für das beste Ergebnis aufbauen und einstellen müssen, wer am Merchstand wann steht, etc. pp. Das klingt vielleicht etwas pedantisch, vermeidet aber Stress und erhöht den Spaßfaktor.

? Welchen Zusammenhang gibt es für euch zwischen einem Auftrittsort und einem gelungenen Konzert?

Die Organisation und das “Außenrum“ haben meines Erachtens viel damit zu tun, ob ein Konzert gelingt oder eher eine miese Vorstellung wird. Kleine Clubs können genauso viel, oder sogar mehr Spaß machen als große Bühnen, wenn das gewisse Herzblut stimmt. Wenn ich gestresst auf die Bühne gehe, weil es hier und da hakt, macht der Auftritt schon im Vorfeld wenig Laune. Das wirkt sich natürlich auf die Show aus.

? Ihr habt u.a. auf dem Roadburn-Festival gespielt. Manche Musiker empfinden einen Auftritt dort als “Ritterschlag“. Wie habt ihr euren Auftritt dort empfunden?

In erster Linie war ich ziemlich verblüfft als eines Tages Walther vom Roadburn bei mir anrief und fragte, ob OMEGA MASSIF auf dem 2009er spielen wollen. Das Roadburn ist mit Sicherheit eines der interessantesten Festivals Europas in Sachen Doom, Stoner und Metal. Dass wir Tür an Tür mit Scott Kelly spielen durften, war ein tolles Erlebnis und hat uns im Endeffekt den Auftritt auf dem Hellfest ermöglicht, da uns deren Booker dort gesehen und für gut befunden hatte.

? Das Leben vieler Menschen scheint immer stärker im virtuellen Raum stattzufinden. Wie steht ihr dieser Entwicklung gegenüber? Glaubt ihr, dass Live-Konzerte dazu eine Art Gegenimpuls sind? Schließlich spielen dort Atmosphäre und Unmittelbarkeit eine Rolle, die sich virtuell nicht reproduzieren lässt.

Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Youtube-Video jemals die Eindrücke und die Atmosphäre, die man in einer Livesituation erlebt, widergeben kann. Während der gläserne Mensch seine täglichen Banalitäten bei Facebook breittritt, gibt es meines Erachtens immer mehr Menschen, die sich etwas mehr “Wertigkeit“ erwarten – und sei es nur Musik, statt unpersönlicher Mp3s, wieder auf Vinyl konsumieren zu können. Und solange diese nicht aussterben, glaube ich auch an das Bestehen der “Rockshow“.

? Könnt ihr bestimmte Veröffentlichungen benennen, die basal für eure musikalische Sozialisation waren?

Hier kann ich nur für mich persönlich sprechen – wichtige Scheiben für mich waren und sind: die erste WEEZER-Platte, NIRVANA “Nevermind“, BREACH “Venom“, NEUROSIS  “Times of Grace“ WOLVES IN THE THRONE ROOM “Two Hunters“.

? Musik scheint gesamtgesellschaftlich ja leider immer stärker auf eine Unterhaltungsform reduziert zu werden, die die Zeit im öffentlichen Nahverkehr, beim Einkaufen oder beim Warten in irgendeiner Schlange überbrücken soll. Wie steht ihr dieser Entwicklung gegenüber – welche Gegenstrategien erscheinen euch plausibel?

Solange die Fernsehsender und Radiostationen austauschbare Retortenacts rauf- und runterdudeln und dem Zuschauer suggeriert wird, ein Superstar zeichne sich durch die Tatsache aus, dass Dieter Bohlen ihm eine Plastikschmonzette auf den Leib zusammenschustert, dann darf diese Unterhaltungssparte gerne über die Klippe springen. Ich denke, Dinge die Herzblut enthalten, werden immer Bestand haben, daher mach ich mir um die Gefilde, in denen wir uns bewegen wenig Sorgen. Natürlich werden wir nie Mainstream werden, aber das war auch nie unsere Ambition.

? In diesem Zusammenhang ist auch die Forderung der Piratenpartei nach dem kompletten Aushöhlen des Urheberrechts zu sehen. Glaubt ihr, dass Menschen, die musikbegeistert sind, sich allen Ernstes für diesen Gedanken erwärmen können?

Für mich wäre diese Schwächung des Urheberrechts ein absolut diametrales Signal – es suggeriert doch, dass es dieser Kunstform an der Wertigkeit mangelt und eine kompositorische Leistung keine eigentliche Leistung darstellt. Dass sich das durchsetzt kann ich mir nicht vorstellen.

? Was sagt es – eurer Ansicht nach – über die Tendenzen in einer Gesellschaft aus, die sich dergestalt zu geistigem Eigentum positioniert?

Heutzutage profiliert man sich durch den Job, die Automarke, das Urlaubsdominizil und die Anzahl der Facebookfreunde. Wen interessiert da noch das geistige Eigentum? Wen soll ich damit beeindrucken?

? Gibt es außermusikalische Impulse und Eindrücke, die wesentlich für OMEGA MASSIF sind, und wenn ja, welche sind das?

Da wir alle familiär und beruflich stark eingebunden sind, sind es vor allem die tagtäglichen Eindrücke und Emotionen, die sich irgendwo in unserem musikalischen Schaffen widerspiegeln.

? Man kann beim Hören eurer Arbeiten den Eindruck gewinnen, dass ihr euch während des Spielens komplett in euch selbst versenkt. Ist “Ich-Versunkenheit“ etwas, von dem ihr sagen würdet, dass es maßgeblich für OMEGA MASSIF ist?

Vor allem live finde ich es sehr reizvoll, sich einfach nur von der musikalischen Woge mittreiben zu lassen. Ich denke nicht, dass dieses Versinken ein integraler Bestandteil von OMEGA MASSIF sein muss, aber die Musik lädt natürlich dazu ein beziehungsweise ist dafür konzipiert.

? In welchem Kontext seht ihr OMEGA MASSIF – und welche Rolle spielen dabei Begriffe wie Sub- oder Gegenkultur?

In der Subkultur fühlen wir uns heimisch und dort wird uns unser Sound auch halten. Um ein Teil der Gegenkultur zu sein, fehlt uns meines Erachtens die Message und das Konzept dahinter – aber darum ging es bei OMEGA MASSIF nie.

? Gibt es bestimmte Kontexte, in denen ihr gern/ weniger gern rezipiert werdet?

Ein bisschen sonderbar finde ich die Intention, uns und sämtliche Bands, die vielleicht ebenfalls instrumental zu Werke gehen oder einen ähnlichen Sound fabrizieren, in die gleiche Schublade mit einem großen “post“ vorne dran zu werfen. Ansonsten wäre mir bisher noch nicht aufgefallen, dass man uns in eine Ecke stellt, in der wir unserer Meinung nach nichts zu suchen haben.

? Wie wichtig ist der Begriff Freundschaft für das bandinterne Gefüge?

Freundschaft ist natürlich immer eine feine Sache aber Reibungen und Spannungen führen vielleicht manchmal zum musikalisch besseren Ergebnis.

? Das Jahr 2011 neigt sich langsam dem Ende zu. Wenn ihr heute bereits ein Fazit zu diesem Jahr ziehen müsstet, wie würde dies aussehen?

Nach vier Jahren endlich ein neues full length und dann noch gute Rezensionen – was will man mehr?

? Was bleibt zu sagen?

Vielen Dank für das Interview!

(D.L., S.L.)

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