DAVID V. D’ANDREA – Interview

Ein Antwortender, der nicht vorgibt, dass er über letztgültige Antworten verfügt, ist ein Geschenk für Interviewer. Wenn die Antworten dann gleich präzisierenden Fragen in Bezug auf die Ausgangsfrage sind, setzt der magische Moment des gemeinsamen Tastens für die Interviewer und den Befragten ein. Dort, wo in die Verirrung des Einzelnen Erinnerungsbruchstücke anheimgegeben werden, entsteht etwas, was den Alltag mit einem zarten Zauber überzieht.  Der Künstler David V. D’Andrea ist ein Meister seines Fachs, das Magische findet in seinen Arbeiten Widerhall. Die erdigen Töne seiner Illustrationen bilden in ihren subtilen Farbverschiebungen einen eigenständigen ästhetischen Ansatz ab. D’Andrea scheut sich dabei nicht, die Wertigkeiten des Gedankens des Künstlers als Handwerker zu betonen. Seine Werke sind durchzogen von vielerlei Symboliken. Die mitschwingende Verrätselung lässt den Betrachter staunen. Der Amerikaner ist vor allem als Gestalter diverser Cover und Konzertplakate in der Subkultur unterwegs, besonders sein Wirken für OM hat ihm Anerkennung eingetragen. Seine schimmernden und von Nachdenklichkeit geprägten Sprachbilder illustrierten eindrucksvoll unsere Stichworte. Wie eingangs angedeutet, tragen seine präzisierenden Ausführungen nicht den Charakter der Letztgültigkeit, sondern schwenken den Scheinwerfer der Frage auf bisher nicht ausgeleuchtete Ecken. Ein Illustrator also, der auch mit Worten malen kann…

? Kannst du dich noch an deine erste Begegnung mit darstellender Kunst erinnern?

Die Plattensammlung meines Vaters war für mich eine wichtige Entdeckung zu Beginn meiner Entwicklung. Ich war fasziniert von Klaus Voormans Zeichnungen für BEATLES` “Revolver“ und von Martin Sharpes psychedelischen Collagen für CREAMs “Disraeli Gears“. Das Artwork war sehr interaktiv und dadurch verstärkte sich meine Erfahrung noch mehr. Ich erinnere mich daran, dass ich eine Verbindung zwischen dem Albumartwork und der Musik herstellen konnte.

? Würdest du prinzipiell sagen, dass in solcherlei Begegnungen eine Art Initiationsmoment schlummert?

Ja, es gibt frühe Erfahrungen, die entscheidend für den Weg im Leben sind. Ich begann meine eigene Musik und Bildsprache in der Kultur zu entdecken. Bereits in relativ jungen Jahren war ich vernarrt in Punk Rock, Skateboarding und Underground-Veröffentlichungen. Ich veröffentlichte Cover für Zeitschriften und Demo-Kassetten. Mir wurde schnell bewusst, dass meine Position im Underground, die des bildenden Künstlers war. Ich experimentierte mit Fotokopierer und anderen einfachen Reproduktionsmethoden. Wenn ich jeden Tag nach der Schule nach Hause kam, war mein Briefkasten voll mit Zeitschriften. Dies gab mir eine grundlegende Vorstellung über den Rest der Welt jenseits meiner bedrückenden Heimatstadt.

? Welche Empfindungen überkamen dich nach der Fertigstellung deiner ersten Arbeit?

Die erste Arbeit, bei der ich mit meiner Leistung sehr zufrieden war, war eine große Tuschezeichnung von William S. Burroughs. Das war während meiner ersten Jahre an der High School (mit ca. 14-15 Jahren). Danke an meinen Kunstlehrer, der mich immer sehr unterstützt hat. Ich erhielt ein Gefühl der Zufriedenheit, was dazu führte, dass ich mich einem neuen Projekt widmen wollte. Ich denke, dass das auch zeigt, dass man sehr viel durch Illustrationen lernen kann und weniger aus bildender Kunst, da ich William S. Burroughs gezeichnet habe und eben nicht eine Schale mit Obst. Natürlich war niemand außer mir wirklich mit dem Motiv meiner Zeichnung vertraut. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt gerade ein REsearch-Publikation erworben, die Interviews mit Brion Gysin, Genesis P`Orridge und Burroughs enthielt. Das hat mein Leben für immer verändert.

? Kannst du für uns kurz deinen Arbeitsprozess umreißen? Welche Rolle spielen für dich Farbkombinationen? Gibt es für dich dabei feste Zusammenhänge?

Meine aktuellen Arbeiten sind Siebdrucke. Das beeinflusst den Prozess am meinem Zeichentisch, da der starke Kontrast von schwarzer Tinte auf weißen Papier einen Siebdruck erleichtert. Beim Siebdruck erfolgt die Auswahl der Farben erst später im Prozess. Die Verbindung ist recht starr, aber fast unendlich in ihren Möglichkeiten. Ich tendiere eher zu zurückhaltenden und weniger intensiven Farben. Ich mag erdige Töne und subtile Farbverschiebungen, dadurch kommt meine Arbeit besser zur Geltung. Zu kräftige Farben können ein Bild  überladen.

? Muss ein Künstler in deinen Augen auch immer ein guter Handwerker sein und was bedeutet der Begriff “Handwerk“ für dich?

Ja, “Handwerk“ ist sehr wichtig für mich. Viele meiner Vorfahren waren Klempner, Gärtner, Waldarbeiter, Büchsenmacher – ich bin stolz dieses Erbe auch in meine Arbeit mit einfließen zu lassen. Mein Ansatz ist vor allem der eines Handwerkers und weniger der eines bildenden Künstlers. In Wahrheit denke ich, dass ich mich auf der Grenze zwischen zwei Welten bewege, was einige sehr interessante Herausforderungen und kreative Lösungen mit sich bringt. Zum Beispiel trage ich viele meiner Tuschezeichnungen auf vorbehandelte Holztafeln auf. Diese werden dann gescannt und der Rest des Arbeitsprozesses findet am Computer statt. Die Platten sind Kern des Projektes, aber nicht unbedingt repräsentativ für das Endprodukt. Während Ausstellungen lege ich häufig die Tafeln neben die fertigen Drucke. Dadurch erhält man einen Einblick in meinen Arbeitsprozess. Viele Sammler interessieren sich sehr dafür und kaufen die Holztafeln.

? Würdest sagen, dass die 60er Jahre und die Ära der  psychedelischen Posterkunst einen wichtigen Einfluss auf dich als Künstler hatten?

Die Poster- und Comicszene in den 60er Jahren war fantastisch. Wann immer ich kann, lese ich Bücher und sammle Ephemera aus dieser Zeit. Es war ein Höhepunkt der amerikanischen Graphic Arts, egal ob der Mainstream der Kritiker dem nun zustimmt oder nicht. Ich fühle eine direkte Verbindung zu den Posterkünstlern der 60er Jahre, besonders seit ich einen großen Teil meines Lebens im Epizentrum der Szene, in der San Francisco Bay Area,  verbracht habe. Letztes Jahr habe ich eine Ausstellung von Alan Forbes, Stacy Willoughby und mir mit dem Titel “Archaic Revival“ kuratiert. Um das Konzept der Ausstellung zu erläutern, hatte ich folgenden Text geschrieben: Our parents saw Blue Cheer sit at the top of the charts. They bought psychedelic posters from head shops on every corner of the city. They pinned the vibrating posters to their walls, a manifestation of the last weekend’s show and a testament to the era, a time when art intertwined with music, when visionaries made posters for the people. The artistic energy field of the 1960s has again manifested to show its melting cyclopean face. Archaic Revival is a coming together of three contemporary west coast artists; Alan Forbes, Stacie Willoughby, and David D’Andrea. The convergence point is San Francisco, where it all started. Psychedelic poster art is the cataloging of nature and experience. It’s intensely personal and simultaneously universal. It’s a trip beyond the veil reported via pen and ink, a journey taken by both musician, artist, and viewer. Posters describe the experience that is shared by those who long for a knowledge that is beyond language. In today’s high gloss culture, the silver current runs underground. In the epicenter of the Bay Area, Monolith Press churns out flawless editions for artists from all over the globe, (((Folkyeah!))) organizes cosmic happenings amongst the giant redwoods, and Secret Serpents publishes mind blowing art for happenings up and down the coast. The unspoken word travels the world via bands and happenings. Boundaries dissolve. Alan Forbes inks from beyond the void. His non-linear lines start in the 60s poster jungle and end in the realm of Forbes, to live and describe the twisted beauty of his internal eye. His work for contemporary bands gives them a psychic weight that connects with the viewer like none other. A virtual lifetime of work for the Black Crowes has developed an aesthetic that’s populated by anthropomorphized crows, esoteric meaning, and a mushroom under every stone. His inked pages are each a masterpiece of their own. Image, type, and page are one in the same, informing the viewer that this field of hallucinogenic pathways and foreboding cosmic entities is all around you. Stacie Willoughby’s dreamy victorian scenes, of washed out colors and soft swirling winds, channel the hazy sun and redwood mountains of the south bay. Her work recalls the illustrations of Dulac, Clarke, and the eerie Nouveau of the 60s posters. Her regularly published posters for (((Folkyeah!))) embody the magic of those happenings in the forests of Santa Cruz and beyond. Stacie’s posters mark the congruence in time and energy when big bands like Arcade Fire or underground gems like Cluster, decide to play an impossibly intimate show at the Henry Miller Library or California’s most magical and haunting venue, the Brookdale Lodge. David D’Andrea melds the draftsmanship of turn of the century illustrators, the hallucinatory vibe of the 60s masters, and an organic pen and ink style that is unmistakably his own. His illustrations seethe with sinuous, accomplished line work and intentional rough edges. He draws from a variety of eclectic influences which show in the work: archaic lettering, obsessively detailed renderings of animals, and elements from numerous religions and cultures. His passion for the music/artist collaboration runs deep. It may be personified best by his ongoing series with the band OM, which shows the spiritual connection between an illustrator and the music as a circle of inspiration that spins infinitely, the Ouroboros. Shows spanning from Los Angeles to Portland have been blessed by the posters of Forbes, Willoughby and D’Andrea. The bands have come from all over the world and California’s own back yard. Sweden’s Witchcraft, The Arcade Fire, The Black Crowes, and the re-unification of the Bay Area’s own Sleep are all channeled visually through the artists’ pen. A selection of posters from west coast shows will make up the main body of work. Some original drawings and inks will be hung to show the poster’s raw form. Howlin Rain is a band that embodies West Coast Psychedelic Rock in 2010. They’re a band that embraces the  meeting of sound and image, the true spirit of the 1960s aesthetic. On the brink of an European tour and the release of a screen printed Forbes/ D’Andrea collaborative album cover, the band is going to grace us with a special acoustic set. I’m beyond pleased to say that the walls of Space Gallery will be reverberating with the sounds of Howlin Rain! The work of the Archaic Revival is crafted by hand. From genesis to the venue wall, the posters are a visage of craft amongst a world littered with mass produced dreck. Our posters aren’t for the museum wall and a dusty forgotten relevance. Each one  contains a nugget of our experience, that which the mainstream’s vision of reality simply cannot grasp. The Archaic Revival is the sustained feedback of a vintage guitar amplifier, the grooves of a vinyl LP, the twists and turns of Highway 1.

-David V. D’Andrea

Portland, November 2010

Thanks to the eternal spirit of Terrence McKenna, the 1960s masters, and the bands of the past and present!

Trotz der Tatsache, dass ich Einflüsse aus den 60er Jahren in meine Arbeiten einfließen lasse, versuche ich bewusst, dass meine Arbeiten sich von einem typischen “psychedelic“ Poster unterscheiden. Gleichermaßen beziehe ich mich auch auf die Pushpin Group, symbolistische Maler, naturkundliche Illustrationen, Reklame der Jahrhundertwende und Jugendstil.

? Du hast für eine Vielzahl von Bands (ASUNDER, AMBER ASYLUM, AGALLOCH, GRAILS, GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR, GRAILS, HIGH ON FIRE, SLEEP, OM etc.) Poster, Cover oder T-Shirts gestaltet. Wie kommt in den meisten Fällen die Kontaktaufnahme zustande?

Ich hatte sehr viel Glück. Ich begann meine Karriere damit, kleine Poster für die Bands meiner Freunde zu gestalten. Einige dieser Freunde gehen mittlerweile einer sehr erfolgreichen Musikkarriere nach und ich habe durch sie wiederum andere Leute kennengelernt. Für mich ist es sehr wichtig, dass ich im direkten Kontakt, mit den Bands stehe, mit denen ich zusammenarbeite. Dadurch ist zum einen der kreative Prozess spannender und zum anderen ist die Kommunikation über geschäftliche Details klarer. Die meisten der oben genannten Künstler sind Freunde von mir. Ich versuche bei den Bands auf dem Laufenden zu bleiben, um zu sehen, wie ich mich als bildender Künstler einbringen kann. Ein gegenseitiges Gefühl der Achtung ist von Bedeutung. Bei vielen Projekten hat sich die Beziehung mit der Zeit weiter verstärkt. Mit OM zum Beispiel verbinde ich eine fortlaufende Arbeitsserie. Al Cisneros und ich planen ein gemeinsames Buch mit seinen Lyrics und meinem Artwork zu veröffentlichen.

? Wenn du schon so lange und so häufig mit OM zusammenarbeitest,  welche Rolle nehmen sie für dich zum einen als Hörer und zum anderen als Künstler ein?

Wenn meine Arbeiten als Musik repräsentiert werden würden, würde ich hoffen, dass sie wie OM klingen. Das ist nicht zu verkennen und viele Leute sind der Ansicht, dass meine Arbeiten für OM das beste sind, was ich kreiert habe. OM sind sehr inspirierend für mich, in ihrer Art Grenzen zu überschreiten, in Bezug auf ihren Umgang mit Labels, Genres und Publikum. Ich wünsche mir genauso transzendent in meiner Arbeit sowie in meinem alltäglichen Leben zu sein.

? Wie wichtig ist es für dich die Musik der Künstler, für die du tätig bist, auch privat zu schätzen?

Das ist mir sehr wichtig. Ich habe das Glück, dass ich nie gezwungen war mit einem Künstler zu arbeiten, dessen Musik ich nicht zumindest auf einer grundlegenden Ebene zu schätzen wusste.

? Wenn du die Veröffentlichungen eines Künstlers hörst, wie beschwörst du das kreative Schöpfen, was sich letztlich in deiner Kunst ergießt bzw. gibt es feste Rituale/ Mechanismen entlang derer du deine Kunst kreierst?

Ich höre häufig Musik über Kopfhörer. In der Regel verbringe ich ein oder zwei Abende damit, Referenzmaterial zu sammeln und lese relevante Texte. In einem gewissen Sinne ist das ein sehr ritueller Vorgang. Häufig erzeugen Stille, Dunkelheit oder Meditation Bilder in mir. Ich bin ein begeisterter Schwimmer und manchmal wenn ich unter Wasser bin, entstehen Bilder vor meinem geistigen Auge. Zudem sammle ich Bücher. Ich umgebe mich mit antiken Gegenständen sowie Ephemera, die ich schön und inspirierend finde.

? Auf uns wirken deine Arbeiten oft als eine Art Kehrseite der musikalischen Veröffentlichungen der jeweiligen Bands. Inwieweit bedingen sich diese beiden Seiten in deinen Augen gegenseitig?

Ich frage immer die Bands, ob sie Ideen oder Anregungen haben, die sie mit einfließen lassen wollen. Dadurch habe ich einen Anhaltspunkt, von dem aus ich meine Arbeit beginne. Manchmal ist das Endprodukt sehr nah an der Ausgangsidee, aber oft auch nicht. Der Prozess unterliegt einem ständigen Wandel. Herauszufinden, wie dieser Prozess zu steuern ist, ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit.

? Tiere scheinen eine große Rolle in deinen Arbeiten zu spielen. Verwendest du diese vor allem wegen ihrer symbolischen Bedeutung?

Ja, ich liebe Symboliken, obwohl naturkundliche Illustrationen einen großen Einfluss auf meine Arbeit haben. Es ist sehr spannend die zwei Ansätze – wissenschaftliche Abbildungen und die einfache Symbolik von Tiergestalten – miteinander zu verschmelzen. Ich liebe die viktorianischen Tierabbildungen, die technisch ungenau sind, weil der Künstler auf der Grundlage der Beschreibung von einer Forschergruppe gearbeitet hat. Oft sind die Tierkörper zwar einigermaßen präzise gezeichnet, jedoch wirken die Augen zu menschlich. Tiergestalten in der Kunst sind mit Menschen auf einer tiefen Ebene verbunden. Zum Beispiel ist eine Schlange fast immer verunsichernd und faszinierend zugleich. Nicht ohne Grund ist Lucifer als Schlange im Garden Eden verkörpert.

? Du fokussierst dich bei deinen Arbeiten vor allem auf Musik. Wie kam es dazu, dass du für Lars von Triers “Antichrist“ das Poster für das Fantastic Film Fest in Austin gestaltet hast?

Die Leute von Alamo Drafthouse in Austin hatten mich gefragt, ob ich das Poster für “Antichrist“ gestalten möchte. Sie dachten, dass mein Stil gut zu den Themen des Films passen würde. Als ich mit dem Projekt begonnen habe, war der Film noch nicht der Öffentlichkeit präsentiert worden, abgesehen von einer Vorführung in Cannes. Ich hatte nur Zugang zum Trailer und zu den Werbefotos für das Kapitel “The Three Beggars“. Dort traten eine Krähe, ein Reh und ein Fuchs auf. Ich dachte, dass diese drei Tiere als Hauptcharaktere dieses Kapitels eine interessante Szene ergeben würden. Die einzige Andeutung von Menschen ist die abstrakte Form des Hüttendachs inmitten des Chaos. Ich bin sehr beeindruckt von dem Film und es war eine unglaubliche Chance für mich.

? In diesem Jahr hast du eine Serie für das Roadburn-Festival gestaltet. Was bedeutet dir das Roadburn-Festival persönlich?

Die “Roadburn-Serie“ zählt zu den bisherigen Höhepunkten meiner Karriere. Es ist ein ideales Festival für mich, da viele Bands und Leute, die dort involviert sind, mit meinen Arbeiten vertraut sind. Ich baute eine kleine Ausstellung meiner Arbeiten auf und platzierte davor einen Tisch, an dem ich meine Poster zum Verkauf angeboten habe. Das war eine absolut unglaubliche Erfahrung für mich. Es existierte eine Kongruenz von Leuten, Kunst und Bands, die ich so noch nicht erlebt habe.

? Wie kam der Auftrag zustande und was waren die größten Herausforderungen bei der Arbeit an diesem Projekt?

Ich hatte ein Poster für COMUS das Jahr zuvor gestaltet. Einer der Organisatoren traf mich in Texas und bat mich, mit ihnen zu arbeiten. Ich schlug vor, eine ganze Serie von Postern zu kreieren. Ich arbeitete an acht Bandpostern und an einem allgemeinen Roadburn-Poster, dessen Motiv auch für T-Shirts und Banner in Tilburg verwendet wurde. Da ich sehr eng mit jeder Band zusammenarbeite, war der Prozess des Fertigstellens der acht Poster bis zu einer bestimmten Deadline sehr anstrengend. Ich bin sehr froh darüber, dass die Serie am Ende gut aufgenommen worden ist.

? Wir sprachen ja vorhin schon über OM. Al Cisneros hat einmal über dich folgendes gesagt: “ D’Andrea`s work is his spiritual path“. Welche Wegmarken siehst du in diesem Zusammenhang als besonders beachtenswert an und wo führt der Weg deiner Ansicht nach hin?

Ich neige dazu mich zu beschäftigen, gute Arbeit zu machen, den weniger Glücklichen zu helfen und dieses materielle Leben so sehr wie möglich zu genießen. Ich trenne Arbeit/ Kreativität nicht von meinem alltäglichen Leben. Wenn die einzigen Meilensteine der Anfang und das Ende in diesem materiellen Körper sind, ist meine Reise dazwischen von einem tiefen Bedürfnis bestimmt, zu erschaffen und meine Arbeit Gott, der Leere oder der Akasha-Chronik anzubieten – was auch immer es dann sein wird.

? Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Rückschau und Erinnerung für dich als Künstler?

Die Vorstellung der Erinnerung ist interessant. Ich glaube, dass ich versuche die vagen Gefühle und Ahnungen, die ich gehabt habe, heraufzubeschwören. Einige meiner Lieblingskünstler sind scheinbar dazu in der Lage, tiefe Traumerinnerungen hervorzurufen. Wenn ich eine universelle menschliche Erinnerung oder großartige Vorstellung aufrufen könnte, wäre mir sehr wohl dabei.

? Man sagt, dass jeder Schriftsteller sich auch immer mitschreibt und jeder Maler sich immer mitmalt. Gelingt es bei der retroperspektivischen  Betrachtung deiner Arbeiten soweit aus dir herauszutreten, dass du David V. D’Andrea ein stückweit mitentdeckst?

Das ist sehr schwierig. Normalerweise kann ich mich daran erinnern, was ich durchgemacht, woran ich gedacht habe oder was ich mit jedem Stück zum Ausdruck bringen wollte, aber es kommt nicht so häufig vor, dass ich eine neue Entdeckung mache. Ich denke, es dauert länger, um eine gewisse Distanz zu bekommen, die man benötigt, um sich seine eigene Arbeit aus der Ferne anzuschauen. Wenn ich mir meine Skizzen von vor 20 Jahren anschaue, ist das für mich ein ziemlicher Trip! Wenn ich alt bin, werden mir meine aktuellen Arbeiten dann sicher neue Sachen offenbaren. Dennoch hoffe ich, dass ich im hohen Alter noch immer so produktiv (oder noch produktiver) bin, und dass ich noch immer relevante Arbeiten machen werde.

? Hast du bestimmte Muster der Reflektion? Gibt es deinerseits ein Interesse daran, die Quellen deiner Inspiration freizulegen?

Ich reflektiere sicher über mein Leben und meinen eingeschlagenen Weg – wie jeder. Ich denke an meine unendlich winzige Existenz und die grenzenlose Inspiration, die ich potentiell ernten kann. Ich denke, dass die ultimative Quelle ähnlich wie die Akasha-Chronik [theosophischer Terminus, der die Aufzeichnungen mystischen Wissens bezeichnet] ist. Die Bilder, die durch mich kommen, werden der Leere angeboten, wodurch hoffentlich andere dazu inspiriert werden, etwas zu erschaffen und sich mit etwas Höherem zu beschäftigen als mit dem profanen materiellen Leben.

? Welche Rolle spielen für dich persönlich die Reaktionen auf deine Arbeit?

Die Reaktionen meiner engsten Freunde sind mir sehr wichtig, das sind vielleicht drei oder vier Leute. Ansonsten genieße ich konstruktive Kritik und Diskussionen. Ich lehne es jedoch ab, aufgrund von Negativität oder aufgrund von Wettbewerb durchzudrehen.

? In subkulturellen Kontexten ist die Wahrnehmung von darstellender Kunst immer eine ganz andere als in hochkulturellen Kontexten. Würdest du diese Einschätzung teilen und was bedeutet dir dein Wirken in subkulturellen Kontexten?

Ich war schon immer in die eine oder andere Form von Subkultur involviert und ich sehe nicht, wie sich das ändern sollte, allerdings lehne ich es ab, mich dadurch beschränken zu lassen. Der Underground, oder die Subkultur, ist der Ort, wo die echte Kunst stattfindet, wo es Aufregung, Inspiration und Kampf wirklich gibt. Wenn ich etwas mache, das bewusst “Mainstream“ ist, nutze ich es als lukrative Gelegenheit und stecke das Geld sofort wieder in mein nächstes Projekt. Ich denke, dass jeder halbwegs erfolgreiche Künstler oder Designer an einem Punkt seiner Karriere in dieser Situation ist. Ich bin ziemlich froh, dass sich meine Karriere sehr organisch entwickelt hat und werde zusehen, dass es so bleibt.

? Wie definierst du die Begriffe “Empfindung“ und “Ästhetik“?

Ich denke, Ästhetik sollte am besten von denen, die von außen hineinschauen, definiert werden. Ich mache mir da oft Gedanken drüber, aber komme zu keiner Lösung. Ich habe eine klare Vorstellung von meiner eigenen Ästhetik, aber die größere Bedeutung kann man unmöglich festmachen. Man braucht eine Balance zwischen Spontaneität und Empfindung.

? Welche Rolle spielt “Authentizität“ für dich als Künstler? Ist ein authentischer Künstler auch immer ein Prometheus?

Ich weiß nicht, wie man “Authentizität” beurteilen sollte. Ich glaube an die Arbeit von jemandem. Die Arbeit steht für sich. Die Vorstellung des Künstlers als Märtyrer enthält ein Körnchen Wahrheit, aber scheint eigentlich manchmal aussichtslos zu sein. Es stimmt, dass ich weltliche Dinge für meine Kunst opfern würde, und manchmal bin ich davon überzeugt, dass ich es mache, aber jeder ist anders. Meistens führen zu viel Gerede und Selbstmitleid sowieso zu wenig überzeugenden Werken!

? Für Friedrich Nietzsche reichten ein Blatt Papier und ein Schreibwerkzeug, um “die Welt aus den Angeln zu heben.“ Wie weit bist du mit dererlei Gedanken vertraut und welche Rolle spielen sie für deine Arbeiten?

Ich bin kein Nietzsche-Scholast, aber der Gedanke ist fantastisch. Das erinnert mich an meinen Lehrer, den Illustrator Barron Storey, der Mensch, der mich am meisten in meinem Leben inspiriert hat. Barron lehrte mich, dass ein Illustrator lediglich einen Stift und eine Fläche benötigt, um etwas Unvorstellbares zu erschaffen.

? Um noch mal den Bogen zur Musik zu schlagen. Welche Alben haben dich dieses Jahr besonders beeindruckt beziehungsweise auf welche kommenden Veröffentlichungen freust du dich am meisten?

Ich warte auf das neue Album von OM. WHITE HILLS sind sehr produktiv. Außerdem höre ich: Daniel Higgs “Ultraterrestrial Harvest Hymns”, SIX ORGANS OF ADMITTANCE “Asleep on the Floodplain”, WOVENHAND “The Threshing Floor” und alles von GNOD und Twig Harper/ Daniel Higgs “Clairaudience Fellowship” ist für mich das psychedelischste und außerweltlichste, was jemals auf Tape aufgenommen worden ist.

? Gibt es Pläne, dass du in naher Zukunft deine Arbeiten auch in Europa ausstellen wirst?

Ich würde sehr gern in Europa ausstellen. Leider hat sich dafür noch nicht die richtige Gelegenheit geboten. Wer mich dabei unterstützen kann, soll sich bitte bei mir melden. Ich würde auch gern einige Kollegen treffen und vielleicht innerhalb eines erweiterten Aufenthalts dort arbeiten.

? Welche Projekte verfolgst du dieses Jahr noch?

OM sind gerade dabei, ein neues Kapitel mit einem neuen Album und einer Tour aufzuschlagen. Ich arbeite gerade an einem aufregenden auf Naturwissenschaft basierenden Filmprojekt. Ich werde den Prozess des Buchdruckens lernen, da ich kürzlich eine wunderschöne Chandler und Price-Presse aus dem Jahr 1910 erworben habe. Mein Studio fungiert jetzt also auch als Verlag. Handgearbeitete Poster und Bücher von mir und ein paar Freunden werden unter “The River“ veröffentlicht werden.

? Was bleibt noch zu sagen?

Vielen Dank für euer Interesse!

(D.L., S.L., M.G.)

 

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